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A Week in Pictures 38/2016

Party!
Ich mag ja lieber Konzerte. Und Szenerien, in denen es zu eng ist, um moves zu machen wie der Technowikinger. Ansonsten schaue ich viel lieber Leuten dabei zu, wie sie so vor sich hin rudern, als hätten sie wieder gekokst (im Zweifelsfall haben sie meist wirklich gekokst) und versuche ein Muster in ihren Bewegungen zu erkennen, das ich kopieren könnte, um als einer von ihnen anerkannt zu werden. Aber immer, wenn ich dann gerade kurz davor bin, den Code zu knacken, kommt irgendjemand und brüllt mir, vermischt mit etwas Spucke, entgegen: „Tanze ma, Antreh! Du musst doch ma tanzen! Wieso tanzt’n du nee?“ Und dann schaue ich mit leerem Blick ins Nichts und antworte: „Ich bin dazu verdammt, den Schmerz aller in diesem Raum gleichzeitig auf meinen Schultern lasten zu wissen. Darum lasst mich bitte noch ein wenig ruhen.“ Wahlweise droppe ich auch einfach das großartige Dr.-Manhattan-Zitat („While I am standing still, I prefer the stillness here. I am tired of earth, these people, I’m tired of being caught in the tangle of their lives.“) und lasse mich zuverlässig als überheblichen Irren einordnen.
Außerdem finde ich es einfach unglaublich arrogant, mir vorzuwerfen, es wäre nicht „normal“, wenn ich lieber sitze und gucke, denn meine arms in the air zu throwen like I just don’t care. Ich care halt leider. Bzw. brauche erst eine Menge Getränke, um meinen Kopf auszustellen und eben nicht mehr zu caren. Denn prinzipiell care ich ja überhaupt nicht, aber das mehr so auf der Metaebene. Aber so en passant natürlich trotzdem immer. Außerdem tut mein rechter Ellenbogen noch immer weh.
Letztens habe ich einen sehr guten Text gelesen, in dem eine Autorin sich darüber ausließ, wie doof sie es findet, dass ihr Kind immer auf sein Geschlecht reduziert wird und wie sie tragischerweise mit ansehen muss, dass das Kind mittlerweile beginnt, sich den gesellschaftlichen Vorstellungen von Geschlechterrollen anzupassen, damit es nicht dauernd aneckt, weil es mal wieder blau statt rosa trägt. Und dabei hatten wir doch gehofft, gender sei over.
Ich will das zweifelsohne völlig wichtige Thema jetzt nicht wegschieben oder herunterspielen, aber noch viel interessanter fand ich den Absatz über „Retraditionalisierung“. Soll heißen: In der Gesellschaft vollzieht sich gerade Rückkehr der junger Leute zum Traditionellen, sei es in puncto Geschlecht, Arbeit, Politik oder Zusammenleben. Kurzum: Was in den letzten 40 Jahren in eben diesen Bereichen so mühsam erkämpft wurde, wird jetzt gern als zu anstrengend, zu übertrieben angesehen und deshalb wieder über den Haufen geworfen, weil die Welt ohnehin schon unsicher und gefährlich genug sei und man da ja ruhig mal einen Gang runterschalten könne. Eine Mischung aus Biedermeier und Spießer quasi, nennen wir sie doch spaßeshalber mal Spießermeier. Ich schreibe ja schon seit Monaten darüber, dass jetzt irgendwie alle heiraten oder Nachwuchs werfen. Weil, das macht man halt so. (UND DIE UHR TICKT!) Und es sei ja auch irgendwie schön, so eine Institutionalisierung. Was Handfestes eben. Und die Kinder haben dann schöne einfache, deutsche Namen, gern auch schwedisch oder so. Wobei die Mädchen gekleidetet werden wie Michels Schwester Ida und die Jungs wie Zeitungsboys aus dem beginnenden 20. Jahrhundert. Abends bleibt man dann gern zu Hause, Netflix und so, denn der Alltag ist ja so hektisch und die Grünen zu wählen eigentlich progressiv genug. Und ein kleiner Kräutergarten ist so eine richtig meditative Sache. Mal die Seele baumeln lassen.
Bitte denken Sie nicht, ich sei zynisch. Ich gönne allen alles, außer sie sind Nazis oder stehen auf so weirdes Zeug wie rote Beete. Aber wie Sie wissen, müssen wir a) immer Punk bleiben und b) stamme ich nicht von diesem Planeten und bei uns zu Hause ist das eben alles ein bisschen anders. Deshalb schaue ich dem Spektakel mit solch aufgerissenen Augen zu und mache mir so meine Gedanken. Außerdem könnte ich ja jederzeit König werden und da will mein Weltbild gefestigt sein. Denn ich glaube trotzdem, dass es der falsche Weg ist, da mitzumachen. Was natürlich keine Handlungsanweisung sein kann, weil dann wäre sie ja mainstream und könnte gar nicht anti-establishment sein bzw. nur insofern sie ganz schwammig wäre und hieße:

