Foto von Niccolò Ubalducci Photographer

Mit einem Mal war der Himmel schwarz. Binnen Sekunden verfärbte sich der Horizont giftgrün und Blitze zuckten den Himmel entlang. Bald schon ertönten auf der Straße schreckliche Hilfeschreie, Kettensägen röhrten, begleitet vom quietschenden Geräusch beschleunigender Autoreifen. Wer sich ans Fenster traute, erkannte das ganze Ausmaß der Katasthrophe. Durchnässte Menschen irrten ziellos durch die Straßen, immer darauf bedacht, herunter sausenden Dachziegeln auszuweichen. Entwurzelte Bäume blockierten ganze Straßenkreuzungen, an jeder Ecke baumelten gefährlich lose Stromkabel. Durch den dichten Hagel erkannte ich in den Fenstern auf der anderen Straßenseite das junge Pärchen, das gerade eingezogen war. Fassungslos standen beide da und starrten mir mit leeren Gesichtern entgegen, während im Hintergrund ihr Baby mit hochrotem Kopf vor sich hin schrie. Es war gerade einmal 18 Uhr, normalerweise wäre es noch lange hell gewesen. Es hatte uns alle erwischt. Überall tobte das Chaos. Und alles nur, weil dieser Fernsehmann vor zwanzig Minuten das Erdkabel durchtrennt und allen die erste Folge X Factor vermasselt hatte.

Ich wusste, was jetzt kommen würde. Am nächsten Tag würden die Zeitungen versuchen, es als Unwetter zu vertuschen. Oder wenigstens als landesweites Rückbauprogramm. Über Nacht würden hunderte Männer ausrücken, um Dellen in die auf offener Straße abgestellten Autos zu schlagen. Die Bundeswehr würde heran geschafft werden, um eimerweise Schlamm in die Keller und Hauseingänge zu schippen. Und überall würden sie Kinder dazu zwingen, auf Bäume zu klettern und abgebrochene Äste auf die Straßen zu werfen.
Aber nicht mit mir. Hier und jetzt würde es enden. Sofort warf ich mich in meinen Fleecebody und legte den roten Notfallumgang an. Mein Plan war wasserdicht. Wenn das Gewitter am stärksten sein würde, würde ich mich aufs Dach unseres Hauses ketten und mich den Blitzen stellen. Und mit etwas Glück würde ich schon am nächsten Morgen über Superkräfte verfügen und endlich das Böse dieser Welt bekämpfen können: Die Regierung!

Binnen Sekunden stürmte ich aus der Wohnung und die Treppen unseres Hauses nach oben. Aus allen Wohnungen hörte ich Schmerzenschreie, hin und wieder schrie jemand "SARA! NEEEIN!" oder summte apathisch "Türlich Türlich" vor sich hin. Wütend boxte ich mich durch duzende Bundeswehrsoldaten, die mit riesigen Schläuchen Wasser im Hausflur verteilten und versuchten, es wie ein Unwetter aussehen zu lassen. Wie durch einen Zombiemob schlug ich mich bis zur Treppe durch, die aufs Dach führte. Als ich die Luke aufstieß und mich aufs Dach schwingen wollte, erkannte ich das Ausmaß der ausgefallenen Fernsehprogramms. Kilomterhohe Rauchsäulen säumten das Viertel, überall hatten Verzweifelte Menschen Brände gelegt. Ich griff auf das rutschige Dach und wollte mich gerade nach oben ziehen, als mich eine Hand am Bein packte und mich nach unten riss. Mit einem Mal wurde es schwarz. Nachdem ich mich wieder orientieren konnte, erkannte ich vor mir eine Person im Dunkel des Flures.

"Herr Herrmann?", fragte die Person.
"Ja", gab ich zurück und versuchte, etwas zu erkennen.
War ich enttarnt? Was sollte das? Nur mühsam erkannte ich ein paar zerissene Hosen und ein vollkommen zerfetztes Hemd. Auch er musste sich wohl durch den Mob durchgeschlagen haben.
"Ich hab hier ein Päckchen für sie", grinste der Mann.
Ich verstand nicht und griff nach dem Paket. Als ich die vorgestanzten Streifen abgerissen hatte, traf es mich wie ein Schlag in die Magengegend. Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie hatten meine Schwachstelle gefunden, mein persönlichen Kryptonit.
Weinend umklammerte ich den Inhalt des Päckchens.
"ARD-Vorabendserien", lachte der falsche DHL-Mann, zweifellos ein geheimer Agent der Regierung, "Ein ganzes Paket, nur für sie. Großstadtrevier, Aus heiterem Himmel, Berlin Berlin, alles dabei. Einen DVD-Player haben sie ja."
Wie konnte das sein? Fast war ich am Ziel gewesen. Beinahe hätte es endlich einen Superhelden gegeben, der sich der heldenhaft gegen die grauensame Macht aufgeschwungen hätte. Endlich jemanden, der sich für Schwachen einsetzt und die fernsehverwirrten Massen aus ihrer ewigen Katatonie befreit. Ich versuchte, dem Drang zu widerstehen. Sogar die ominöse vierte Staffel 'Aus heiterem Himmel' war dabei, obwohl diese nie in Produktion gegangen war. Ich musste sie einfach sehen!
Ein letztes Mal versuchte ich, mich von dem Serienpaket loszureißen, aber es ging nicht und ehe ich mich wehren konnte, verlor ich das Bewusstsein.

Als ich am nächsten Morgen erwachte, begann Lolle gerade ihren Job im Comicladen, neben mir lag eine Zeitung. Gleich auf der Titelseite stand in großen Buchstaben "Unwetter". Ich hatte versagt. Die Welt würde es nie erfahren. Aber die Welt würde auch nie die vierte Staffel 'Aus heiterem Himmel' zu sehen bekommen. Nur ich!

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