Ich habe längst alles versucht. Alle Hausmittel. Kochende Milch auf getrockneten Pfefferminzblättern, Wasser mit Apfelessig und Honig, Brennnesseltee, Frauenmantel, Knabenkrautwurzel und Ginseng. Es hilft nichts.
Wenn man am Morgen aus dem Bett rollt, dass es den Anschein hat, man wäre fünfhundert Jahre alt und trüge dank ärztlicher Hilfe mehr Titan in sich als die teuerste Armbanduhr, wenn man aufsteht, allein um festzustellen, dass man besser wieder ins Bett gehen sollte, dann, ach, ich weiß es auch nicht.
Wenn ich es wüsste, bräuchte ich wohl kaum die Hexenkräuter aus dem Pflanzschalen der angrenzenden Nachbarbalkons plündern. Ich bräuchte keinen Death-, Speed- und Thrash-Metal, um wenigstens auf dem Weg zur Kaffeemaschine nicht schon wieder einzuschlafen und müsste mich nicht mit aufgebrachten Anwohnern herumschlagen, die meine Auswahl der Aufwachmusik in Frage stellen.
Aber wie sollte es auch funktionieren? Wie soll man die ganze Angespanntheit des letztes Tages an die Nacht weitergeben, sich ausruhen und die kleinen Männchen im Kopf die Aktenstände ordnen lassen, wenn sich die Streifzüge während des Schlafes als noch weitaus ausschweifender erweisen?
Sobald erst einmal die Augen fest geschlossen und, mit genügend Traumsand verleimt, auch gegen plötzliche Fluchtversuche gewappnet sind, werden die dicht gepackten Rucksäcke geschultert. Manchmal fliegen wir auch, natürlich ohne Flugzeug. Meist aber geht es zu Fuß los. Zum Beispiel über die von der französischen Sonne angewärmten Landstraßen bis nach Biarritz, wo wir bei einem pechschwarzen coffee-to-go den roten Himmel bestaunen. In Barcelona ist der Proviant schon fast aufgebraucht, dabei kann ich mich nicht einmal daran erinnern, überhaupt etwas gegessen oder getrunken zu haben. Eigentlich denke ich überhaupt nicht mehr, sondern lasse mich einfach ziehen. Es ist schön, wenn man, wie im Kino, durch die Welt geführt wird und die Verantwortung für ein paar Minuten bei jemand anderem lassen kann, der einen durch die engen Gassen Barcelonas treibt und unter der Seufzerbrücke zum johlenden Lachen anregt.
Diese Erleichterung braucht man, wenn man, selbst mit viel Anlauf von Madrids Fuencarral-El Pardo aus, über die Straße von Gibraltar springen will, ohne dabei am Mast eines der riesigen Schiffe hängen zu bleiben. Willensstärke, Konzentration. In der Sahara hilft nur die Vernunft, sagst du. Zwar sind die Nomaden sehr freundlich und winken, wenn man ihnen etwas Freundliches zuruft, aber sie klopfen einem nicht den Sand aus den Haaren, die auf dem Weg dorthin schon um Dezimeter gewachsen sind, obwohl man noch nicht eine Pause eingelegt hat. Mehr noch, es kommt mir wie ein kurzes Zwinkern vor. Kürzer noch.
Man muss sich fokussieren. Also haben wir besser keine Postkarten aus dem Ägyptischen Museum in Kairo geschickt. Noch würde sich niemand sorgen. Zum Abendbrot sind wir wieder da, glaube ich. Und wirklich, ich bin schon viel weiter als durch den Sueskanal geschwommen. Ja, ich springe sogar weiter.
Wenn man nicht aufpasst, kann man sich im Irak schnell verlieren. Dann erwischt man die falsche Abzweigung und landet kurzerhand in Moskau, weil man statt nach rechts in den Iran nach links über die Türkei tief nach Russland hinein gewandert ist. Wie gut, dass es Mobiltelefone und weltweites Roaming gibt, sodass man sich schnellstmöglich wiederfinden kann. Zum chinesischen Essen in Neu Delhi trifft man sich dann wieder und wird sich wundern, wie ausgesprochen gastfreundlich die Inder sind und wie gut sie sich darauf verstehen, Pflaumenwein zu keltern.
Ich weiß nicht, ob es am Maotai liegt. Die 55 Prozent scheinen den Indern jedenfalls nicht genug zu sein, sodass er den gesamten Rückweg meist aus meinem Gedächtnis radiert hat. Dabei würde ich so gern wissen, ob ich den Umweg über Kasachstan, bei dem ich über so schöne Erinnerungen aus anderen Nächten verfüge, in Kauf genommen habe. Auch muss ich meine Sachen gewaschen und wieder in den Schränken verstaut haben. Es liegt nichts mehr herum. Selbst die Trinkflaschen stehen ausgewaschen im Küchenschrank und warten auf den nächsten Einsatz. Nur die Müdigkeit ist geblieben. Es hilft auch nichts, erst Mittag aufzustehen.
Am frühen Abend klingelte es an der Haustür. Du fragtest, ob ich nicht Lust hätte, mit dir spazieren zu gehen. Meine Füße brannten, ich fühlte die roten Streifen vom Rucksack auf den Schultern, hatte Muskelkater in den Armen und verneinte. Ich fragte, ob nicht gerade dir alle Knochen weh tun müssten, bist du doch ein paar Stunden zuvor noch bis nach Peking gerannt, nur um auszuprobieren, ob die Ente dort besser schmecke. Aber du lachtest nur, fragtest, wovon ich eigentlich spräche. Und da ich alle Beweise, ordentlich, wie ich nun einmal bin, bereits beseitigt hatte, konnte ich dich nicht einmal daran erinnern.
«Aber die Schuhe!», rief ich und deutete auf meine mit Matsch überzogenen Schuhe neben der Haustür, die ich wohl übersehen hatte.
Dass der Dreck vom vorgestrigen Regen und unserem täglichen Waldspaziergang komme, erklärtest du.
Aber zum ersten Mal glaubte ich dir nicht mehr ganz.