1) Misstraue immer allen Regeln.
2) Mach darüber hinaus, was du für richtig hälst, außer, du könntest damit jemander/m außer dir selbst schaden oder es hat etwas mit roter Beete zu tun, dann lass es sofort!
3) Bemüh dich um Konsens, aber mach nicht alles vom Konsens abhängig.
5) Tritt immer nur nach oben.
6) Arbeite immer so wenig wie möglich.
7) Vor 09:30 Uhr ist Mord.
8) Wird schon. Wurde bisher immer.
9) Misstraue auch diesen Regeln.
10) Wo war eigentlich Punkt 4?

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Life in se Eisenbahnstraße: Zigrette

Als ich in die Straße, die schnurgeradeaus zu mir nach Hause führt, einbiege, sehe ich schon das Polizeiauto in der Querstraße.
Nee nee nee, denke ich, trete nochmal in die Pedale, biege an der nächsten Kreuzung nach links, dann wieder nach rechts. Kein Polizeiauto mehr da.
Läuft, denke ich und fahre weiter.
Im selben Moment überholt mich ein Polizeiauto.
Na klasse, denke ich, während mich ein grinsender Polizist aus dem Beifahrerfenster anschaut.
„Woll’mer ma anhalten?“, brüllt mir der Polizist entgegen.
„Wie jetzt, ob wir wollen?“, frag ich.
„Na, halt’mer ma an?“
„Ja, soll ich oder nich?“, rufe ich.
„Halten Se ma an!“
„Okay“, sage ich und halte an.
Ich hasse es, wenn Leute Anweisungen in Fragen verpacken, weil sie glauben, das wäre netter.

