Charlie ist fünfzehn und nicht gerade der größte Nerd der gesamten Schule, aber ebenso nicht die fleischgewordene Beliebtheit schlechthin. Er mag die High School schon im ersten Jahr nicht besonders und kann nur relativ wenig mit dem plötzlichen Interesse beider Geschlechter füreinander anfangen. Er kommt aus einer typischen Mittelklassefamilie, die in den Suburbs der großen Stadt wohnt und dort Tag für Tag an ihrem kleinen Glück feilt. Der Vater bringt das Geld nach Hause, die Mutter hält den Haussegen gerade und das Haus in Ordnung. Sein Bruder ist gerade ans College gewechselt, spielt dort in der Footballmannschaft und hofft auf den Sprung ins Profilager, seine Schwester wechselt immer mal wieder den Freund und steht kurz vor dem High-School-Abschluss.
Charlies bester Freund Michael hat sich kürzlich erst umgebracht, was Charlie schwer getroffen hat, vor allem, da niemand wirklich danach zu fragen scheint, warum Michael sich umgebracht hat, sondern man sich stattdessen schnell auf "problems at home" und "felt like he had nobody to talk to" einigt.
Für Charlie ist der Verlust Michaels nun schon der zweite, der ihn nicht mehr richtig los lässt. Noch immer vermisst er seine Tante Helen, die nach einer gescheiterten Ehe im Haus von Charlies Eltern versuchte, wieder auf die Beine zu kommen und dann plötzlich tödlich verunglückte.
Glücklicherweise lernt er bald Sam(antha) und Patrick kennen, mit denen er sich anfreundet und die ihn in ihrem Abschlussjahr überall hin mitnehmen. Patrick, der heimlich mit dem Quarterback der Footballmannschaft zusammen ist und die wunderschöne Sam, in die sich Charlie selbst gleich zu Beginn verliebt, die ihm aber ebenso gleich sagt, er solle sich nicht in sie verlieben.
Um all das zu ordnen und selbst jemanden zum Reden zu haben schreibt Charlie über seine Erlebnisse, Gefühle und Gedanken in Briefen an ein/e Unbekannt/e festzuhalten, "[…] because she said you listen and understand and didn't try to sleep with that person at that party even though you could have."

Achtung, ein wenig Spoilerei!

Nichtnocheincomingofageroman, dachte ich, schließlich scheint es da eine Schwemme zu geben. Mit ganz viel Party, noch mehr Alkohol und unendlich viel Teenie-Sex, der natürlich unheimlich schlecht ist. Und Drogen und Sex und Schule und Studium hab ich schon Parties erwähnt? Aber ich lasse mich ja bekehren und Empfehlungen nehme ich generell gern und unvoreingenommen an, denn hin und wieder erlebt man Überraschungen und das Buch ist gar nicht so typisch Coming-Of-Age-lastig/lästig, wie es der Einband erahnen lässt.

Klar, es geht um Schule, Freundschaft, Parties, Drogen, Sex. Natürlich erlebt Charlie sein erstes Mal, raucht seinen ersten Joint und so weiter und steht am Ende sich selbst aufrechter gegenüber. Für mich hat "The Wonder Years" vorgemacht, wie man zwar Klischees reiten, aber gleichzeitig einfühlsam davon erzählen kann, wie es ist, aufzuwachsen. Und genau so gelingt es auch The Perks of Being a Wallfower immer genau abseits des Zu-Oft-Gehörten, sehr schön zu werden.

Vielleicht trotzdem gleich zu Beginn meine größten Kritikpunkte:

Warum weint Charlie die ganze Zeit über? Ich kann schon nachvollziehen, dass Charlie weinen _muss_, schließlich soll er der sensible Hauptcharakter des Buches sein, aber man hätte seine Sensibilität, die natürlich ebenso auf seine überragende Intelligenz hinweisen soll, oft auch besser darstellen können, als ihn geschätzte fünfzig mal in diesem Buch in Tränen ausbrechen zu lassen.

