awip47201601
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A Week in Pictures 47/2016

Ich weiß nicht warum, aber mit den eigenen Gewohnheiten zu brechen, funktioniert fast immer. Letztens musste ich auf der Couch im Wohnzimmer schlafen, weil ich mein Bett, Held der ich bin, für eine Nacht an Freunde verliehen hatte. Die Gäste fuhren sehr früh, ich bekam es nur halb mit, da meine Vitalfunktionen bis ungefähr 10:00 Uhr auf das reine Überleben beschränkt sind, aber weil es fiese Freunde waren, stellten sie heimlich meinen Alf-Wecker auf eine sehr unchristliche Uhrzeit, versteckten ihn und machten sich dann aus dem Staub. Zu Tode erschreckt lag ich also gegen 8 Uhr wach, es war Sonntag, mein Körper war noch immer gelähmt und mir blieb nichts anderes übrig, als mich mit dem zufrieden zu geben, was in nächster Nähe greifbar war. Und so tat ich etwas, das ich früher sehr oft gemacht und dann irgendwie irgendwann mal verloren habe: Ich nahm mir ein Buch und las einfach.
Vormittags bzw. direkt nach dem Aufwachen zu lesen, ist einfach das Allerallerbeste. Man liest viel mehr, wird nicht sofort wieder müde und man muss sich anschließend nicht den ganzen Tag über Vorwürfe machen, dass man es am Abend vermutlich eh wieder nicht fertig bringen wird, etwas zu lesen. Wie in dem Sven-Regener-Interview letztens, als er erzählt, warum er täglich eine Stunde schreibt und warum er das zwischen 06:30 Uhr und 07:30 Uhr morgens macht: Einfach, weil er dann den ganzen über das Gefühl hat, schon etwas geschrieben zu haben. Nun halte ich es für absolut unzivilisiert, vor 09:30 Uhr aufzustehen, aber auch das ist ja so eine Sache.
Letztens habe ich überlegt, an welchem Punkt des Wochenendes man das Gefühl hat, das Wochenende sei vorbei. Meist kippt dann innerlich irgendetwas. Aber ich glaube, dass es spätestens Samstagnachmittag ist. Eigentlich kippt es meist schon irgendwann von Freitag auf Samstag, weil einem dann dieser Puffertag wegfällt, der einen vorm Montag fernhält. Nicht, dass ich als Selbstständiger nicht sowieso jeden Tag irgendetwas machen würde bzw. einfach mal mitten in der Woche Wochenende anordne, aber Sie wissen, was ich meine.
Mein Problem ist, dass ich gern lang wach bleibe bzw. mir einbilde, nachts am produktivsten zu sein. Gleichzeitig mag ich es aber auch, früh aufzustehen, weil ich dann das Gefühl habe, noch so viel Zeit zu haben. Optimale Voraussetzungen für eine harte Schlafstörung. Und wenn ich dann tatsächlich etwas mache und, sagen wir mal, um 11 Uhr schon all meine chores erledigt habe, dann fühlt es sich einfach nur fantastisch an. Gleiches funktioniert aber auch zu jeder anderen Uhrzeit, denn es hängt eher davon ab, dass man einfach direkt anfängt, etwas zu tun, statt erst einmal durch zweistündiges Herumsitzen ein wenig Momentum zu generieren.
Und nein, das beißt sich überhaupt nicht damit, nach dem Aufwachen erst einmal eine halbe Stunde/Stunde zu lesen. Es fühlt sich genau so an. So, wie wenn man sich zum Essen mal richtig an den Tisch setzt und nichts tut, außer zu essen. Oh Gott, ich schreibe wie die Leute vom Weekender. Mindfulness und solches Zeug.
Es geht bergab. Rapide.

