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Weltnest-Kolumne 01 – Hypezig: Bloß nicht normal werden

Als ich vor 75 Jahren nach Leipzig zog, um als professioneller Guerilla-Gärtner und Urban-Häkler meinen Reichtum zu mehren und nebenher ein bisschen zu studieren, da war alles noch anders. Wenn ich Leuten in Kassel erzählte, ich käme aus Leipzig, sagten diese so etwas wie: „Ah, und hast du oft Probleme mit Nazis? Und wie lebt es sich eigentlich ohne Strom?“ Mühsam versuchte ich dann zu erklären, wie sehr mich mein Studienort selbst überrascht hatte. Wie wunderschön der riesige Gründerzeitgürtel, die innerstädtischen Parks und die umliegenden Seen seien. Wie problemlos man nachts von der illegalen Garagenparty in Connewitz nach Hause wanken konnte. Und wie viel krasser Nachtbusfahren gegenüber jeder Achterbahn wäre.
Vor dreieinhalb Jahren dann hievte die New York Times Leipzig unter die 31 Places to Go in 2010 und alle nickten. Leipzig sei unverbraucht, verfüge sowohl über tradierte als auch junge Kultur und wirke ein bisschen wie Berlin vor zehn Jahren, hieß es damals. Ein Satz, den vermutlich noch jeder trotz des Berlin-Vergleichs irgendwie unterschrieben hätte.
Drei Jahre später demonstrierte ein SPIEGEL-Autor, die Empfehlung nicht ganz aufmerksam gelesen zu haben und betitelte Leipzig mit Times-Stempel als das „Better Berlin“. Schlagartig setzte sich eine Medienlawine in Gang, in der jeder immer noch einen Superlativ für die Stadt finden konnte. Und plötzlich war Leipzig schon das Detroit Mitteldeutschlands (Vice), in dem man mit Teilzeit-Jonglieren ein passables Einkommen erzielen und in der Freizeit reichlich Club Mate trinken konnte, während man auf die Eröffnung eines neuen Clubs wartete.
Wenn ich heute Leuten in Mannheim erzähle, ich käme aus Leipzig, sagen diese so etwas wie: “Oah, Leipzig ist sooo cool! Da kostet der Quadratmeter nur 1 Euro warm, oder?“ Dann erzählen sie, dass sie am liebsten auch hier her ziehen würden, um mit Street Art groß raus zu kommen und versuchen nebenbei, mir heimlich meinen Wohnungsschlüssel zu stehlen, um ihrem Traum ein Stück näher zu kommen.

Hypezig hat mittlerweile eine Lücke zwischen Wirklichkeit und Vorstellung geschaffen, die man gern übersieht, wenn dafür auf der ersehnten Seite ein kleines Wunderland steht, das es so nirgendwo in Deutschland zu geben scheint. Klar, in Leipzig gibt es günstigen Wohnraum, auch wenn man danach mitunter nicht in Schleußig suchen sollte. Aber es gibt auch einen katastrophalen Durchschnittslohn, der jede/n StuttgarterIn in Tränen ausbrechen lässt. Ja, die Stadt ist wunderschön, solang man die Höfe am Brühl nur mit geschlossenen Augen passiert. Und es gibt tatsächlich Leute, die Leipzig als „The better Berlin“ bezeichnen, obwohl schon der Vergleich an sich völliger Blödsinn ist.
Wenn man in Berlin an einer Kreuzung steht, hört man drei verschiedene Sprachen, in Leipzig vermutlich nur drei verschiedene Arten von Sächsisch. Wer schon einmal versucht hat, vom Leipziger Flughafen irgendwohin zu kommen, wo man nicht Business machen oder am Strand Sangria trinken kann, der wird vermutlich enttäuscht nach Halle gefahren sein. Allein in puncto geldfressender Großprojekte kann Leipzig dank des City-Tunnels halbwegs mithalten. Und nur bei den Straßenbahnpreisen scheint unsere Helden- die Hauptstadt tatsächlich überflügeln zu können. Nimm das, Berlin!
Was man sich beim Leipzig-Hype aber vor allem klar machen muss, ist, dass er ein ökonomisches Ziel verfolgt. Das kann man keinem SPIEGEL-Redakteur unterstellen, der Leipzigs lebensgierige Hipsterszene zu feiern versucht, wohl aber der Immobilienseite, die vom „Chancenstandort“ und der „Super-City Leipzig“ spricht, in der man sich unbedingt noch schnell ein Haus kaufen muss, bevor es hier richtig teuer wird. Soll heißen: Ja, Leipzig ist super, aber bitte passt auf, dass es trotz des Hypes auch so bleibt.
Vor kurzem schrieb der Publizist Georg Seeßlen in der Wochenzeitung Jungle World, dass der Hype also solcher, der als Mittel des Marktes dessen eingefahrene Routinen überkommen soll, paradoxerweise heute selbst zur Routine eines riesigen Marketingapparates geworden ist. Der Leipzig-Hype mag deshalb medial vielleicht ein wenig einschlafen, weil es irgendwann einfach schwierig wird, sich immer neue Berlin-Vergleiche auszudenken, seine ökonomische Komponente aber geht jetzt erst richtig los. Langsam pendeln sich Angebot und Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt ein, langsam steigen die Mieten in begehrten Lagen, mehr und mehr wird in Diskussionen und Vorträgen versucht zu fassen, was hier gerade in Bewegung ist.
Für Leipzig lässt sich daraus vermutlich genau das ableiten, was der ehemalige kreuzer-Chefredakteur Robert Schimke im Sommer 2012 in der ZEIT äußerte: Die Angst davor, dass Leipzig im Laufe der Zeit einfach normal werden könnte. Ohne den hübschen Größenwahn, der Olympiabewerbungen möglich macht und ohne zentrumsnahe Quartiere zu bezahlbaren Preisen. Mit Gutverdienern hier und Schlechtverdienern dort draußen. Und einer Innenstadt dazwischen, die dank ewig gleicher Einkaufsstraßen und Malls auch gut gern in Essen stehen könnte. Genau so normal wie der Hype an sich.
Und das wäre doch wirklich schade.

In Kategorie: ich woanders

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