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Bild von xiaming

Das Handy führte ihn zuverlässig in die Rue Gabrielle. Mit grünen Ranken behangenen lag das Haus neben einem kleinen Lebensmittelladen, über die sandsteinfarbenen Häuser konnte man nicht weit entfernt die Türme der Sacré-CÅ“ur erkennen. Er zog seinen Koffer auf den Treppenabsatz, drückte die Kombination für das Außentor auf der kleinen Tastatur und eine kleine Lichtwelche rollte über das Display, ehe das Schloss aufsprang und den Weg zur Haustür freigab. Nachdem er die zweite Kombination eingegeben und sein Gepäck durch den schmalen Durchgang des Vorderhauses gezogen hatte, stand er im Innenhof. Das Hinterhaus sah weitaus verfallener aus als das vordere, in allen drei Stockwerken standen die Fenster weit offen, aus dem ersten Stock klang ein ruhiger Chanson, von dessen Inhalt er kaum etwas verstand, dahinter Gemurmel und Gelächter.
“Hallo?”, rief er mit nach oben gestrecktem Kinn aus dem Hof hinauf.
Die Musik wurde leiser und ein dünner junger Mann streckte sich aus dem Fenster. Seine Haare waren pechschwarz und seine karamelfarbene Haut machte sein weißes Unterhemd strahlen. Er sah sich um und dann in den Hof, lächelte und die schwarzen Stoppeln in seinem Gesicht zogen sich zu den Seiten.
“Ah, du bist Sebastien!”, rief der junge Mann grinsend.
“Adem?”


“Genau! Komm hoch, wir haben schon auf dich gewartet!”, er schwang sich zurück ins Zimmer und verschwand.
Sebastien schleppte seinen Koffer nach oben, in der ersten Etage erwartete ihn Adem mit ausgestrecktem Arm.
“Adem”, sagte er noch einmal.
“Sebastien”, sagte Sebastien, während er Adems Hand schüttelte, “Freut mich.”
“Das da drüben ist dein Zimmer”, Adem zeigte auf eine Tür, die einen halben Meter kürzer war, als die anderen beiden Türen nebenan, Sebastien nickte, bedankte sich und setzte an, seinen Koffer anzuheben.
“Warte”, sagte Adem, “Den Schlüssel hat Marie, die ist aber gerade nicht da. Am Besten, du kommst einfach mit zu mir, während du wartest, Marie kommt sicher bald.”
Sebastien hätte viel lieber jetzt schon sein Zimmer bezogen und sich ein wenig auf dem Bett ausgestreckt, die Fahrt von Rennes nach Paris hatte länger gedauert, als erwartet.
“Vielleicht kannst du mir einfach ihre Nummer geben?”, schlug er vor.
“Hab ich selbst nicht, ich kenne Marie eigentlich kaum, nicht so gesprächig, musst du wissen.”
Adem schlenderte in sein Zimmer, “Komm!”

Als Sebastien den Raum betrat, fühlte es sich an, als würden ihn tausende Menschen beobachten. Überall an den Wänden hingen Bilder von Parties, Mädchen, die sich ihre Tops vom Körper zerrten, betrunkene Männer auf Toiletten, grelles Licht. In den Ecken des Zimmers stapelte sich Kartons, aus denen noch mehr Abzüge hervor schauten, auf dem Schreibtisch standen leere Wodkaflaschen in kleinen Grüppchen, der Kleiderschrank quoll über und war mit Stickern berühmter Labels beklebt, ein paar Fruchtfliegen kreisten über dem Spülbecken. Hinter der Spüle lag ein kleineres Zimmer, Sebastien konnte ein Bett erkennen und eine Dusche.
Er grüßte die beiden Männer auf der Couch, der eine in einem seltsamen hellblauen Blouson, eine Mütze schief auf dem Kopf, vornübergebeugt vor einer Bong, der andere in hautengen Jeans, den Kopf zurück gelehnt, durch seine Sonnenbrille schielend.
“Louise, Marc”, stellte Adem sie vor, die beiden nickten, “Das hier ist Sebastien, unser neuer Hausmeister.”
“Cool”, sagten beide wie aus einem Mund.