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awip46201601
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A Week in Pictures 46/2016

Bei den Ghostbusters sind die Toten immer so lange als Geister auf der Erde unterwegs, bis sie endlich diese eine Sache erledigt haben, die sie dringend noch machen müssen. So wird das bei mir auch. Nur mit dem Unterschied, dass ich vermutlich ewig ein Geist bleiben werde, weil meine Post-mortem-To-do-Liste völlig diffus sein resp. sich immerfort erweitern wird. So von wegen „Ach fuck, ich wollte doch auch nochmal nach Tokio fahren! Braucht man als Geist eigentlich ein Flugticket? Und Kabeljau habe ich auch noch nie probiert! Außerdem hat da auf der Eisenbahnstraße dieser neue Laden aufgemacht und wie komm ich eigentlich in diesen ominösen Leipziger-Osten-Verteiler?“
Vielleicht werden deshalb die Leute mit der Zeit mild und genügsam. Wenn ich mich da noch einmal selbst zitieren darf: „Erwachsensein, das hieß für mich, alles zu dürfen, wenig zu wollen und für nichts davon Zeit zu haben.“ Und das darf natürlich nicht sein. Zwar sagt man immer, man soll nicht immer nur gegen etwas, sondern muss irgendwann auch mal für etwas stehen, aber das heißt ja nicht, dass man deshalb das Dagegensein vergessen soll. Die schöpferische Kraft der Empörung, nennen das die Anarchist*innen. Wut ist Treibstoff, sagt Superkollege Till Reiners dazu. Und „nur keine Nachlässigkeit in den kleinen Dingen“, heißt es bei Beckett.
Und das sind dann so Momente, in denen ich plötzlich ganz unruhig werde, die komplette Wohnung putze, alles erledige, was es gerade zu erledigen gibt und um 23 Uhr dann doch noch das ALF-Bild aufhänge. Nach nur acht Monaten.

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A Week in Pictures 45/2016

Wenn ich gut in etwas bin, dann zum Beispiel darin, den Moment zu verpassen, Leute zu grüßen, die ich zwar kenne, aber eben nicht so richtig persönlich. Das heißt, wir wissen genau von einander, wer wir sind, aber haben vielleicht noch nie miteinander geredet. Und dann bemerkt man die andere Person irgendwo, aber die guckt grad nicht und dann guckt man krampfhaft weg und schließlich ist es irgendwann einfach zu awkward, doch noch zu grüßen, obwohl man sich offensichtlich die ganze Zeit sieht und gesehen hat und deshalb grüßt man eben nicht und das ist auch wieder awkward. Obwohl einfach grüßen und zur Not halt ein Nicht-zurück-gegrüßt- oder Per-Todesblick-angestarrt-werden zu riskieren sowieso am einfachsten wäre. Ich weiß das. Aber selbst wenn man denn nun grüßen würde, wäre da ja immer noch das, wie ich es nenne, ‚Was-kommt-nach-dem-Hi?-Problem‘. Denn wer sagt denn, dass so ein Gespräch einfach so läuft? Klar, es gibt Leute, die können das. Aber wenn ich im Spiel bin, dann sinkt die Chance schon mal um stabile 50 Prozent. Bzw. um noch viel mehr, je spontaner/zufälliger so ein Zusammentreffen geschieht und mich aus meinen völlig weirden tiefgründigen Gedankengängen. Ein Beispiel (das ich mir natürlich vollkommen ausgedacht habe):
„Hi.“
„Na!“
„—“
„—“
„Tja.“
„Mhm.“
„Na dann.“
„Jo.“
Das sind so Momente, an die ich mich zehn Jahre später noch kurz vorm Einschlafen erinnere und dann denke: “ Oh Gott, bring dich um!“. Und genau wegen solcher Momente beginnt man ja auch, so ein einfaches „Hallo“ oder gar ein Nicken nicht mehr so leichtfertig zu riskieren, weil man könnte sich zehn Jahre später deswegen ein angespanntes Verhältnis zu Rasierklingen einhandeln. Das Ganze ist fast so grauenhaft, wie wenn man zu einer Gruppe von Leuten hinzu stößt und allen Hallo sagt, aber eine Person aus Versehen vergisst. Und zuerst merkt man es vielleicht gar nicht, aber dann fällt es einem auf und dann bemerkt die Person es plötzlich auch und dann kann man sich eigentlich auch direkt aus dem Fenster stürzen. Erschwerend kommt sogar noch hinzu, dass ich mir immer total gut Gesichter und Hintergründe, aber keine Namen merken kann. Und dann sagen die Leute „Hey, André, na?!“ und ich denke ‚Ah stimmt, vor dreieinhalb Jahren da auf dieser Party, wir standen in der Küche und redeten über Gurkensalat mit Milch. Du trugst ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift Slippery when wet und das war witzig, weil halt Bon Jovi und so, aber eben auch ein bisschen eklig. Es war schätzungsweise 21 Uhr 45 Minuten und 12 Sekunden und im Hof schrie gerade jemand seine Katze an. Sie hieß Mirko.‘ und sage: „Heeeeeeyyyyyy, na du?“
Es ist alles nicht so einfach mit der Kommunikation.
Letztens stand ich vor einem Veranstaltungsraum nahe der Eisenbahnstraße, wartete auf jemanden, rauchte eine Zigarette und als ich von weitem eine Person kommen sah, rief ich, casual dude, der ich nun mal bin: „Na, ganz allein im Dunkeln die gefährliche Eisenbahnstraße lang gelaufen?“
Und erst dann bemerkte ich, dass das jemand völlig anderes war, der da gekommen war, nämlich ein armes Studentenmädchen, das völlig entsetzt stehen blieb, die Straßenseite wechselte und anschließend weg rannte. Prima, Antreh, wieder einen Menschen in die Psychotherapie getrieben. Wahrscheinlich war sie sogar noch Ersti, ist erst im Oktober all den Warnungen ihrer Eltern zum Trotz auf die Eisenbahnstraße gezogen und dann komme ich und zerstöre ihr Leben. Schlimmer noch, bestimmt hat sie sogar noch die Rede bei der Feierlichen Immatrikulation gehört und dann so etwas.
Ich bin ein furchtbarer Mensch.

