Direktsurrender

Zum Zürcher Poetry Slam Festival in den schönen Schiffbau sollte es gehen, besser gesagt zum im Rahmen des Festivals statt findenden internationalen Poetry Slam Cup. Teams aus Deutschland, der Schweiz, den USA und Frankreich sollten ausfechten, wer die schönste und geschickteste Kombination von Einzel- und Teamtexten auf die Bühne bringen kann. Und wir durften dorthin fliegen. Der Flughafen erwartete uns in seiner typischen Bunkerhaftigkeit, bei der man getrost davon ausgehen kann, dass diesen Felsbrocken wahrscheinlich auch der beste Terrorist nicht zu sprengen vermöge.

Abflug, Mittwoch, zu früh.

Es ist ein Teufelskreis, ein vicious circle, würden die Amerikaner später sagen, prinzipiell sollte es ausreichen, eine halbe Stunde vor Boarding am Check-In-Schalter zu sein, anschließend sein Handgepäck durch die Sicherheitsprüfung zu bringen und dann direkt ins Flugzeug zu hüpfen. Manche Menschen, zum Beispiel Bas Böttcher und Ken Yamamoto, sind so professionell und so ruhig, fliegen darüber hinaus nur mit Handgepäck, sparen so noch mehr Zeit, manche sind so, wir nicht. Und so waren wir natürlich schon viel zu früh schon am Flughafen, ich kaufte in Ermangelung der neuen ZEIT-Ausgabe noch eine Neon, um mein Gehirn möglichst matschig zu machen und überlegte wieder einmal kurz, einen Euro in eine der kaubaren Zahnbürsten vom Männerklo zu investieren. Man nahm mir eine Dose CS-Gas ab, mahnte, ich bräuchte sicher keine vier Feuerzeuge und ließ uns in Flugzeug.

Ankunft, Mittwoch, zu kalt.

Erstaunlicherweise war es in Zürich lang nicht so kalt wie in Berlin, aber wenn schon nicht die Temperaturen, so war doch wenigstens der Wechselkurs im Keller. Der Ticketautomat, der uns Bahntickets für die zwei Stationen vom Flughafen bis zum Schiffbau verkaufte, bereitete uns langsam darauf vor, dass wir wieder viel Geld in der Schweiz lassen würden. Dann der Schiffbau selbst, ich hatte ihn viel kleiner in Erinnerung, ein mächtiges Ding, aber am frühen Nachmittag noch nahezu unbelebt, weswegen wir direkt weiter ins Hotel gingen.

Ankunft im Schiffbau zu Zürich.

Nach und nach trudelten auch die ersten Teams ein, Team Bobigny Paris mit Isabelle Sprung, Teodora Mayer, Clarence Thierry de Souza und Victor Zarca, die Herren aus der Green Mill Chicago, Dan Sully, Tim Stafford, Robbie Q. Telfer und Joel Chmara, sowie Marc Kelly Smith himself. Die Schiffbaukantine beschwerte uns mit köstlichstem Essen und die erste Runde ging über die Bühne. Ein zweiter Platz für uns in der relativ wenig gefüllten großen Halle, sehr knapp hinter dem Schweizer Team, dafür aber mit reichlich Respekt von den Amerikanern für unseren Teamtext.

Punkteverteilung in Vorrunde 1.

Anschließend das große Socializing, das sich auf Grund der Tatsache, dass einige Teams erst am zweiten Tag anreisten, noch etwas klein ausnahm, dann Angehen gegen das Jet Lag, auch wenn wir keines hatten, aber wenn man quasi-beruflich mit dem Flugzeug unterwegs war, muss man das eben so sagen.

Socializing.

HeimEtapwärts.

Das Tolle an so einem großen Turnier ist, dass man eigentlich immer irgendwann einen freien Tag hat, zumindest wenn man bereits am ersten Tag dran war. Trefflicherweise lief mittags sogar Neue Vahr Süd in der Wiederholung, Bleu kommentierte schauspielerisches Talent und als Bremer Jung die Schauplätze, ich prüfte die filmische Umsetzung des Buches auf Änderungen. Anschließend machten wir uns auf, ein wenig Zürich zu betrachten, selbstredend allein, denn wir waren über Nacht ein Paar geworden fanden niemanden der Anderen, hatten vergessen, mit ihnen einen Zeitpunkt für ein Treffen auszumachen und hatten Angst vor horrenden Telefonkosten.

Bleu wollte unbedingt auf den Uetliberg, aber da ich mich weigerte und keinerlei Alternativvorschlag hatte, gingen wir einfach Richtung Innenstadt, aßen klassisches Schweizer Cevapcici und urige Schweizer Tortellini, kauften (endlich) die aktuelle ZEIT, bewunderten den riesigen Weihnachtsbaum im Zürcher Hauptbahnhof und sprangen einen Abhang an der Limmat hinab.

Wir fanden eine Straße, in der ziemlich viele Häuser die Dienste von Frauen anpriesen, dabei jedoch eher wie Spielzeugläden oder Klamottenläden aussahen, wir besuchten das Cabaret Voltaire, den Erfindungsort des Dadaismus' und endeten vorerst beim malerischen Zürichsee.

Bleu hatte große Freude daran, wehrlosen Schnee in neue Formen zu zwingen.

Nicht nur Paris ist von gangsteresken Banlieus umgeben, auch in Zürich sind die Aggro Suburbs nicht weit.

Meine zukünftige Schweizer Residenz.