Sebastiens Kopf hatte sich bei dem Wort Hausmeister automatisch gesenkt. Es war nicht richtig, sein Job hatte keine Bezeichnung, es war kein Job, eher eine Abmachung zwischen Sebastien und dem Vermieter, der sich in Nizza einen schönen Lebensabend abseits des Pariser Trubels gönnte. Sebastien sollte nur dafür Sorge tragen, dass der Hof und die Treppenhäuser regelmäßig gefegt, die Toiletten auf allen drei Etagen wöchentlich gereinigt, der Müll sortiert und die Mülltonnen an den Abholtagen vors Haus gestellt wurden, das war seine Arbeit. Im Gegenzug könnte Sebastien das kleine Zimmer so lange nutzen, wie er wollte. Aber wahrscheinlich hatte der Vermieter es den anderen als Hausmeister angekündigt, um nicht unnötig viel erklären zu müssen und Eifersüchte zu schüren.
“Und was machst du sonst so?”, fragte Marc und rückte seine Sonnenbrille gerade.
“In zwei Wochen beginnt mein Studium”, sagte Sebastien.
“Studium!”, rief Adem und lachte, die anderen beiden lachten mit, “Freiwillig?”
“Natürlich”, Sebastien zuckte mit den Schultern, “Politik und Anglistik, ich dachte hier im Haus würden so gut wie alle studieren?”
“Achje”, sagte Adem, “Es war die beste Entscheidung meines Lebens, mein Studium abzubrechen. Aber hast schon recht, ein paar Leute hier studieren noch.”
“Und was machst du?”
Adem grinste ein künstliches Grinsen, “Was siehst du?”
“Fotos.”
“Das ist, was ich mache.”
“Und das funktioniert?”
“Siehst du doch.”
“Bist du Partyfotograf?”
Adam lachte kurz und sah Sebastien mitleidig an, “Wenn man mich auf irgendetwas festlegen will, dann bin ich in erster Linie Modefotograf.”
“Aber die Bilder Bilder stammen doch alle von Parties?”, warf Sebastien ein.
“Guck doch einmal richtig hin, was siehst du?”
“Gehst du auf Parties und verlangst später Geld dafür, die Fotos von den Entgleisungen der Leute nicht zu veröffentlichen?”
Marc und Louise prusteten, Adem grinste. “Gar keine schlechte Idee. Nein, nein. Vielleicht, also man könnte sagen, ich hätte als Partyfotograf angefangen, bis ich es auf eine neue Stufe gehoben habe.”
“Ich weiß es wirklich nicht”, sagte Sebastien.
“Früher habe ich Freunde auf Parties und überall fotografiert und die Bilder ins Internet gestellt. Irgendwann kam dann ein kleines Label, das mir anbot, Klamotten zu sponsorn, wenn die Leute auf den Bildern sie tragen würden und jetzt bekommen wir haufenweise Pakete von Designern und Modemarken, die obendrein meine Bilder kaufen, ist billiger für sie.”
“So gute Bilder könnten die selbst nie machen”, mischte sich Marc ein.
“Exakt”, sagte Adem, “Ich bin mit meinen Bildern bekannt geworden und sie kaufen sich einen Teil meiner Bekanntheit. Heute linkt meine Domain direkt auf meinen Twitter-Account, die Veröffentlichungsrechte der Bilder gehen direkt an die Kunden, nur über Twitter veröffentliche ich noch das ein oder andere Bild.”

Drei Stunden später war Marie immer noch nicht aufgetaucht. Die vier saßen in weichen Kissen um den kleinen Tisch herum, Sebastiens Kopf fühlte sich angenehm taub an, was am Gras und an dem Schwall von Informationen lag, der in den letzten Stunden auf ihn nieder geregnet war. Adem hatte lang und ausgiebig von seiner Arbeit als Fotograf berichtet, sein Twitter-Account zählte mit knapp einer Million Abonnenten zu den erfolgreichsten in ganz Frankreich. “Der Schlüssel ist Authentizität!”, hatte er mehrmals betont.
Irgendwann klingelte es an der Tür. Durch Sebastien ging ein Ruck.
“Ist das Marie?”, fragte er.
“Weiß ich nicht”, sagte Adem und rührte sich nicht. Seine beiden Freunde hingen ebenso reglos auf der Couch und starrten ins Leere.
“Willst du nicht aufmachen?”, fragte Sebastien.
“Wozu?”
“Vielleicht es ja Marie?”
“Marie hat einen Schlüssel.”
“Ja, aber doch nicht für deine Wohnung.”
“Mir egal.”
