TRON: Legacy

28. Januar 2011, Kritikaster

 

Nachdem Kevin Flynn, seines Zeichens Programmiergott und Held des ersten TRON-Films seit 20 Jahren spurlos verschwunden ist, hat die von ihm an Ende des ersten Teils übernommene Firma ENCOM einen enormen Aufstieg erlebt. Doch das Firmenkonzept ist mittlerweile weit entfernt von Freeware und der Suche nach einer besseren Welt im Digitalen, sodass ENCOMs größter Aktionär und Sohn Kevins namens Sam Flynn, Jahr für Jahr die neuste Version von ENCOMS eigenem Betriebssystem kostenlos vor Verkaufsstart ins Internet stellt. Niemand weiß, wo Kevin geblieben oder wohin er verschwunden ist, bis Sam in der verlassenen Spielhalle seines Vaters dessen Computer findet und sich aus Neugierde sogleich ins Digitale dematerialisieren lässt. Dort wird er sofort von einem Kontrollprogramm gefangen genommen und muss sich im Kampf mit dem Diskus beweisen. Dabei kommt heraus, dass Sam ein User ist und er wird zu Clu, jenem Programm, das sein Vater vor Jahrzehnten schrieb, um es ein Ebenbild der menschlichen Erde im Digitalen bauen zu lassen und dass ihm haargenau ähnelt, nur dass es nicht gealtert ist, gebracht. Clu ist mittlerweile völlig ordnungs- und perfektionsfixiert und will, dass sich Sam auch im Lightcyclefahren beweist. Nachdem er dabei einige Programme derest, sprich besiegt und gelöscht hat, stehen sich nur noch Clu und Sam gegenüber, bis Sam aus heiterem Himmel von Quorra gerettet und in die Outlands gebracht wird. Dort trifft er auf auf seinen echten Vater, der seit 20 Jahren in der Digitalwelt gefangen ist. Er hat eingesehen, dass sein Perfektionswahn, den er auch Clu einprogrammiert hat, der falsche Weg war, eine Welt zu erschaffen und Clu deshalb außer Kontrolle geraten ist. Noch ist das Portal, durch dass Sam gekommen ist, offen und Quorra empfiehlt, sich von einem Programm namens Zuse helfen zu lassen, wieder in die reale Welt zurück zu kommen und dabei gleichzeitig. Nur ist gerade das doch nicht so einfach, wie es zuerst scheint.

Achtung, Spoiler.

Ich hatte mich wirklich auf TRON Legacy gefreut, wirklich. Auch wenn ich beim Erscheinen des ersten Teils noch nicht einmal geboren war, war TRON für mich später ein absolutes Highlight. Optisch führt TRON Legacy dieses Vermächtnis (haha) mehr als fort. Der Film sieht absolut top aus, sehr schön, wie z.B. das Aussehen der Kontrollprogramme in den neuen Film übernommen und gleichzeitig aufgehübscht wurden. Auch die Anzüge der Figuren sehen nicht mehr so dummiehaft, sondern unheimlich stylisch aus, mit all ihren Lichtstrichen. Die Kämpfe und die Rennen sind großartig animiert, optisch ist TRON Legacy mehr als sehenswert (haha). Ebenso ist der Soundtrack, den Daft Punk persönlich beigesteuert haben, fantastisch geworden.

Problematisch ist nur, dass das, als abzüglich Optik und Sound, fast schon alles Positive war. Was mir gleich als Erstes auffiel, und da möge man mich gern pedantisch nennen und diesen Punkt von der Negativliste streichen, ist die Schleichwerbung. Ich bin mir durchaus im Klaren, dass TRON Legacy kein GEZ-bezahlter Vorabendfilm für die öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ist, aber wenn ich bereits in den ersten Minuten ein dickes Ducati-Emblem meterhoch und nicht nur einmal auf der Leinwand prangen sehen muss, nur damit es danach von einem BMW-Logo abgelöst wird, welches wiederum von einem Nokia-Handy aus dem Bild gedrückt wird und so weiter, dann stört mich das. Genug davon.