Warum ist Charlie einerseits einer der begabtesten Menschen, die sein Lehrer je zu Gesicht bekommen hat, gleichzeitig ahnt er selbst jedoch überhaupt nichts davon? Es will mir nicht in den Kopf, wie man einerseits dauerhaft über sich selbst und das eigene Umfeld reflektieren und gleichzeitig so verblendet und naiv sein könnte, wie es Charlie manchmal ist. Vielleicht habe ich da einfach eine zu große Vorliebe zu Good Will Hunting, aber so etwas nehme ich eigentlich niemandem ab. Sturheit, Engstirnigkeit, absolute Leidenschaftlichkeit und Scheuklappen ja, aber keine so große Naivität. Coming of age heißt deshalb leider am Ende, dass Sam und Patrick nun aufs College gehen und Charlie sein sophomore year an der High School allein begehen muss.

Das im Hinterkopf behaltend wirkt The Perks of Being a Wallfower manchmal ein bisschen ungelenk und die Charakterisierung Charlies ein bisschen zu abgegriffen. "Schatz, der Junge ist so sensibel und brütet die ganze Zeit über seinem eigenem Leben, was ist los ist mit ihm?" "Ach, er ist einfach unglaublich intelligent, aber damit wird er schon irgendwann klar kommen!"

Aber das Buch hat genau da seine Stärken, wo es diese relativ plumpe Erklärung mal außer Acht lässt und nicht darauf hinarbeitet, Charlie am als kleinen Wunderbengel zu enttarnen, sondern einfach die alltägliche Tragik einer Mittelklassefamilie und eines Jungen, bei dem das Nachdenken zwanghaft ist, porträtiert. Mit dem Stolz und den Hoffnungen, die auf den Schultern der Kinder lasten, die es mal zu etwas Besserem bringen sollen oder der bedinungslosen Sorge der Eltern, wenn einem ihrer Kinder etwas zugestoßen sein könnte. Mit dem ganz familiären Generationskonflikt und einem Großvater, dessen Schläge nur sicher stellen sollten, dass keine seiner Töchter jemals wieder in einer Mühle arbeiten müsse (meine Lieblingspassage) oder den tragischen Enden bestimmter Verwandter, welche die Kinder nie erklärt bekommen, vor denen sie aber gleichzeitig Respekt haben sollen.
Dort ist das Buch richtig stark, genau wie bei Charlies erster Freundin Mary Elizabeth, die so viel redet, dass Charlie am Telefon einfach ein Gespäch anfangen, den Hörer beiseite legen und auf die Toilette gehen kann, ohne Angst haben zu müssen, sie könnte es bemerken. Die ihn lernen lässt, dass man ehrlich zu sich selbst, anderen aber nicht immer jede Wahrheit auf die Nase binden sollte. Oder bei der Liebesgeschichte zwischen Charlie und Sam, die eigentlich nur ein einseitiges Anhimmeln durch Charlie ist und bei der die seine Reflektiertheit und der Respekt vor Sam ihm einen Strich durch die Rechnung machen, sodass er erst am Ende, kurz bevor Sam in Richtung College aufbricht, erfährt, dass er es einfach hätte versuchen sollen. Charlies komplettes Einserzeugnis als Antithese dazu hätte es meiner Meinung nach gar nicht gebraucht, im Gegenteil, das zerrt es ins Klischee.

Am Ende lesenswert, für mich das bessere About a Boy, auch wenn sie auf Grund der verschiedenen Handlungen so vergleichbar nicht sind. Auf dem Cover steht zwar "In the tradition of The Catcher in the Rye", aber das sollte man meiner Meinung nach nicht zu wörtlich nehmen. Holden Caulfield floh vor dem Erwachsenwerden, das hat ihn sympathisch gemacht, Charlie läuft ihm oft einfach weinend hinterher, was manchmal ein wenig nervt.

7/10

The Perks of Being a Wallfower
Stephen Chbosky
224 Seiten
Simon & Schuster, 2009
ISBN: 1847394078

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