Sebastien stand auf und wollte zur Tür gehen, aber Adem brüllte: “Bleib sitzen!”
Marc und Louise schauten ihn reglos an.
“Erwartungen müssen auch einmal enttäuscht werden”, sagte er.
Sebastien sah zum offenen Fenster, Adem lachte.
“Und die dürfen ruhig mitbekommen, dass ich keinen Bock habe, zur Tür zu gehen!”
Er drehte die Musik lauter.
Plötzlich tauchte am Fenster eine Hand auf. Sie griff nach dem Metallgeländer und zog ein junges Mädchen hinter sich her. Das Mädchen grinste, als es Sebastiens Blick bemerkte und sich ins Zimmer schwang, wobei sein kurzer Rock den Slip hervor schauen ließ. Ihre Haut war wie die von Adem erdig und glatt, ihre Haare waren ebenso schwarz, obwohl man sehen konnte, dass sie versucht hatte, sie etwas heller zu färben.
“Arsch!”, sagte sie zu Adem und strich ihm im Vorbeigehen durch die Haare.
Sie setzte sich direkt vor Sebastien, “Wer bist du?”
“Ich bin Sebastien, ich wohne ab jetzt nebenan.”
“Sará, bei wie vielen bist du denn jetzt?”
Sie sah ihn nicht an, sondern starrte auf Sebastien.
“Fünfundsiebzig”, antwortete sie.
“Nicht schlecht, das letzte Mal waren es noch neunundsechsig, fleißig fleißig”, unkte Adem.
“Ich komme nicht in mein Zimmer”, sagte Sebastien, “Aber Adem war so freundlich, mich einzuladen, bis Marie mit dem Schlüssel kommt.”
“Verlass dich nicht drauf”, sagte Sará und stand auf, Sebastien folgte ihr mit den Augen, als sie aus der Tür verschwand.
“Komm!”, rief sie vom Flur aus, “Wenn die es nicht fertig bringen, dann mach ich es eben.”
Sie hieß ihn im Flur zu warten und verschwand dann auf der Treppe zum Hof. Sebastien hörte ein paar dumpfe Tritte, dann polterte es direkt hinter der winzigen Tür, die Schlösser ratschten, Sará öffnete ihm grinsend. Aus Adems Zimmer drang Lachen, die Musik wurde mal lauter, mal leiser, Gläser klirrten.

Am nächsten Morgen erst sah Sebastien sein Zimmer richtig. Es war klein, geradezu winzig. Wenn er sich mitten in den Raum stellte, die Arme ausbreitete und sich einmal um die eigene Achsen drehte, schlug er zuerst gegen das Hochbett, dann gegen die Dusche und letztlich gegen den Kleiderschrank, Spüle, Mikrowelle und Bücherregal verfehlte er nur, weil sie nicht hoch genug waren. Er zog den Koffer zu sich heran und sortierte die Wäsche im Kleiderschrank, im Regal stand ein kleiner Schwarz-Weiß-Fernseher, den er anknipste. Begleitet von einer schrecklich synchronisierten Krimiserie richtete er sich so gut es ging ein, schrubbte die verkrusteten Öl- und Käseschichten in der Mikrowelle, sowie den Boden der Dusche und ersetzte die billigen Handtücher des Vormieters durch seine eigenen.
Gegen elf klopfte es an der Tür. Noch während er öffnete, hörte er bereits die erste Entschuldigung. Marie war rothaarig und wirkte nicht, als würde auch sie noch studieren.
“Es tut mir so leid, ich kam erst sehr spät wieder hier an, weil ich übers Wochenende bei meinen Eltern war. Adem hat mir davon erzählt, es tut mir leid, aber wenigstens war Sarà so nett.”
“Schnauze da draußen!”, brüllte Adem durch die Tür seines Zimmers.
“Macht ja nichts”, sagte Sebastien, “Es hat ja alles geklappt.”
“Dann kennst du ja schon ein paar Leute aus dem Haus”, sagte Marie und reichte ihm den Schlüssel, “Du bist jetzt auch der”, sie zögerte.
“Der Hausmeister, ja.”
Sie lächelte.
“Ich hab übrigens noch ein Paket für Adem in meinem Zimmer, vielleicht kannst du ihm das später geben? Ich muss gleich schon wieder los.”
“Klar, kein Problem.”
“Wundere dich nicht, wenn du auch ab und zu das ein oder andere Paket bekommst, jeder hier bekommt Adems Pakete.”
