Was hat es mit der Frau auf sich, die dem Silbersee ihren Namen gab? Was braucht es, den Tod des eigenen Vaters zu verkraften? Warum sollte man Anja nicht blind nennen? Wenn man bei einem Monat von einer Zeit lang sprechen kann, dann hatte ich mir schon eine Zeit lang vorgenommen, mir Ulrike Almut Sandigs Kurzgeschichten-band Flamingos zu besorgen. Dass ich ihn dann netterweise geschenkt bekam, war umso besser. Ich las ihn auf der Bahnfahrt nach Braunschweig und zurück, elf Geschichten auf 176 Seiten, manchmal ein wenig surreal, dafür alle ruhig und bedacht, sprachlich komponiert, und die Güte des Gelesenen erschließt sich einem hin und wieder erst, wenn man das Buch aus der Hand gelegt und dann später noch einmal darüber nachgedacht hat.
Wahrscheinlich ist es zu große Phrasendrescherei, zu sagen, man würde den Geschichten anmerken, dass Ulrike Almut Sandig als Lyrikern bekannt geworden ist, treffender ist, dass sie für ihre Geschichten eine Sprache gefunden hat, die den Leser dicht an die jeweiligen Personen heran rückt und sie dennoch immer ein bisschen auf Distanz hält, was sie allesamt ein wenig merkwürdig, aber die Personen gleichzeitig so nachvollziehbar macht. Die Sätze sitzen allesamt, wirken sprachlich so naiv, aber kunstvoll gesetzt und können nur deshalb so genau beobachten. Alle Geschichten kommen ohne große Wendungen aus und kündigen sie im anderen Falle sogar noch an; wenn sie laut werden, weiß man, dass darauf zermarternde Ruhe folgen muss. Im Gegenzug mildert die vorherrschende Surrealität mancher Geschichten die Stimmung ein wenig, bis man sie nur noch so hinnehmen kann, wie sie sind – dass genau dass die Figuren dann auch tun, ist bei weiterer Überlegung eine tolle Idee. Die entrückten Orte, die irgendwo im Osten Deutschlands zu sein scheinen, sind mit so wenigen Worten so toll umrissen, dass in ihnen ohnehin alles ein wenig weltfremd erscheint. Und hierin spielen Ulrike Almut Sandigs Geschichten, klein und ruhig, bis sie den Leser im Nachgang überrollen. Tolles Debüt, da haben die Buchschenker Geschmack bewiesen, da kann man neidisch werden.
Ulrike Almut Sandig: Flamingos
Schöffling, 176 Seiten
ISBN: 3895611859













