Wort zum Sonntag

15. Oktober 2006, Tribut

 

Seit meinem siebzehnten Lebensjahr bin ich von einem heimlichen, unerklärlichen Leiden befallen, das meine Gedanken und meine Illusionen begraben hat. Tag und Nacht ein Kribbeln in den Nerven, das mir abgesehen von ein paar Stunden Schlaf keinen Augenblick des Vergessens gegönnt hat. Gefühl, eine immerwährende Behandlung oder eine nie aufhörende Tortur zu erleiden.

Es graut mir davor, Jugendfreunde zu sehen, ebenso alle anderen, die zu gewissen Zeite eine Rolle in meinem Leben gespielt haben. Durch sie ermesse ich meinen eigenen Verfall oder den ihrigen oder meistens beides zugleich.

Lavastine wird fast wahnsinnig vor Wut, kein Buch schreiben zu können. Wenn er keines schreibt, können wir - mit Recht - weiterhin behaupten, daß er ein außergewöhnlicher Mensch ist. Wenn es ihm aber wie allen anderen gelingt, eines fertigzuschreiben, können wir besagtes Urteil nicht aufrechterhalten.

Emile M. Cioran

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