“Wieso das?”, fragte Sebastien.
“Er will nicht, dass irgendjemand weiß, wo er wohnt.”
“Ist er schon so berühmt?”
“Das vielleicht auch”, grinste Marie, “Aber eigentlich ist es wegen seinem Vater.”
“Warum?”, fragte Sebastien.
Marie sah sich um, griff in ihre Tasche und zog eine Flasche Wein heraus, “Hätte ich fast vergessen, die ist für dich! Weil ich so blöd war und den Schlüssel nicht einfach hier gelassen habe.”
Nachmittags nahm sich Sebastien das Treppenhaus und den Hof vor. Er wischte die Böden, fegte, riss die gestapelten Kartons bei den Mülleimern in kleine Fetzen und goss alle Pflanzen. Je länger er beschäftigt war, desto mehr Leute des Hauses sah er kommen und gehen und er glaubte, ziemlich sicher einschätzen zu können, wer von ihnen studierte und wer nicht. Irgendwann kam auch Sarà vorbei, sie trug ein hellblaues Minikleid und lächelte nur, als er vergaß, ihr “Salut!” zu erwidern, in der Zwischenzeit waren wieder zwei neue Pakete gekommen.

Ein paar Tage lang sah Sebastien seine Mitbewohner nur auf diese Art und Weise. Er hielt sich mit Vorliebe im Hof oder am Fenster auf, wo er Sarà ein und ausgehen sehen konnte und wenn sie den Müll herunter brachte, rannte er ihr auf der Treppe entgegen, um ihn ihr abzunehmen. Er putzte, bis er all jene Teile des Vorder- und Hinterhauses, die allen zugänglich waren, einmal gereinigt hatte und ging abends im Viertel spazieren, Sarà lächelte nur. Er fühlte sich anders als die Touristen, die vor der Sacré-CÅ“ur saßen und Bier von den meist indischen Händlern kauften, noch nicht heimisch, aber auch nicht fremd. Auch Adems Twitter-Account hatte er gefunden. Es war seltsam, Adem fast jeden Tag zu sehen, in seinem Hin und Her und gleichzeitig die Nachrichten und Bilder im Internet verfolgen zu können, Mädchen, die auf offener Straße ihre Brüste offenbarten, zerstörte Männer vor schließenden Bars im Morgengrauen und so weiter. Der Unibeginn war noch entfernt, Sebastien hatte sie bereits auf dem Stadtplan markiert und sich einen Weg mit der Metro dorthin notiert, vorher dort vorbei zu schauen kam nicht in Frage, er wollte sich nicht auf die Vorfreude einlassen, die insgeheim in ihm vorhanden war. Fast jeden Tag brachte er Adem Pakete, meist öffnete er nicht einmal und schrie stattdessen “Einfach hinlegen, meine Güte!” oder Ähnliches durch die Tür. Dann, wenn er ihn durch Zufall einmal im Treppenhaus sah, den schweren Kamerarucksack auf den Schultern, sagte er wieder “Hey Sebastien, wie geht’s?” und “Am Wochenende kommst du mit, ja?”
Als Sebastien in der fünften Nacht in seinem Bett lag, wurde er von dumpfen Schlägen an der Hauswand geweckt. Er dachte an Adem und seine Freunde, die vielleicht wieder bis spät in die Nacht zusammen saßen. Dann erkannte er die hohlen Töne wieder und blieb still im Bett liegen, das Fenster war nur angelehnt und öffnete sich leicht, er hörte eine Hand nach der Vergitterung greifen, dann das Abheben und landen.
“Salut!”, sagte eine Stimme sehr leise und Sebastien antwortete nicht.
Im Dunklen erkannte er, wie sie sich ihr Kleid über den Kopf zog und es auf den Boden fallen ließ, darunter war sie nackt. Sie stieg zu Sebastien ins Bett und legte sich auf ihn, dann griff sie nach seinem Schwanz.