Ich weiß nicht, warum Sam gleich zu Beginn in bester Actionmanier das ENCOM-Gebäude entern muss, nur um kurz den Verkaufsstart ihres neuen Betriebssystems zu vermasseln, wobei ich diesen Szenen durch aus noch Relevanz und Bezug zu TRON zugestehe, insofern Sam genau wie Kevin für freie Software und gegen die bösen Machenschaften des Computergroßkonzernen ENCOM operiert (obwohl er natürlich als größter Aktionär auch Besitzer des ganzen Betriebs ist, verrückt). Oder nennen wir es einfach Mainstream. Dass ich es nicht sonderlich TRONig finde, wie Sam sich bei seinem Einbruch in bester Batman-Manier durchs nächtliche Gotham-City schwingt, ist nur mein persönlicher Geschmack. Als Sam jedoch kurze Zeit später in der Digitalwelt ist, gegen die anderen Programme im (sehr ansehnlichen) Diskuskampf erfolgreich kämpft und von Quorra aus dem Lightcyclerennen gegen das Kevin-Ebenbild Clu gerettet wird, beginnt es langsam aber sicher LOSTig zu werden (mehr als treffend und zuerst bemerkt von den Fünf Filmfreunden). Ständig blitzen neue Handlungsfetzen auf, werden nicht weiter verfolgt und gleich abrupt durch absurde Enden abgebrochen.

Bestes Beispiel: Es stellt sich bald heraus, dass vor langer Zeit beim Bau von Kevins Digitalwelt aus dem Nichts die perfekten Wesen, so genannte Isos, entstanden waren; friedfertige, überaus intelligente, perfekte Wesen mit je einem lustig leuchtenden Zeichen am Körper. Clu jedoch, der mit der Zeit immer mehr seinem Perfektionswahn erlegen sein muss, hat diese Isos einfach auslöschen lassen, Ende. Ob es nur eine unglaublich schlechte Übersetzung oder tatsächlich Ernst war, Kevin dies mit dem Satz "Es war Völkermord" kommentieren zu lassen, kann ich nur vermuten. In jedem Fall endet mit der Erzählung vom digitalen Völkermord die Geschichte der Isos, einzig bleibt, dass Quorra auch so ein perfektes Wesen ist und deshalb unbedingt mit zurück in die reale Welt soll, so macht man Nebenrollen.

Kevin lebt also mittlerweile in den Outlands, weit entfernt, aber in Sichtweite der Digitalstadt und von Digitalhitler Clu. Ersterer scheint Digitalbuddhist geworden zu sein, meditiert die ganze Zeit über und haut eine Weisheit nach der anderen raus. Das alles soll wohl Kevins Geisteswandel illustrieren, denn er weiß mittlerweile, dass Perfektion nicht erreicht werden kann (Die Isos, hallo, die Isos?) und Chaos durchaus Gutes in sich birgt. Dass man diesen Erkenntnisgewinn gleich wieder mit irgendeiner Religion, bzw. Stilmitteln irgendeines fernöstlichen Kultes darstellen muss, ist mehr als quatschig. Ganz im Gegenteil, Kevin kommt zu Beginn dadurch sogar völlig mürbe, dement und wie ein esoterikbegeister QVC-Fan rüber.

Warum der Digitalführer Clu es trotz seiner Allmacht bis dato noch nicht geschafft hat, Kevin 5 Kilometer außerhalb seiner Glitzerstadt zu finden und es erst Sam braucht, der mit dem Elektromoped zurück in die Stadt fährt, um Zuse zu suchen, naja. Die Begegnung mit Zuse zumindest war für mich der einzige wirkliche Höhepunkt des Films. Zuse, der in seiner Programmfunktion angeblich jeden überall hin bringen kann, lebt incognito als Clubbesitzer in der Stadt und hat Daft Punk als DJ Team engagiert. Michael Sheen als Zuse, resp. Castor ist so großartig verrückt und aufgedreht, dass er für kurze Zeit den Film richtig rausreißt. Auch kommt in dieser Szene der Soundtrack schön zur Geltung. Hier ein kleiner Ausschnitt:

