Erneut schamloser Ideenklau von Anke Gröner, aber die Idee ist einfach klasse. Da ich selbst den Spaß erst seit ein paar Tagen verfolge und mitmache, beläuft sich meine Favoritenliste bisher ausschließlich auf Nachrichten aus dieser Zeit, die Selbstreferenzen seien mir gegönnt, Vollständigkeit nicht garantiert.
# versprochen
Das Handy führte ihn zuverlässig in die Rue Gabrielle. Mit grünen Ranken behangenen lag das Haus neben einem kleinen Lebensmittelladen, über die sandsteinfarbenen Häuser konnte man nicht weit entfernt die Türme der Sacré-Cœur erkennen. Er zog seinen Koffer auf den Treppenabsatz, drückte die Kombination für das Außentor auf der kleinen Tastatur und eine kleine Lichtwelche rollte über das Display, ehe das Schloss aufsprang und den Weg zur Haustür freigab. Nachdem er die zweite Kombination eingegeben und sein Gepäck durch den schmalen Durchgang des Vorderhauses gezogen hatte, stand er im Innenhof. Das Hinterhaus sah weitaus verfallener aus als das vordere, in allen drei Stockwerken standen die Fenster weit offen, aus dem ersten Stock klang ein ruhiger Chanson, von dessen Inhalt er kaum etwas verstand, dahinter Gemurmel und Gelächter.
“Hallo?”, rief er mit nach oben gestrecktem Kinn aus dem Hof hinauf.
Die Musik wurde leiser und ein dünner junger Mann streckte sich aus dem Fenster. Seine Haare waren pechschwarz und seine karamelfarbene Haut machte sein weißes Unterhemd strahlen. Er sah sich um und dann in den Hof, lächelte und die schwarzen Stoppeln in seinem Gesicht zogen sich zu den Seiten.
“Ah, du bist Sebastien!”, rief der junge Mann grinsend.
“Adem?”
# Ulrike Almut Sandig: Flamingos
Was hat es mit der Frau auf sich, die dem Silbersee ihren Namen gab? Was braucht es, den Tod des eigenen Vaters zu verkraften? Warum sollte man Anja nicht blind nennen? Wenn man bei einem Monat von einer Zeit lang sprechen kann, dann hatte ich mir schon eine Zeit lang vorgenommen, mir Ulrike Almut Sandigs Kurzgeschichten-band Flamingos zu besorgen. Dass ich ihn dann netterweise geschenkt bekam, war umso besser. Ich las ihn auf der Bahnfahrt nach Braunschweig und zurück, elf Geschichten auf 176 Seiten, manchmal ein wenig surreal, dafür alle ruhig und bedacht, sprachlich komponiert, und die Güte des Gelesenen erschließt sich einem hin und wieder erst, wenn man das Buch aus der Hand gelegt und dann später noch einmal darüber nachgedacht hat.
Wahrscheinlich ist es zu große Phrasendrescherei, zu sagen, man würde den Geschichten anmerken, dass Ulrike Almut Sandig als Lyrikern bekannt geworden ist, treffender ist, dass sie für ihre Geschichten eine Sprache gefunden hat, die den Leser dicht an die jeweiligen Personen heran rückt und sie dennoch immer ein bisschen auf Distanz hält, was sie allesamt ein wenig merkwürdig, aber die Personen gleichzeitig so nachvollziehbar macht. Die Sätze sitzen allesamt, wirken sprachlich so naiv, aber kunstvoll gesetzt und können nur deshalb so genau beobachten. Alle Geschichten kommen ohne große Wendungen aus und kündigen sie im anderen Falle sogar noch an; wenn sie laut werden, weiß man, dass darauf zermarternde Ruhe folgen muss. Im Gegenzug mildert die vorherrschende Surrealität mancher Geschichten die Stimmung ein wenig, bis man sie nur noch so hinnehmen kann, wie sie sind – dass genau dass die Figuren dann auch tun, ist bei weiterer Überlegung eine tolle Idee. Die entrückten Orte, die irgendwo im Osten Deutschlands zu sein scheinen, sind mit so wenigen Worten so toll umrissen, dass in ihnen ohnehin alles ein wenig weltfremd erscheint. Und hierin spielen Ulrike Almut Sandigs Geschichten, klein und ruhig, bis sie den Leser im Nachgang überrollen. Tolles Debüt, da haben die Buchschenker Geschmack bewiesen, da kann man neidisch werden.
Ulrike Almut Sandig: Flamingos
Schöffling, 176 Seiten
ISBN: 3895611859
# Aphorismus des Tages [194]
In der Theorie bildet sich die Meinung des Volkes erst in der Repräsentation, indem sie Partikularinteressen zurück und das allgemeine zum eigenen Interesse werden lässt. Und heute feiert sie einen Karneval der Absurditäten, Klippe um Klippe hinab, vielfältig und weitläufig mag man sich artikulieren, nur erhört wird man nicht.
# couchsurfing paris city
“Alter, eine Woche kostenlos da wohnen, dann ist das doch ein unschlagbares Angebot!”, sagte Thomas noch einmal, “Das muss man mitnehmen!”
“Ja”, sagte ich, “Hast schon recht.”
“Natürlich hab ich recht, besser geht’s doch gar nicht, wir brauchen nur Essen und Trinken bezahlen!”
Die Schlange rückte mit aberwitzig vielen Schritten ein winziges Stück weiter vor, ich blieb stehen und sah noch einmal zurück zur Gepäckaufgabe, Thomas bemerkte es.
“Mach dir nicht ins Hemd, man!”
“Schon gut”, sagte ich und blickte wieder ins Leere. Keine zehn Kilo hatte der Koffer gewogen, wir konnten ihn nicht öffnen, weil wir die Zahlenkobination nicht kannten und wussten also auch nicht, was drin war. Die Frau hinter der Waage hatte nur gelächelt und mit der Hand über die rote Schleife am Griff gestrichen, als ich das Hartschalenmonster einhändig aufs Band gehoben hatte.
“Ist nur ein Freundschaftsdienst, so sparen die ja auch Geld!”, sagte Thomas.
“Ja, ja”, wir waren an der Reihe, ich begann, Gürtel, Portemonnaie, Handy und so weiter in eine der Plastikschalen umzuschichten, Thomas zeigte auf die Duty-Free-Läden.
“Ob die da drin Pudding haben?”




