Der darauf folgende Morgen war kalt, durch die Fensterspalten drückte sich der Herbst ins Zimmer und ließ Sarà näher an Sebastien rutschen. Nachdem sie sich auf ihn gesetzt und sie mit einander geschlafen hatten, waren sie die halbe Nacht lang auf geblieben, hatten Zigaretten geraucht und geredet. Sie hatte gefragt, wie es ist in Rennes, da, wo Sebastien herkam und ob die Menschen außerhalb von Paris anders wären. Sie hatte gesagt, dass sie aus einer kleinen Stadt bei Istanbul käme, so etwas wie die Banlieus in Paris, dort, wo auch Adem herkomme. Sebastien hatte sie gefragt, was es mit Adems Vorsicht wegen seiner Adresse auf sich hätte. Er hatte gefragt, ob sie das Ernst meine, sie sei seine Frau. Natürlich, hatte Sarà gesagt, aber nur auf dem Papier, sonst könnte sie nicht in Frankreich bleiben. Für Adem wäre das kein Problem, er verdiene nicht schlecht und wer sich selbst versorgen, niemandem zur Last falle und obendrein noch Steuern zahlen könne, der sei in jedem Land willkommen. Nur sein Vater dürfe nicht wissen, wo er sich aufhalte, natürlich wisse er von Paris, aber er sei nicht so reich, dass er ewig nach ihm suchen könnte. Adem sei versprochen und würde ihn sofort zurück holen. Adem aber habe Sarà nach Paris geholt, nur sie hatte ihm schwören müssen, seinem Vater nichts davon zu sagen, wo er sich aufhielt. Sein Vater kenne das Leben seines Sohnes und hatte schon seine Internetseite verfolgt, der Provider hatte mehrmals Briefe geschickt, dass angeforderte Adressauskünfte aus Datenschutzgründen verwehrt worden waren. Jetzt las er sicher auch den Twitter-Account. Sebastien hatte im Dunkeln genickt. Dann hatte sie ihm einen Kuss auf die Wange gegeben und als Sebastien den Kopf so gedreht hatte, dass sie sich hätten auf den Mund küssen können, war sie einfach aufgestanden. Und kurz darauf war sie verschwunden, mit Kusshand aus dem Fenster. Er hatte ihr nachgesehen, als sie sich umdrehte und mit dem Handy ein Foto von ihm machte. Sein ganzes, kleines Zimmer roch nach ihr und ihrem Parfum, er wollte nicht lüften, aber ebenso lieblich, wie es roch, roch die Luft auch verbraucht und nach Sebastien selbst. Mit einem Mal fühlte er sich zu Hause, in diesem Moment gab es nichts mehr, das ihn hätte dazu veranlassen können, Paris und noch viel mehr seinem Hausmeisterjob, wie er es im Kopf jetzt selbst nannte, den Rücken zuzukehren. Er besorgte sich Blöcke und Stifte in einer kleinen Papiterie nicht weit vom Haus entfernt, stellte die Mülltonnen wieder in den Hof und fegte die Treppen. Am Nachmittag kam Adem und lächelte.
“Salut”, sagte Sebastien.
“Salut”, grinste Adem.
“Was ist?”
“Gute Nacht gehabt?”
“Ja, warum?”
“Na komm”, Adem lachte.
“Hast du etwas gehört?”
“Nein nein, brauchst dich nicht genieren.”
“Warum sollte ich?”
“Immerhin bis du die achtzig.”
“Welche achtzig?”
Adem ging weiter, selbst von hinten sah man ihm an, dass er immer noch grinste und im Treppenhaus hörte man ihn leise vor sich hin schmunzeln.
Sebastien verstand nicht. Er ließ den Besen stehen und rannte hinauf in sein Zimmer, um Adems Twitter-Account aufzurufen. Sein Atem stockte.

“Adem!”, Sebastiens Stimme überschlug sich, “Adem, mach auf!”
“Geht nicht!”, brüllte Adem.
“Mach auf! Wieso hast du mir nichts davon gesagt?”
Adem riss die Tür auf, er lehnte am Türrahmen und betrachete die aufgebrachten Sebastien.
“Und ich dachte, du wusstest längst davon.”
“Woher sollte ich das denn wissen?”
“Ach, komm.”
“Wie kannst du das auch noch publik machen, als ob es nicht schon schlimm genug ist, dass mich Sarà verarscht.”
“Sie verarscht dich doch nicht, sie mag dich.”
“Und deshalb… du bist so ein dreckiger Wichser.”
“Na na”, sagte Adem, “Ist doch lustig.”
“Fick dich!”
“Pass auf!”
Adem trat einen Schritt an Sebastien heran.
Sebastien sah in Adems dunkle Augen.
Adem ging langsam in sein Zimmer zurück.
“Penner”, murmelte Sebastien im Umdrehen.