Nun könnte man eigentlich diese Rezension beschließen, indem man schriebe: "Danach wird eigentlich nur noch gekämpft." Stimmt soweit auch, Clu will eigentlich nur noch an Kevins Identifikationsdiskus, mit Hilfe dessen er in die reale Welt einfallen und diese unterjochen könnte, aber das wollen die Helden namens Sam, Quorra und Kevin natürlich nicht. Achja, warum heißt der Film eigentlich TRON Legacy? TRON ist, nachdem sich Clu vor Unzeiten gegen Kevin aufgelehnt hatte, von Clu zu einem seiner mächtigsten Kämpfer umfunktioniert worden. Er kämpft mittlerweile, und nicht mehr wie im ersten Teil für, sondern gegen die User und ist die meiste Zeit damit beschäftigt, in mehr oder weniger großen Geplänkeln die Rückreise zum Portal Richtung echte Welt zu behindern. Und am Ende besinnt er sich dann kurz und stirbt. Ok, da haben die Filmemacher echtes Können bewiesen, eine der Hauptfiguren des ersten Teils und gleichzeitig Namensgeber beider Filme in einem schlichten Drehbuchnebensatz abzukanzeln, das muss man erstmal drauf haben. Natürlich schafft es Clu nicht in die echte Welt, sondern Kevin erlebt noch schnell eine seiner dauernden Erleuchtungen, nämlich jene, dass Clu nur ein Teil seines früheren Selbst ist, und verleibt ihn sich daraufhin ein, um kurz danach zu explodieren. Ja, zu explodieren und die ganze Digitalwelt verpuffen zu lassen. Alles klar, gibt also keine Fortsetzung. Und wenn doch, dann hat man so wenigstens Freiraum für Neues geschaffen.

Die Story von TRON Legacy ist wirklich nicht das Wahre. Optisch und soundmäßig ist der Film wirklich groß, obgleich ich den Witz, am Anfang des Film darauf hinzuweisen, die vielen 2D-Parts seien ein stilistisches Mittel, nicht witzig fand. Denn für 3D-Vorstellungen gibt es nachwievor keine Ermäßigung und es gibt leider noch keine Gönner, die mir die Karten bezahlen, damit ich anschließend Film nieder machen kann. Da helfen auch nicht die teilweise ganz witzigen Dialoge, bspw. wenn Kevin meint, dass er die Idee zu Wlan schon in den Achtzigern hatte. Dazu nervt es viel zu sehr, dass die Zeit zwischen den ganzen gladiatorhaften Kämpfen meist nur damit gefüllt wird, dass surreale Landschaften gezeigt und nicht allzu tiefgründige Dialoge geführt werden.

Nein nein, es tut mir schon jetzt weh, wenn ich bald irgendwo lesen oder hören werde, TRON Legacy sei "total kraaaaass", denn eigentlich ist ein Film über einen muskulösen Helden und eine hübsche Latex-Frau, die gern mal einen Sonnenaufgang sehen würde, die mit Licht-Kung-Fu gegen einen bösen Digitalhitler kämpfen. Und irgendwie kommen dauernd Identifikations-Disks darin vor, die im Endeffekt aber völlig egal sind. TRON Legacy ist kein abscheulich schlechter Film, sondern optisch toll und mit einem fetten Soundtrack ausgestattet, über denen leider die Story ein wenig zu sehr vergessen wurde. Dem, was davon im Film übrig geblieben ist, merkt man an, dass es Mainstream mit TRON-Aufkleber ist, der die hohen Werbe- und Animationskosten wieder ins digitale Boot bringen soll. Das wird er sicherlich tun und das soll er auch, aber ein ähnliches Gefühl wie der erste Teil, wird er auf keinen Fall erzeugen können.

Aus Nostalgiegründen, der alte TRON-Trailer:

TRON: Legacy
2010, 127 Minuten
Regie: Joseph Kosinski
Drehbuch: Edward Kitsis, Adam Horowitz
Mit: Jeff Bridges, Garrett Hedlund, Olivia Wilde, Bruce Boxleitne, James Frain, Beau Garrett, Michael Sheen

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