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awip44201601
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A Week in Pictures 44/2016

Die Raubbauwoche.
Die eigentlich immer so ein halber Urlaub sein soll, an deren Ende ich jedoch direkt einen richtigen Urlaub bräuchte, um mich von ersterem zu erholen. Aber es ist ja schön, auch wenn es irgendwie zu meiner Konfiguration gehört, immer dann Ruhe haben zu wollen, wenn es gerade überhaupt keine Zeit gibt und immer dann Hektik zu brauchen, wenn gerade mal alles stillsteht. Carpe diem finde ich also offensichtlich nicht nur als Wortspiel unmöglich. Aber das ist wohl einfach so. Genau wie die Tatsache, dass ich praktisch immer Bedenken habe, jeden Augenblick krank zu werden. Zwar bin ich noch nicht so weit, dass ich mit Mundschutz und Handschuhen herumlaufe, aber das ist sicher auch nur noch eine Frage der Zeit resp. eines längeren Aufenthalts in Tokio. Ich glaube, Japan ist nichts als die konsequente Umsetzung meiner issues. Wobei das jetzt mitunter auch sehr weird klingt. Sei’s drum. Aber natürlich hätte ich so eine Computertoilette, wenn es die hier nur gäbe. Natürlich halte ich in Fahrstühlen und in der U-Bahn die Klappe. Und natürlich bestand mein Lebenstraum zwischen 12 und schätzungsweise 15 aus nichts Anderem, als bei Takeshi’s Castle mitzumachen. Oder halt bei American Gladiator.
Jetzt, nach einer Woche Raubbau am eigenen Körper, denke ich praktisch ständig, dass ich vermutlich jeden Augenblick krank werde. Es muss doch. Man kann nicht einfach ungestraft viel zu wenig schlafen, viel zu viel rauchen und nebenbei noch die meiste Zeit über irgendwo draußen herumstehen, weil man raucht ja so viel. Wobei das natürlich nicht passieren wird, denn ich habe ja noch etwas zu tun. Ich kenne mich doch. Krank werde ich erst, wenn der Kalender gähnende Leere zeigt. So ein „Ich zeige meiner Arbeit Dank und werde nur im Urlaub krank“-mäßig trainierter Körper. Leisure sickness nennt man so etwas. Und das habe ich natürlich. So, wie all meine Mitjapaner*innen vermutlich auch.
Keine Ahnung, warum ich das schreibe. Vielleicht, weil ich in dieser Woche nicht einmal richtig zu kam, mir über irgendetwas Gedanken zu machen, das nichts mit Poetry Slam resp. den Poetry-Slam-Meisterschaften zu tun hat. Und das ist dann eben der brakige Bodensatz, der sowieso immer im Kopf hin und her schwappt. Und jetzt hätte ich Lust, einfach mal so eine Runde nachzudenken. Wird aber nix, denn im Kalender steht schon wieder etwas. Vielleicht danach dann, da ist noch was frei. Aber da wird mir dann sicher die Hektik fehlen. Ich kenne mich doch.

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