Doch da ein Zusammenlegen all unseres umgetauschten Geldes noch nicht einmal 200 Franken ergab, bewarfen wir in armer Ohnmacht den Zürichsee mit Schnee.

Manchmal fährt auch die Weihnachtsmanntram vorbei, der Weihnachtsmann darin winkt nicht, dafür aber seine zwei Engel.

Der Zürichsee selbst ist riesig und wenn man rechts am Ufer entlang läuft, kommt man unweigerlich an einem exklusiven Saunaclub vorbei, der uns höchstens gegen eine Gebühr von mehr als 1000 Franken Einlass gewähren wollte. Das linke Ufer ist da liberaler, auch uns als Ausländer ließ man in eine fantastische Sauna, die auf Pontons im See schwamm, mit folgendem Bild aber trotzdem nichts zu tun hat.

Auch eine Diskokugel hatte diese großartige Sauna zu bieten.

Und einen mit Seewasser gespeisten Pool, der sich wiederum selbst im See befindet. Man erkennt ihn nur kaum, denn plötzlich war einfach das Licht weg.

Irgendwann fiel uns ein, dass es ja auch noch andere Menschen gab, die an unserem freien Tag auf der Bühne stehen mussten und brachen wieder gen Schiffbau auf. Irgendein krimineller, ausschaffungswürdiger, böser Mensch, hatte mir meine Handschuhe gestohlen, ich weinte fast ausnahmslos. Aber das Licht fanden wir wieder. Glücklicherweise waren wir letzten Endes nicht die Einzigen, die relativ spät im Schiffbau ankamen, das Berliner Team hatte es schwer getroffen, es musste vier Stunden länger als gedacht im Flugzeug verbringen, weil eine verrückte Stewardess den Eisenvogel in ihre Gewalt gebracht hatte es zu sehr geschneit hatte.

Tagsdarauf verstarb Bleu leider tragisch. Glücklicherweise schmeckte sein Blut wie Wein.

Am Freitag probten wir den ganzen Nachmittag lang, denn unsere zweite Runde versprach Qualität, außerdem hatten die Teams aus der anderen Runde einiges an Performanz bewiesen, indem sie Cameo-Auftritte und und und mit in ihre Auftritte einbauten. Am Ende funktionierte unser Programm sehr gut, wenn auch gegen die Berliner kein Kraut gewachsen schien. Anschließend, während der letzten Vorrunde mit anderen Teams, mussten wir abwarten. Es sollten nur drei Teams ins Finale kommen, Berlin war mit zwei Vorrundensiegen felsenfest dabei, bei uns sah es mit zwei zweiten Plätzen noch nicht so sicher aus.

Im Endeffekt funktioniert es doch, Frankfurt Deluxe zog mit einem Sieg und einem zweiten Platz ins Finale ein, kein anderes Team kam sonst auf ein Ergebnis, besser als zwei zweite Plätze gewesen war. Also: Frankfurt, Berlin, wir, in Auftrittsreihenfolge: wir, Berlin, Frankfurt. Nun ja, man kann vom ersten Startplatz erfahrungsgemäß nicht die Welt verändern, aber es war ein fantastisches Finale mit schätzungsweise rund 800 Zuschauern (plus Gästen und Slammern).

Doch bevor es los ging durfte der Godfather of Poetry Slam selbst noch einmal zeigen, wie großartig seine Auftritte sind, Marc Kelly Smith spielte Opferlamm.

Das finale Lineup, nicht im Bild Julius et moi, ansonsten von links: Jana Klar, Bleu Broode vom Team livelyriX Leipzig, Maik Martschinkowsky, Sebastian Lehmann, Marc-Uwe Kling und Kolja Reichert vom Team Kreuzberg Berlin, sowie das Gewinnerteam Ken Yamamoto, Dalibor,Lars Ruppel, Telhaim als Team Frankfurt Deluxe. Das Ergebnis ziemlich genau so, wie wir es geahnt haben, ein deutlicher Sieger und die relativ nahen zweiten und dritten Plätze. Dabei bemerkenswert, dass wir es aus unerfindlichen Gründen hinbekommen haben, die komplette zweite Hälfte des Finales zu gewinnen und uns so von einem recht abgeschlagenen dritten auf den zweiten Platz zu boxen. Der Logik folgend könnte man sagen: wir sind dreimal von eben jenem Startplatz gestartet, von dem aus uns noch zwei Teams folgten (zweimal zweiter Startplatz, im Finale erster Startplatz) und sind jedes Mal Zweite geworden.

Wir haben uns gefreut wie Bolle. Hier noch die Punktetafel:

Ein tolles Festival. Eine tolle Idee, so eine Art amerikanische Meisterschaften auch im deutschsprachigen Raum zu veranstalten, ohne dabei (vielleicht kann man sagen vorerst) die etablierten deutschsprachigen Meisterschaften mit Einzel- und Teamwettbewerb zu berühren. Tolle Teams, überaus nette Teammitglieder, sei es vom eigenen, als auch von allen anderen Teams. Handsignierte Bücher der Amerikaner, ein Chicagoer Willkommensgeheiß, vier sehr sehr schöne Tage, genau das erreicht, was wir wollten, (hoffentlich) einen guten Eindruck hinterlassen, und das Beste: Marc Kelly Smith hatte Freude an der ganzen Sache.

Nachtrag, meine Andenken:

Weià auch nicht, warum ich gerade die Kotztüte als Andenken... on Twitpic

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