“Hey Hausmeister”, rief Adem, griff sich den Aschenbecher und schleuderte ihn zur Tür hinaus, an der Wand im Treppenhaus zerschmetterte er unendlich kleine Teile, die Kippenstummel und die Asche verteilten sich auf den Stufen.
Sebastien hatte gerade noch ausweichen können.
“Da haste was zu tun!”, schrie Adem und knallt die Tür zu.
Als er wieder in sein Zimmer kam, zeigte der Bildschirm noch immer die Seite. Als Projekt war es angekündigt, der Beliebigkeit der modernen Zeit zu vor zu kommen, Sebastien verstand es nicht. Dort, ganz oben auf der Seite, war er zu sehen, wie er verschlafen im Bett lag und in die Kamera sah, Überschrift: #80: Sebastien. Er biss sich auf die Fingernägel. Adem hatte per Twitter den Link zu Saràs Seite gepostet, Glückwünsch unserem Hausmeister Sebastien. Er durchsuchte die ganze Seite nach Kontaktdaten, aber fand nicht, als er sich im Vorderhaus nach dem Zimmer Sarà erkundigte und wild gegen die Tür hämmert, lehnte sich Adam aus dem Fenster.
“Kannste vergessen”, rief er, “Die hat zu tun.”
Sebastien zwang sich, nicht zu ihm zu schauen und sagte nichts.

In den folgenden Tagen blieb Sebastien die meiste Zeit in seinem Zimmer. Er machte keine Spaziergänge mehr, das Nötigste besorgte er sich bei Ischam, dem arabischen Lebensmittelverkäufer nebenan. Tag für Tag verfolgte Sebastien, wie die Links auf Adem Twitter-Account anstiegen, die Einundachtzig war ein dünner Kerl, an dessen Bettende noch das benutzte Kondom hing, Nummer Fünfundachtzig ein Afrikaner namens James, der seinen riesigen Schwanz direkt in die Kamera hielt. Sebastien hatte eine Decke zwischen die Fenster geklemmt, das Licht auf seinem kleinen Tisch brannte auch tagsüber. Er fegte nicht mehr und wischte nicht, wenn er Pakete für Adem annahm, riss er die Verpackung auf und warf sie und den Inhalt in getrennt Mülltonnen vorm Haus, Sarà sah er nicht und niemand beschwerte sich wegen der Unsauberkeit, es hatte vor Sebastien schlimmer ausgesehen.
Bald begann die Uni und Sebastien fuhr regelmäßig Metro. Das Vibrieren, wenn er seinen Kopf an die Fensterscheiben legte, beruhigte ein wenig, auch wenn es so stetig klang wie die aufsteigenden Zahlen auf Saràs Seite und in Adems Ankündigungen. Bei Nummer Neunzig hatte Sebastien seine Module bestätigt, er würde Ende des Semesters neun Essays schreiben müssen. Nach Nummer Einundneunzig saß er auf der kleinen Gemeinschaftstoilette auf dem Gang der ersten Etage. Die Tür ließ sich nur mäßig schließen und ein fünf Zentimeter weiter Spalt ließ jeden Vorbeilaufenden sofort die Beine des Toilettengängers erkennen, ein Schloss oder eine Kette gab es nicht, die Toilette war ohnehin so klein, dass man mit den Knien gegen die Tür stieß, wenn man saß und jeder wusste, dass eine geschlossene Tür eine besetzte Toilette bedeutete.
Sebastien dachte daran, dass seine Situation hoffnungslos war. Vielleicht würde er sich irgendwann wieder mit Adam vertragen und Sarà einfach vergessen, er hätte keine andere Wahl, schließlich war das quasi-kostenlose Zimmer seine einzige Möglichkeit, auch nur halbwegs zentral in Paris unter zu kommen. Seine Eltern hatten nicht das Geld, ihm irgendein WG-Zimmer zu mieten und wenn er nebenbei arbeiten müsste, wäre es so viel, dass er kaum noch in die Uni käme.
Mit einem Mal öffnete sich die Tür.
“Besetzt”, rief Sebastien, aber die Tür öffnete sich weiter, sie schabte auf dem Boden, Sebastien griff mit dem Arm nach der Tür, aber sie war schon zu weit offen, Adem griff Sebastiens Hand und riss ihn in die Aufrechte.
“Was glaubst du eigentlich, was du hier machst?”
Sebastien versuchte nicht, sich mit der freien Hand aus Adems Griff zu befreien, sondern angelte nur nach seiner Hose.
