
Bei Tesco gibt es ein Regal, in dem die Billigangebote liegen. Nicht dass es ohnehin nicht schon genügend Sonderangebote gäbe, ganz besonders versessen sind die Engländer auf "2 for 1"- und "3 for 2"-Angebote. In diesem Regal aber liegen jeden Tag ab ein paar Stunden vor Ladenschluss jene Waren, deren Mindesthaltbarkeit bald abläuft, deren Verpackung in irgendeiner Weise beschädigt oder die in sonstiger Weise nicht mehr zum Originalpreis zu verkaufen sind. So ernährt man sich ganz gut, zwar vom Preis diktiert und sicherlich nicht ganz gesund, aber wirklich nicht schlecht. Es gibt Yorkshire und Shepard's Pie, ab und zu eine Pizza, man kennt sich am Billigregal, denn hier etwas auf Vorrat zu kaufen funktioniert aus zweierlei Gründen so gut wie nie. Erstens, weil es viel zu wenig Ware für viel zu viele Billigtouristen gibt, zweitens, weil die Mindesthaltbarkeiten oft wirklich hart an der Grenze sind.
So kenne ich Henry ganz gut. Er ist Inder und arbeitet an der Selbstbedienerkasse, deren Selbstbedienungsfunktion sich allerdings dadurch erübrigt, dass eben Henry von seinem Chef dazu abkommandiert wurde, ständig neben ihr zu stehen und den Kunden selbst die Selbstbedienung noch abzunehmen. Kein guter Job, sagt er, nicht viel Abwechselung, vermute ich, aber nein, sagt er, es sind ja immer andere Waren in den Körben und im Kopf könne er mitrechnen, so könne er wenigstens in seiner Sache besser werden, während der Arbeit, seine Skills erweitern.
"Da wohnst du?", die typische Reaktion bei Offenbarung meines Viertels. Niemand will hier wohnen, zu dicht gestreut die Gerüchte von nächtlichen Überfällen, Einbrüchen, sogar von einer Schießerei war einmal die Rede. Bis auf die ewig lange Busfahrt hierher kann ich kaum etwas davon nachvollziehen, aber manchmal beim Spazierengehen packt mich ein wenig die Angst, wenn ich am Kanal entlang laufe, unter der Eisenbahnbrücke, die von den Tauben besetzt ist und man deshalb ständig aufpassen muss, nicht vollgekackt zu werden, wenn man darunter hindurch geht. Die Gerüchte machen einen wachsamer, aber auch ängstlicher. Fast hätte ich mir ein Pfefferspray gekauft, doch dann kam mir der Gedanke, dass so etwas zu besitzen auch die letztendliche Anwendung wahrscheinlicher machen würde, und so will ich nicht sein.
Ich gehe also jeden Tag zu Henry. Wir grüßen uns am Eingang, vom Billigregal aus kann ich auf seine Selbstbedienungskasse sehen und wenn ich dann bei ihm bin und er meine Pizzae und Pies scannt, reden wir ein bisschen. Er weiß jetzt, dass ich studiere, hatte er schon vermutet, ich sähe zu zerbrechlich aus für die englische Arbeitswelt, sagt er. Er wolle auch nur Geld verdienen und dann das Leopolds College besuchen, International Business Administration, etwas, das viel Geld bringt. Ich wolle nur Ruhe, sage ich, irgendeine Art Frieden mit mir selbst, der mich ruhiger und innerlich gelassener werden lässt und vielleicht irgendetwas fabrizieren, dass den Menschen im Gedächtnis bleibt, etwas, für das sie mich schätzen und mögen. Ich solle Geld verdienen, sagt Henry, mit Geld könne ich mir doch all das kaufen.
Wenn ich im Bus sitze und hin und her geschaukelt werde, der Busfahrer so schnell und hart einlenkend an die Haltestellen fährt, dass er manchmal das Haltestellenschild abmäht, werde ich müde. Und obwohl ich nicht viel getan habe, außer ein wenig zu lesen, ein wenig zu denken und zu schreiben, werde ich immer schläfriger. Dann rede ich mir ein, dass eben das meine Arbeit ist, zu denken, und dass es eine mindestens genau so anstrengende Arbeit ist, wie die der brick layer, die in den Reihen vor und hinter mir sitzen und in ihren zerschlissenen Arbeitshosen einnicken. Dann, wenn ich die Augen öffne, hat auf der Bank zu meiner rechten ein Pärchen Platz genommen, dass sich im breitesten manc vollschwallt. Er sie, weil er dieser bitch in der bar nicht an die tits langen wollte, sie ihn, weil sie das fucking nicht interessiert, sondern dass er lieber seine fucking debts abbezahlen soll, es gäbe ihr einfach die chills, dauernd dieses wreck of a man neben sich sehen zu müssen. Und ich denke, hier liegt die Poesie. In den fleischigen Augenwülsten des Mannes liegt sie, in seinem zerfickten Schoß, nahe der halbvollen Flasche Naredo. Zwischen den beutelnen Brüsten seiner Frau, die ihn erst hasst, ihm eine knallt und ihn wegschiebt und ihn dann doch zwischen die fleischigen Taschen nimmt, als er einnickt.
Ich fahre mit dem Bus, der Busfahrer lenkt scharf ein und schrammt mein Haltestellenschild. Es ist gleich sieben, ich muss noch zu Henry, ich hab nichts zu essen im Haus.









Jessica
2. August 2010
Schönschönschön!
André
2. August 2010
Danke, das freut mich!