Wenn es zuschlägt, dann richtig. Die Wirklichkeit macht niemals halbe Sachen. Wenn sie sich zeigt, dann von oben bis unten. Wenn sie schießt, dann nur volle Breitseiten.
Urlaub. Urlaub von mir selbst. Ich packe meine Sachen und verschwinde. Ich muss so schnell gehen, dass ich mir selbst nicht folgen kann. Ich setze mich in die Bahn zum Hauptbahnhof, von wo aus ich weitersehen will, wohin es gehen soll.
In meine Heimatstadt, entscheide ich unter den riesigen Anzeigetafeln. Bis dorthin reicht das Kleingeld. Bis zum Geldautomaten reicht der Elan nicht.
Noch etwas zu trinken in einem der kleinen Läden. Direkt am Eingang hält mich ein vollends kaputter Kerl an. Faulige Zähne, die Klamotten in Fetzen.
„Alter, bringst du mir was mit?“
„Was brauchst du?“
„Ja, Siebenmeilenstiefel! Aber keine roten. Ich will blaue!“
Immer wieder muss ich daran denken. An das warum. Es muss irgendwoher kommen. Nur ist es gerade das, was heute unter den Tisch gekehrt wird. Niemand fragt mehr nach dem warum. Es geht nicht um Lösungen. Es geht darum, es von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Deshalb drehen sie sich alle im Vorbeigehen weg.
Alles ist wie früher geblieben. Nur der Stundenzeiger der Bahnhofsuhr hat einige Runden hinter sich. Ich beziehe ein Zimmer in einer kleinen Pension, weit weg von all den Orten, an denen ich damals regelmäßig unterwegs war.
Gleich am nächsten Morgen leihe ich mir ein klappriges Fahrrad von der Pensionsbesitzerin und trete mich in den Nebel hinaus. Die Kälte bereinigt. Der Schmerz in der Brust macht real. Um diese Uhrzeit ist alle Umgebung schwer wie Blei.
Am alten Netto treffe ich Stiever. Fast hätte ich ihn nicht erkannt. Nur die markanten Züge waren unverkennbar. Dick ist er geworden. Er sieht aus wie das fleischgewordene Michelin-Männchen. Völlig abwesend steht er an der Straßenecke und starrt auf den Bordstein. Im Näherkommen bemerkt er mich trotzdem sofort, als hätte sein vernebelter Blick noch passende Lücken in Form der Silhouetten alter Freunde. Beim Sprechen gluckst es seltsam in seinem Hals. Er hustet Blut in sein kariertes Taschentuch, als würden kleine Teerklümpchen in einem roten See auf dem Grund seiner Lunge dümpeln, wobei sein fetter Bauch im Takt des in den Mund hochfleddernden Auswurfs mitwippt.
„Ich mach in Rechtswissenschaften. Juso, Jury, Juuura!“, ringt er mit sich selbst, um über den verdreckten Trainingsanzug hinwegzutäuschen, „Arbeite von zu Hause aus!“
Wovon er spricht, sind die Gerichtsshows. Wir plaudern ein bisschen, erzählen uns einige witzige Situation, die wir zusammen erlebt haben. Es ist ewig her, aber es bringt in bisschen Farbe in sein Gesicht und seinen Tag. Ich weiß nicht, ob ich ihm etwas Geld geben soll. Vielleicht würde er es in den falschen Hals kriegen.
„Gehst du noch rein?“, fragt er, als ich weiter will und deutet auf die baufällige Halle.
Die Netto-Filiale gibt es hier seit über zehn Jahren nicht mehr. Vielleicht meint er die Anarchists Academy, die nach Netto für etwa ein Jahr darin untergekommen war. Ein kleiner Club, der so kaputt war, dass es den Betreibern völlig egal war, wenn nach Mitternacht ein paar Lustige selbst noch den letzten Stuhl gegen die vernagelten Fenster kloppten.
„Ne, wieso?“
„Hättest mir ‘nen Flachmann mitbringen können, weißte?“
Ich drück ihm den Fuffie in die Hand, den ich seit fünf Minuten in meiner Hand knete.
„Hier, hab keine Zeit, geh du.“, sag ich.
„Kriegste wieder, den Rest.“, bestaunt er den Schein.
„Ist gut.“
Ich will es gar nicht. Ich will überhaupt kein Geld.
Ich fahre wieder zurück. Das ist beschlossen. Sofort. Es wirkt umso bedrückender, je kleiner und konzentrierter es um einen herum wird. Auf dem Weg zur Pension schaue ich doch noch am Haus eines anderen Freundes vorbei. Zwar steht sein Name auf dem Türschild, aber ich traue mich nicht, zu klingeln. Die Fenster seiner Wohnung stehen offen. Er ist ganz sicher da. Aber ich weiß nicht, ob ich noch einen solchen Schlag aushalte. Ich bin im Urlaub. Von mir selbst.
„Kennst du den gestiefelten Kater?“, dröhnt eine Kinderstimme aus dem Fenster.
„Ja, klar.“, plärrt eine Frauenstimme zurück.
„Gibt es auch die passende Katze dazu?“
„Was weiß ich…“
„Die hochbehackte Katze! High Heel Mieze! Die hochbeknackte high heeled Miezekatze!“
„Ja ja, halt jetzt mal die Fresse.“
Es ist zu viel für einen allein.