“Hör zu!”, schrie Adem, im oberen Stockwerk hörte man, wie sich eine Tür öffnete.
“Ich weiß es!”, rief Sebastien.
“Nichts weißt du!”, brüllte Adem, “Aber ich sag dir eins, wenn du noch einmal meine Pakete zerfetzt, dann erlebst du was!”
“Ich weiß es”, wiederholte Sebastien ruhig.
“Was weißt du?”, Adem wurde ruhiger.
Adem ließ ihn los und ging zum Treppengeländer, beugte sich rücklings darüber und sah nach oben, “Tür zu!”, rief er.
Dann wandte er sich wieder Sebastien zu, “Was weißt du, lieber Hausmeister?”
Sebastien sagte nichts, Adem kam näher.
“Ich weiß”, sagte er und versuchte, die Worte so gut es ging zu dehnen, um Zeit zum Überlegen zu haben, “Ich weiß”, widerholte er, “Ich weiß, dass du”
“Was?”, fragte Adem.
“Dass du Saràs Ehemann bist.”
Adem dreht sich um und ging in sein Zimmer.
“Dann behalt’s für dich, meine Fresse!”
Die Tür krachte ins Schloss.

Wenn Adem Sebastien im Haus traf, grüßte er ihn wie zu Beginn. “Sebastien, schön dich zu sehen!”, “Sebastien, alles klar?” “Sebastien!”, Sebastien sagte nichts, aber schon nach ein paar Tagen begann auch er wieder, dem Nicken ein “Hallo!” oder Ähnliches folgen zu lassen. Jeden Tag rief er Adems Twitter-Account auf, aber es gab keine neuen Links. Auf Saràs Seite stieg die Zahl ihrer Liebhaber weiter an, vierundneunzig, sechsundneunzig. Er hatte sie seit ihrer Nacht nicht mehr gesehen. Er wusste nicht einmal, ob sie überhaupt noch in dem Haus wohnte und hatte keine Lust, es heraus zu finden. Sebastien hielt sich fern von den anderen Studenten, er wollte nicht wissen, ob sie Adem, wenigstens den virtuellen Adem, kannten, den alle so zu lieben schienen und von dem alle wissen zu wollen schienen, was er in seinem Leben so trieb. Denn er gab ihnen, was sie wollten, Handybilder von küssenden Mädchen in versifften Toiletten und zu Muster angeordnete Wodkafalschen Woche für Woche. Sebastien hatte sich daran gewöhnt, jeden Sonntag fegte und wischte er wieder, niemand außer Adem schien ihn sonderlich ernst zu nehmen, aber ihm ebenso auch nichts anhaben zu wollen.
Nach ein paar Wochen lud ihn Adem ein, am Wochenende mit in einen Club zu kommen und Sebastien sagte zu. Im Grand Rex wollte Adem Bilder machen, Punkt Mitternacht wollten sie sich vor der Tür treffen. Sebastien stand bereits um zehn geduscht und angezogen in seinem kleinen Zimmer, Adem war bereits unterwegs. Sebastien klappte sein Notebook auf, schaute nach seinen Mails und auf die Seite der Uni. Die Metro fuhr in gut einer halben Stunde. Sebastien rief Saràs Seite auf, ganz oben prangte die #100, die ihm die Tränen in die Augen steigen ließ. Lange starrte er auf das Bild, dachte an Sarà und wie sie in der Nacht durch sein Fenster geklettert gekommen war. Dann stand er auf und ging aus dem Zimmer, auf dem Gang blieb er stehen, drehte sich um und holte Schwung. Mit aller Kraft, die er aufbringen konnte, landete sein Fuß neben dem Türknauf von Adems Tür, der Computer surrte leise im Dunklen.

Er fiel auf den Stuhl vor dem Schreibtisch und schlug auf die Tastatur, der Rechner räusperte sich und das Bild wurde hell. Mit zittrigen Händen gab Sebastien die Adresse von Adems Account ein, die entgleistern Gesichter an den Wänden beobachteten ihn im blauen Licht. Was gibt’s Neues? stand auf dem Bildschirm. Und Sebastien tippte: Adem Duman, 23 Rue Gabrielle, 75018 Paris. Der Mauszeiger reagierte zuerst nicht, Sebastien wischte sich die Fingerkuppen trocken, dann drückte er auf Tweet.

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