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A Week in Pictures 37/2016

Fränkisch macht mich aggressiv. Es tut mir leid, das so sagen zu müssen, aber es stimmt. Kein Wunder, dass die Bahn direkt reagiert hat und in naher Zukunft ihr Zugpersonal mit Pfefferspray und Kampfsportlektionen ausstatten will. So böse, wie ich immer gucke. Ich mag die Zugstrecke Richtung München aus mehreren Gründen nicht. Erstens, weil man dabei durch Thüringen und von Saalfeld bis Nürnberg durch ein Tal der absoluten Empfangslosigkeit fährt (die Älteren werden es noch als jenen Streckenteil kennen, in dem es mal Neigetechnik gab) und zweitens, weil man andauernd von irgendwelchen Franken wachgefränkelt wird, weil sie sich natürlich immer neben eine/n setzen und man dann beim nächsten Halt so tun muss, als wolle man aussteigen, aber eigentlich geht man nur einen Wagen weiter und sucht sich dort einen ruhigen Platz, bis der/die nächste Frank/in ankommt. Jetzt, so kurz vorm Oktoberfest, saßen sogar schon die ersten Männer mit Lederhosen im Zug und öffneten sich um 10 Uhr das erste Augustiner. Ich trank zwar auch aus einer Bierflasche, aber immerhin nur Spezi, was einen älteren Herren, der mich irgendwann mutig fragte, ob ich nicht noch ein Bier übrig hätte, nachdrücklich verwirrte („In Bierflaschen? Barbarisch!“, sagte er. Hihi).
So oder so ist der Zustand, in dem ich mich gerade am meisten befinde, vermutlich mit „ohnmächtig“ zu beschreiben. Wobei ich damit nicht meine, dass ich die ganze Zeit besinnungslos auf der Straße herumliege, sondern die vergeistigtere Variante des Wortes. So, wenn man zufällig daneben steht, während gerade eine Flutwelle ein ganzes Küstendorf wegreißt und nichts dagegen tun kann, weil Stillhalten noch am sichersten ist. So ein bisschen romantisch weil herrlich tragikomisch, aber im Endeffekt doch eher tragisch, weil mehr bitter denn komisch. Das mag einerseits am beginnenden Herbst liegen (Ich hasse Herbst! Das heißt, eigentlich mag ich ihn, Gilmore Girls, Indian Summer und so, aber ich hasse Nass- und Krankwerden, und das passiert eigentlich immer im Herbst), andererseits an dem üblichen Problem, dass ich mittlerweile das Gefühl habe, beim großen „Wir werden normal“-Spiel den Anfang verpasst zu haben (was jetzt nicht heißen soll, dass vorher alle so crazy waren, aber Sie wissen schon) und es jetzt auch irgendwie keinen Sinn mehr macht, da noch einzusteigen. Noch dazu, weil ich das Spiel sowieso nicht so geil finde (Woah, Antreh, du alter outlaw!). Letztens fragte mich ein netter Mann von der Zeitung, ob ich denke, dass mein Leben meinem Alter entspräche. Joa, hab ich gesagt, ich esse viel zu ungesund und werde deswegen in zehn Jahren vermutlich einfach auseinander fallen, ich kenne mich viel zu gut mit Trickfilmintros aus, interessiere mich viel zu sehr für Jugendsprache, lese andererseits aber auch furchtbar gern Thomas Mann und überhaupt ist das alles unendlich privilegiert und so, aber ja, das heißt natürlich eigentlich nein, eben weil sich ja gerade alle in vollkommen andere Realitäten zurückziehen und ich hier einfach bis mittags ungeduscht sitzen bleibe und zum Frühstück Gummischlümpfe esse (Ach Gottchen, Antreh, der kleine Veränderungsskeptiker! Typisch Einzelkind, erstmal alles auf sich beziehen! Was wurde eigentlich aus „Wird schon. Wurde immer.“?).
Und dann sitzt man plötzlich wieder irgendwo (wenn man überhaupt noch irgendwo sitzt), alle trinken Wein (wann hat das eigentlich angefangen?) und es fallen Sätze wie: „Einen Smoking kann man ruhig im Schrank hängen haben.“ Und dann lache ich, weil ich habe nicht mal einen Schrank, niemand lacht mit und ich denke ein bisschen ans Sterben. Und dann redet man plötzlich übers Wetter, weil Wetter geht ja immer oder eben über Fußball und man denkt sich: Huih, da gab’s auch mal mehr Themen.
Tut mir leid, dass ich gerade etwas wehmütig bin. Aber ich habe eben dieses „Lied“ über meine Heimatstadt gehört und möchte jetzt nur noch, dass möglichst schnell die Welt untergeht. Die Apokalyptischen Reiter sind ja schon da. Und sie machen „Musik“.

