
Eine tolle Sache an Leipzig ist, dass man so schnell und relativ günstig in Prag ist. Gut, dafür eignet sich Dresden sogar noch besser, aber immerhin. Ich hätte zwar auch nichts dagegen, wenn ich innerhalb von dreieinhalb Stunden in Paris sein könnte, aber immerhin. Auf dem Weg nach Paris könnte ich jedenfalls nicht meinen 'Hach, guck, die Elbe!'-Tank wieder auffüllen, über den jeder Mensch verfügt, der irgendwie an der Elbe geboren oder aufgewachsen ist. Um das zu entwirren: Wir waren in Prag. Einfach so. Für einen Tag. Weil es geht. Und auch, wenn die Zugfahrt, wie gesagt, nicht sooo lang dauert, muss man ziemlich früh aufstehen, denn der letzte Zug zurück fährt wiederum schon 18.30 Uhr. Das da, auf obigem Bild, ist irgendwo in der sächsischen Schweiz. Wie schade, dass die Schweiz wieder einmal nur auf ihre Berge reduziert wurde und hier als Adjektiv herhalten musste. Gleichwohl hätte man die sächsische Schweiz nämlich auch 'kameradschaftsbelastetes Ostsachsen' oder 'Zum-Wandern-reicht's-Sachsen' nennen können. Aber: Hier geht es um Prag.

Morgens halb elf in Praha hlavnà nádražÃ. Genau wie meine krude Freude an Flüssen schlummert in mir auch eine Vorliebe für Bahnhöfe, Bahnanlagen und Züge. Dementsprechend lief der Ausflug für mich bis hierhin schon einmal super. Das ist also der Prager Hauptbahnhof. Bis dorthin sieht man, wie wir auf der Rückfahrt feststellen durften, schon Einiges von der Stadt. Leider war aber bei der Einfahrt in die Stadt mein Bein eingeschlafen und ich hatte Mühe und Not, es wieder zum Leben zu erwecken. Was ich nicht wusste: Es gibt am Bahnhof keine genauen Gleispläne für die Züge. Das heißt, wenn man mit dem Zug fahren will, stellt man sich vor eine große Anzeigetafel und wartet so lange, bis dem eigenen Zug endlich ein Ankunfts- resp. Abfahrtsgleis zugeordnet wurde, stürmt dann zum Zug und reißt unterwegs ein paar Kinder um. Ok, letzteres wäre eher in Deutschland der Fall, aber naja.

Ich glaube, ich war schon zweimal in Prag, wobei ich mich nur noch an das zweite der beiden Male erinnere. Beim ersten Mal war ich vermutlich 8 Jahre alt und höllisch betrunken. Das zweite Mal war unsere Abschlussklassenfahrt. Wir wohnten irgendwo draußen, fern ab solcher tollen Häuser wie auf obigen Bild und direkt an einer Autobahn, die man nur vermittels todesmutigem Sprint oder einem kilometerlangen Umweg überwinden konnte. Da wir erst 17 und vor allem ziemlich dumm waren, entschieden wir uns meistens für den Sprint. Wie man jedenfalls sieht: Prag ist sehr hübsch. Die Leute sprechen eine Sprache, die nur sie selbst verstehen, überall fahren die alten Tatra-Straßenbahnen und die Häuser sind wunderbar gründerzeitig behangen. Also fast ein bisschen wie in Leipzig.

Okay, ein 'Davon muss ich jetzt aber ein Foto machen, auch wenn es alle machen!'-Foto muss sein. Dafür auch explizit kein Foto dieser lustigen Uhr, deren Spektakularität (?) sich mir bis heute nicht ganz erschlossen hat. Hier sehen wir also ein paar Häuser im 'Wir sind lustige Slawen'-Stil. Sie befinden sich in der Prager Altstadt, auch bekannt als die 'Niemand außer den Touristen kauft hier zu den überteuerten Preisen'-Zone, an der auch in Leipzig gerade tüchtig gefeilt wird. Sowieso ist der Karlsplatz völlig überlaufen. Einzig die Touristengruppenführer, die immerfort komische Gegenstände in die Luft recken, damit sich ihre Gruppe nicht verliert, finde ich toll. Wenn man Glück hat und eifrig den eigenen Regenschirm nach oben hält, folgen einem nach zwei Minuten mindestens zwanzig Menschen. Viel einfacher als bei Twitter.

