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Zweitausendneun

Wie im letzten Jahr.

Januar: Gleich nach der ersten größeren Tour des Jahres todkrank. Ich lasse mich daran erinnern, dass ich Zahnarztbesuche nicht mag, so gar nicht. Bayern ist nicht mein Fall und München nicht heimliche Hauptstadt. Wäre mein Leben eine Doku, wäre sie größtenteils langweilig, aber in ihren Amplituden außergewöhnlich. Ich merke: Manchmal sollte man sich zum Essen zwingen.

Februar: Draußen ist es verdammt kalt, aber es ist gut, wenn man es langsam wieder merkt, dass die Sonne später unter geht. Der heimliche Stolz, in der Uni manchmal von Koryphäen unterrichtet zu werden, fühlt sich falsch an, aber irgendwie nachvollziehbar. Lethargie und Unverständnis dem Ganzen gegenüber. Im Guten, wie im Schlechten, die meisten Sachen sind weniger schwierig, als ich sie in meinem Kopf gestalte und phophezeie. Aber es bleibt anstrengend.

März: Besuchermarathon und Buchmesse. Irgendwie finde ich tatsächlich ein Praktikum, wie es das Studium von mir verlangt.  Ich habe gern Gesellschaft, aber nicht andauernd, sonst verliert es das Besondere. Man sollte nicht alle ständig vernachlässigen. Man muss auch wirklich nicht alles machen. Manches sollte man sowieso nicht machen. Sie fährt lange weg, aber ich bin zu Genüge beschäftigt. Was nicht heißt, das es das besser macht.

April: Wieder längere Touren. In Hamburg haben wir eine Dusche mitten in unserem Hotelzimmer. In Gegenwart von echten Kosmopoliten überfällt mich immer eine kleine Ohnmacht. Hamburg ist immer mehr fantastisch und das neue Berlin. Insbesondere in Verbindung mit Sonne. Die Uni ist semi-nett zu mir, zwingt mich zu sinnlosen Dingen.

Mai: Praktisch nur unterwegs. Man will uns berühmt machen, klappt aber nur fast. Ich lerne: Veranstalter müssen ihres Berufs wegen schon euphorisch sein; wenn man vor hat, zu Fuß zu einem Veranstaltungsort zu gehen, dann bei Google Maps unbedingt Fußweg einstellen, sonst extreme Verspätung; Indien ist ein faszinierendes Land, auch ohne Slumdog Millionaire; Französisch ist wunderschön, man kommt sich bereits bei leichten Sätzen poetisch vor; Soziologen sind eine sehr eigenwillige Spezies; Zecken können sich verdammt fest beißen.

Juni: Antwort der Stadt Halle auf meinen Text. Wer auf so etwas reagiert, will selbst schon Possen schaffen. Das wird mir noch nachhängen. Ich finde es sinnlos, Referate über Themen halten zu müssen, mit denen sich jeder auskennen sollte. Beim Campusfest werden wir wie wichtige Personen behandelt und es werden wider Erwarten sehr schöne Auftritte. Ich weiß jetzt, wie es sich anfühlen muss, wenn man den Verstand verliert.

Juli: Zum ersten Mal der Bühne verwiesen zu werden, hinterlässt schon so eine Art Rockstar-Attitüde. Praktikum, und ich dachte, ich würde Rückenschmerzen kennen. Die Welt ist ein perverser Ort. Die Dankbarkeit liegt ganz unten und geht auf dem Weg nach oben irgendwie verloren. Vitaminkuren sind vielleicht doch nicht so verkehrt, wie ich immer dachte, zumindest, wenn man einfach nicht dazu kommt, sich gesund zu ernähren (und wenn man dann frei, auch keinen Bock dazu hat). Tägliches Fahrradfahren tut gut.

August: Oh, diese Kramer, großartiges sechssaitiges Gerät. Praktikum. Mir fällt auf, wie viel Auftrittsangebote innerhalb der Woche liegen und es stört massiv, sie nicht wahr nehmen zu können. Gelernt: Als EU-Bürger in einem fremden Land zu stranden und sich weigern, die jeweilige Botschaft zu benachrichtigen, reduziert jedwede Hilfsmöglichkeiten auf nahezu null; das Stadtzentrum „sauber“ zu halten bereinigt gar nichts; Aussehen sagt sehr wenig aus. Sehr schade, dass er nach Paris musste.

September: Praktikum. Langsam zehrt es. Die Menschen tun mir immer so leid. Immer dieses Oszillieren zwischen Abscheu und ganz nah dran. Ein Ritterschlag wäre: The best poet always loses. Und dann fährt sie schon wieder einmal weg. Und genau dann muss das Praktikum zu Ende sein. Ironie ist die eigentliche Defintion meines Lebens. Man darf auch einmal anderthalb Wochen gar nichts tun. Ich mag die Wochenenden mit zeitigem Aufstehen und egal welchem Wetter.

Oktober: Wie schön, das ist jetzt der zu vielte angefangene Roman. Trotzdem volunteer of the year. Wieder im Business. Die Frankfurter Buchmesse ist auch nicht besser. Es gibt auch schlechtes asiatisches Essen, richtig schlechtes. Und es gibt Mittekill, großartig. Nicht aufgeben, dran bleiben, auch wenn es der Spiegel eine verschenkte Dekade nennen wird, oder so ähnlich. Die Uni ist nett zu mir.

November: Eine Nacht am Hauptbahnhof in Gera. Man sollte das mit dem Schlafplatz wirklich immer wieder sagen. Ich hätte tatsächlich Psychologe werden sollen oder sollte wenigstens eine Praxis für Lebenshilfe eröffnen, denn ich ziehe Menschen mit Problemen nur allzu magisch an. Immer unterwegs. Was teilweise irgendwie toll ist. Ich schaffe es irgendwie, meine Bachelorarbeit anzumelden, ohne vorher einfach umzufallen. Langsam kann ich die persönliche Freude nachvollziehen, die ganzen Anderen überall und immer wieder zu treffen. Man kann dort noch viel viel lernen. Es lohnt sich.

Dezember: Leipzig ist das neue Berlin, sagt die Dozentin, aber Berlin ist auch schön. Michel Abdollahi ist verdammt klug. Es ist ein gutes Gefühl, dazu zu gehören. Michael Bittner ist klasse, klug sowieso. Mit etwas Glück erkennt mich bei der Lesebühne noch einer der Zuschauer. Sie kommt wieder einmal wieder, zum Glück. Es ist tatsächlich von den Notizen abhängig. Gelernt: Neigetechnik, Kurven und hohe Geschwindigkeit = mindestens 40 Minuten Verspätung. Anerkennung suchen und sich dann ob ihrer unwohl fühlen, yeay.

Was bleibt: Ca. 80 Auftritte in ca. 30 Städten, ca. 2000 Euro an die Deutsche Bahn und ich-weiß-nicht-wie-viel an zu schlechte Imbisse. Ich habe eine ganze Menge Zeug gesehen. Noch lange nichts Vergleichbares zu anderen Leuten, aber für mich schon enorm. Das Traurige daran ist, dass es mir schon jetzt so vor kommt, als wäre das ganze Jahr einfach an mir vorbei gezogen, als würde ich eine Menge verpassen. Aber ich bin zum Schwanken verdammt, es wird sich nicht ändern lassen, nicht in vertretbarer Art und Weise.

In Kategorie: Allzumenschlich

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