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A Week in Pictures 36/2016

ALF statt AfD, schön wäre es. Sowohl keine AfD, als auch im Gegensatz dafür einen ALF zu haben. Natürlich nicht „zu haben“, immerhin ist Alf ein selbstbestimmtes Wesen. Aber er könnte gern bei mir wohnen. Ich würde für ihn sogar umziehen, damit er sein eigenes Zimmer bekommt. Mit Rattanmöbeln und einem Stierkopf an der Wand, so wie er es mag. Obwohl ich es eigentlich ganz witzig hier finde. Heute zum Beispiel habe ich zum ersten Mal jemand richtig Betrunkenen gesehen, was wirklich bemerkenswert ist, denn die meisten sind ja dann doch eher spiel- oder heroinsüchtig. Schön wäre es ja, wenn der Postillon recht hätte und die Nazis aus Rache an den Flüchtlingen freiwillig nach Syrien flüchten würden. Oder wie es Horkheimer so schön erklärte.
Ansonsten: Mehwoche.
Fetzt einfach nicht, wenn man die ganze Zeit klingt, als hätte man sich die Atemwege mit Spachtelmasse zugeschaufelt. Den Großteil der Woche habe ich ausschließlich damit verbracht, französische Slam-Musik zu hören und alle zwei Minuten so umständlich Luft holen zu müssen, dass die Leute um mich herum immer dachten, ich seufze gerade ganz tragisch, denn mir wäre etwas total Schlimmes passiert. Und immer dann, wenn es gerade wieder halbwegs besser wurde, habe ich fröhlich geraucht, weil es wäre ja langweilig sonst. Vermutlich habe ich schon längst eine Lungenentzündung und weiß es nur noch nicht. Ich wette, in drei Wochen lebe ich auf dem Zauberberg und dann war’s das. Meine Chemielehrerin hat uns damals immer an der großen Ammoniakflasche riechen lassen, wenn wir ganz schlimm erkältet wären. Man verlor bei der Prozedur vermutlich immer circa 3-5 IQ-Punkte, aber Nase und Lunge waren erstmal frei. Und in Sachsen-Anhalt ist man praktisch veranlagt. Da wählt man erstmal AfD und dann schaut man, was die eigentlich so machen. Falls Sie jedenfalls mitlesen, Frau Chemielehrerin, seien Sie hiermit gegrüßt (Nein, nicht Sie! Die andere!). Manchmal habe ich leider das Gefühl, dass hier viel zu viele Leute mitlesen. Da erfahre ich in Gesprächen plötzlich Dinge über mich, die ich längst schon nicht mehr weiß, nur weil sie mein persönlicher Mr Hyde wieder Sonntagabend ins Internet reingeschrieben hat. Letztens wurde ich getadelt, weil das „Was fehlt“ fehlte. Vielleicht sollte ich es wie die ganzen Zeitungen machen und ab jetzt einfach Geld fürsLesen verlangen. Und zack!, wäre ich wieder alleine. Aber das wäre auch irgendwie blöd. Nicht wahr, Mutter?

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A Week in Pictures 35/2016

Da haben wir’s! Die menschliche Zivilisation strebt (fast) unaufhaltsam dem eigenen Untergang entgegen. Und das nicht nur (aber ich finde auch vor allem), weil gerade alle Menschen heiraten und/oder Kinder bekommen. Irgendwie erinnert mich langsam alles an diese Szene aus Wrong Turn, wo sie am Anfang an dieser Weggabelung stehen und ich beim Gucken dachte: „Nein verdammt, geht in die andere Richtung, das ist doch ganz offensichtlich die falsche!“ und dann rennen sie direkt diesen Horrorhillbillies in die Arme. In meiner Version des Films hätten sie einfach die andere Straße genommen, hätten innerhalb von 5 Minuten die nächste Stadt erreicht und man hätte Ihnen die restlichen 80 Minuten lang dabei zugesehen, wie sie in einer Bar sitzen, Bier trinken und darüber flachsen, was wohl passiert wäre, hätten sie diesen gruseligen anderen Weg genommen. Ein herrlicher Familienfilm. Verzeihung, ich wollte das jetzt nicht miteinander gleichsetzen. Es ist nur erstaunlich, wie gleichzeitig das alles passiert. Und mit welcher Vehemenz sich gerade alles in diese gesellschaftliche Normativität und Normalität fügt. Selbst Burkhard Jung, eigentlich Punk der ersten Stunde, ist mittlerweile wieder verheiratet. Und wie soll ich denn standhaft anti establishment bleiben, wenn selbst Dagi Bee schon ihre Traumhochzeit plant? Ist ja auch vollkommen okay, hätte ich nur nie so groß und generell erwartet. Anderes Thema: Ich suche neue Freunde.
Nein, Quatsch. Immerhin kommt bald eine neue Playstation raus, wer braucht dann noch Menschen?

I can't go on, I'll go on. (Weiterlesen…)