In Leipzig gab es mal ein lustiges Kunstwerk nahe des Hauptbahnhofs, das über die Jahre mit mehr und mehr Schuhen behangen worden war. Alle fanden es toll und hätte ich meine Schuhe nicht immer bis zur gänzlichen Umwandlung zu Kompost getragen, ich hätte sicher auch mal versucht, sie dort hochzuwerfen. Leider wurde das Schuhkunstwerk dann weggerissen, weil dort unbedingt noch ein Hotel neben die anderen drei Hotels gebaut werden muss. Leipzig ist manchmal halt auch voll doof. Egal: In Prag gibt es einen Hügel nordwestlich der Altstadt, den so genannten Belvedere bzw. Sommerberg, auf dem sich der Park von Létna befindet. Dort gibt es ein riesiges Metronom, das die Prager ganztätig an die Vergänglichkeit der Zeit und damit an ihren baldigen Tod erinnern soll. Denke ich, zumindest. Dieses lustige Metronom wird mit Strom betrieben (oh Wunder) und auf der Stromleitung hängen hunderte Schuhe, sowie zwei Weinflaschen. Pläne, statt des Metronoms ein Hotel dort hinzusetzen, gibt es, soweit ich weiß, nicht. So viel dazu.

Die Moldau und die Elbe sind ja quasi so etwas wie Buddies, wenn man bedenkt, dass die Moldau 'nur' der größte Nebenfluss der Elbe ist. Dementsprechend schlägt mein Herz also auch für die Moldau, zumal sie ein echt fescher Fluss ist, der darüber hinaus von BedÅ™ich Smetana sogar mit einem großartigen Theme-Song (siehe ganz oben) bedacht wurde. Hat die Elbe auch so einen coolen Track? Ich weiß es nicht. Bei uns singt ja nur der Männerchor Seemanslieder, aber die haben auch ihren Charme. Jedenfalls: Das ist die Moldau. Gleich daran wunderbare Gründerzeitbauten. Wenn man durch Prag läuft, kann man praktisch dauernd denken: 'Ja, hier ziehe ich hin!' und findet doch (fast) immer noch eine Steigerung.

Ein Ende findet besagte 'Coole Häuser'-Steigerung, wenn man dieses Haus erreicht. Es befindet sich in der PařÞská aka Pariser Straße im Stadtteil Josefov, dem Jüdischen Viertel Prags. Ganz ähnlich wie das Marais in Paris bringt auch Josefov mein ästhetisches Herz zum schmelzen, gleichwohl Letzteres mittlerweile geradezu geplagt zu sein scheint von den Ansiedlungen komischer Unbezahlbarboutiquen, deren Existenz ich aber gerade noch verkraften würde, wenn mir jemand besagtes Haus schenken könnte.

Und dann waren wir noch in einer tollen Mucha-Ausstellung. Mucha war quasi so etwas wie ein stilgebender Gott der illustrativen Lithografie. Auch lithografierte er gerne die Jahreszeiten, die Monate usw., indem er sie als halbnackte und in florale Motive und Muster verwobene Frauen darstellte. Dass er dabei den April offensichtlich als tollsten aller Monate illustrierte, nehme ich als April-Kind dankend zur Kenntnis. Man merkt: Elbe-Moldau-April, für mich lief es in Prag stimmungsmäßig einfach bombig. Weitere Erkenntnisse der Ausstellung: Der Ausstellungsaufseher, der eigentlich nur 'English, francais, cesky?' rufen konnte, las die ganze Zeit in einem Kompendium über Jagdflugzeuge des zweiten Weltkriegs. Ich nahm einen englischen Ausstellungsführer, ganz einfach, weil ich recht ungern gerade dort als Deutscher erkannt werde, wo die komischen Deutschen dereinst mal so gewütet haben. Dabei fällt mir ein: Lesen Sie unbedingt die Reiseberichte aus Polen (Teil 2, Teil 3) meines fabelhaften Kollegens Michael Bittner, der ganz ähnliche Beobachtungen gemacht hat.

Emoscheiße (auf cesky übrigens Hovno emocionalné) zum Abschluss: Der Hauptbahnhof im Sonnenuntergang, wie schön. Fahren Sie nach Prag! Es ist toll dort. Fahren Sie überhaupt durch die Gegend. Zwar plagt einen zu Beginn meist ein wenig das Losgeh-Phlegma, aber wenn man dann einmal losgegangen ist, ist man am Ende zumindest immer um einen Eindruck reicher. Das schreibe ich jetzt in irgendein Poesiealbum. Vielen Dank fürs Lesen. Amen.








