Kommentare 0

Zweitausendzehn

Wie im letzten Jahr und im Jahr davor.

Januar: She’s back and gone again, aber zum Glück bin ich beschäftigt. Mit Lammburgern, die ihrer versprochenen Schärfe weit nachstehen und gewonnenen Büchern von Max Goldt. „Der Erfolg kommt von ganz allein“, sagen die Erfolgreichen, „Wirst schon sehen.“ Die TTZ-Lawine beginnt zu rollen und an kalten Samstagmorgen sitze ich auf meiner grünen Couch und schlag mir Kulturfinanzierungsskripte in den Schädel. Die Uni ist ein Goldstück.

Februar: Wir lassen uns von Sofas verschlucken und kurven mit fahrbaren Tischen durch Fabrikhallen. Die einzig konstante Wahrheit ist Max Weber. 68 Kreuze und ein mehrseitiger Kraftakt über die Traditionsfrage des deutschen Kommerzfußballs. Und dann London, ein Abend mit Dr Pepper und ein Tag mit zwanzig Kilo auf dem Rücken, zwischen totaler Erschöpfung im Hyde Park und Begeisterung in der Tate Modern; bei Sandwiches im Virgin Train durch die Nacht.

März: Manchester, das dunkle Herz Englands, Fish-&-Chips-Liebe, eine Staffel Grey’s Anatomy an einem Tag, ein Banksyfilm, torkelnde Mädchen in Miniminusgradröcken und Liverpooler Leere beim Rückflug. In Deutschland folgt Rundreise auf Rundreise, Goldregen in Hamburg, Enthusiasmus vorm Slamgeschäft, er ist angekommen, wo er hin wollte und sie ist wieder da. Ein Studium ist nur eine Frage der Organisation.

April: Das ist also dieser Respekt. Es gibt da noch eine Bachelorarbeit zu schreiben. Diesmal ist es fast schon zu viel, aber finde deinen Stolz herausgefodert und bestaune, wie du zu Superman wirst. Gern hätte ich ein Rezept dafür, aber die Magie geschieht stets unbewusst. Birthday gone badly wrong, nie wieder.

Mai: Es mangelt an einer Masterbewerbung samt Exposé, aber machen wir uns keine Hoffnungen, das ist das Beste. Im Angesicht der größtmöglichen Stressamplitude, ist es immer klug, damit zu beginnen, eine hochgradig süchtig machende Serie zu schauen. Molotow-Cocktails in Döbeln, Tod und Verzweiflung in der Oper zu Leipzig, Start einer großen Moderationskarriere in Dresden. Und halten wir fest: Wir alle lieben Jena.

Juni: TTZ ist überall, ich stehle ungewollt schweizer Schlüssel. Bald weiß ich mehr über multinational enterprises, als mir lieb ist, ganz nebenbei kommt die Bachelorarbeit tatsächlich zu ihrem Ende. Ich weiß nicht, wie ich es gemacht habe. „Warum geben Sie eigentlich so früh ab?“, fragt die Sekretärin, das war also Runde 1. Erfolg, Erfolg, Tattoo, praktisch der einzige anspannungsfreie Moment seit März, ganz einfach weil es angespannt weh tut. Manchmal schlafe ich auch tagsüber.

Juli: Die letzten Atemzüge der Uni, vorerst, tagelang Ruhe auf der Wohlfühlinsel in Berlin, Beginn einer Dominionsucht. Den Grand Slam of Saxony werde ich wohl nie gewinnen, und es ist mir merkwürdig egal. War ich in Leipzig überhaupt einmal baden? Zu wissen, dass alle Anderen auch keinen Plan haben, ist durchaus absurd beruhigend.

August: Paris, ich bin bekehrt. Endlich weg von der Fachliteratur, Ungesundes bei Carrefour, das volle Programm, Monsieur le Tac und die Museen, deux tickets pour Inception, s’il vous plaît. Danach zum Open Flair, das ist die Freundschaft: Against Me!, das Red-Bull-Zelt, A-Pässe und die TTZ-Zippos. Gespräche über Metal auf dem Weg nach Gera, braunschweiger Freundlichkeit, Hotelzimmer Eiche natur. Und obwohl ich gar nicht dran glauben wollte, ein Masterplatz in meiner Lieblingsstadt. Warum twittere ich nicht auch noch?

September: Eine wachsende Liebe zu Münster und Soest; so schnell wird man also Redakteur. Eine Team Tour sondergleichen, E-Gitarren in Dresden und gefühlte Bombenabende durch NRW. Wenn wir das nicht größer, länger wiederholen, sind wir dumm. Die coolsten Leute müssen ausgerechnet weg; ab jetzt die besten Lesebühnen aller Zeiten.

Oktober: Mittlerweile ist es Tradition, nach einer Tour durch Bayern todkrank zu werden und eigentlich wollte ich nie mehr bei der Lesebühne fehlen. In Salzburg: Wow. In Frankfurt: Dürfen wir bald nach Tadschikistan? In Leipzig: Schreiben Sie einen Western! In Marburg: Ich kann besser Eishockey als du; das hier ist so eine Art zu Hause. Filmemarathon in Leipzig, Evakuierung während des Kriegsfilms, Herausforderungen an die Kondition. Exzess, allgegenwärtige Jenenser Müdigkeit. Alles stressiger als gedacht.

November: Die neue ist eine goldene Schönheit. TTZ ist Vizemeister! Es gibt nichts Festigenderes, als augenscheinlich ernst gemeintes Lob von Menschen, die man selbst schätzt. Du hast viel zu tun? Fang an, eine neue Serie zu schauen! Und sei mal wieder krank! Am besten ist, nichts zu erwarten, das birgt die schönsten Resultate. Diese Lesebühne, so gut. Manchmal glaube ich fast daran, dass es richtig so ist.

Dezember: Schon wieder Zweiter, diesmal sogar ein kleines bisschen international. Erster Flug zum Auftrittsort, ein fantastischer Kreuzbergslam in Berlin, ein krasses Smartphone. Bemerkenswertes Gefühl, ein Buch zu lesen und rein gar nichts zu verstehen, aber ein Referat darüber halten zu müssen. Schön, wenn sich Menschen Gedanken machen. Schön, die Abende bis in den Morgen hinein reichen zu lassen. Das Abstrakte in meinem Rücken. Auf den letzten Metern das Liegengebliebene beseitigen. Wenn man sich halbwegs diszipliniert gibt, ist alles zu schaffen.

Was bleibt: Ca. 100 Auftritte in ca. 50 Städten, komprimiert in einzelnen Monaten, um Platz für den Abschluss zu schaffen. Die letzten Jahre in Leipzig kommen mir schier unendlich lang vor. Schon der Januar 2010 ist ewig weit entfernt, weil wir so viel in den Zwischenraum gequetscht haben. Man darf es nicht übertreiben, das ist die Professionalität. Es geht aufwärts, langsam, aber stetig. Bis dahin merken: Urlaub ist eine gute Sache. Nicht alle meinen es schlecht. Viele Notizen sind die halbe Miete.

In Kategorie: Allzumenschlich

Kommentar verfassen