the first two weeks

28. November 2010, Litritscher

 


Direktgreets

Frei zu sein hatte sich bereits am Flughafen so unerwartet anders angefühlt als in Lost in Translation und all den Filmen, die ich ob ihrer phlegmatischen Tragik so liebte. Hier frei zu sein bedeutete, dass niemand da war, der wartete, als ich vom Rollfeld in die Wartehalle kam, dass ich mich unter andauernden Sorry's und Excuse-Me's an eben jenen vorbei schlängeln musste, für die jemand gekommen war, dass sich kein einziger Gedanke in meinem Schädel formen wollte, als ich mit Koffer und Rucksack vorm Flughafen stand und rauchte, dass einzig und allein ein großes "Und nun?" in mir umher waberte, dass da nichts Anderes war und nichts Anderes mehr sein sollte und dass ich glaubte, innerlich in dieser Leere zu ertrinken.

Frei zu sein hieß aber auch, dass – ich weiß nicht mehr, wie ich sie getroffen hatte, ich klinke zu schnell aus in Gesprächen, ich weiß nicht warum, aber es kommt mir alles so oft so irreal vor, dass ich plötzlich ausklinke und dann neben mir stehe und mich frage, was das eigentlich alles soll. Meine Augen werden leer und mein Körper seltsam steif, dann kommt die Einsilbigkeit, die Leute nennen das zurückhaltend oder introvertiert. Aber natürlich war ich mit in das Flughafencafé gegangen und hatte über die 8 Pfund für zwei Sandwiches hinweg gesehen, allein des Bildes wegen, mich selbst möglichst verloren und allein in einem Flughafencafé sitzen zu sehen.

Mir ist bewusst, dass bereits an diesem Punkt quasi schon alles verschenkt ist. Wenn man nicht einmal mehr weiß, wie man sie getroffen hat, aber dennoch eine Geschichte daraus machen will, das kann doch nicht gut gehen!

Ich dachte, ich wüsste alles über mich und wusste überhaupt nichts. Heute denke ich diesen Satz nur noch mit Vorsicht, obwohl ich glaube, dass ich leider immer einfacher werde. Ich hatte nichts Zerstörtes hinter mir gelassen, ich hatte nichts zu kitten, wenn dann nur etwas zu übertünchen, wohl aber etwas, vor dem es sich lohnte, davon zu laufen, auch wenn es nur ich selbst war, vor dem ich davon lief. Ich lief davon vor dem einsamen Kämpfer, der dachte, er könnte es allein schaffen, dachte er bräuchte nichts und niemanden, obwohl man da abwägen muss. Die Welt ist ein Arschloch, das hatte ich ganz richtig erkannt, aber allein gegen es anzugehen ist beinahe aussichtlos, da einen die eigene Egalheit alsbald innerlich zu erdrücken droht. Darum braucht man zumindest einige wenige Seilschaften, die das andauernde Fallen ein wenig abzumildern vermögen. Bald hatte es losgehen sollen, eine neue Stadt und neue Menschen, seit Monaten hatte ich diesen kruden Satz aus Prozac Nation in meinem Kopf hin und her gewogen – "The first two weeks, that's when everybody's making friends." Eine Generalprobe sozusagen.

Zu Recht wird man sich fragen, fragt man sich und frage ich mich, wo das noch hinführen wird.

Ein unbeschriebenes Blatt, ach, ich sprach kaum mit ihr und gefiel mir schon von Anfang nicht in meiner Rolle, aber wir verabredeten uns für ein paar Tage später. Sie redete lange und andauernd von einer Wohnung, die sie angeblich gemietet hatte und gab mir ihre Telefonnummer auf einer Serviette, die ich am liebsten sofort zerknüllt hätte – die Melancholie vor der Trauer, das ist das Beste. Ich allein, fast, so weit weg von allem, das ich zurück gelassen hatte, ich würde sehr bedächtig auswählen, wen ich in meine kleine Welt hinein ließe, dachte ich immer wieder. Und dieses Mädchen würde ganz sicher nicht dazu gehören, dafür war bereits ihre Zukunftsgewandtheit zu unheimlich.

Wenn er sich wenigstens in sie verliebt hätte, hätte man die Geschichte relativ schnell zum Abschluss bringen können. So aber weitet sich der Erklärungshorizont ins schier Unendliche. Was soll ich nur machen? Was verlangen Sie, wonach lechzen Sie, lieber leser? Soll ich die Nacht hindurch schreiben und hier am Morgen eine schlecht redigierte Novelle abliefern, die so oder so kein Einziger in ihrer Gänze lesen wird. À propos lesen: Just stand ich im Hof unseres Hauses und rauchte gemütlich eine Zigarette, dachte darüber nach, was wohl publizierenswert wäre und bemerkte einen Mann im Erdgeschoss des Nachbarhauses. Ich kenne diesen Mann nicht, eine Krankheit unserer Zeit, man kennt zumeist nicht einmal die Mitmieter des eigenen Wohnhauses, vom Nachbarhaus ganz zu schweigen. Er stand dort am Fenster und fraß. Er fraß regelrecht, ich sah nicht, was er aß, was er da in sich hinein stopfte, aber es wirkte tatsächlich so, als stopfte er sich selbst, nur um später beruhigt im Backofen zum Liegen zu kommen. Dieser Mann füllte sich selbst in solcher Geschwindigkeit, es war fast schon ekelhaft. Lesen, ich weiß. Später, das hat mit dem Mann leider nichts zu tun, war ich im Keller, unser Keller ist sehr verwinkelt, jede Kellerparzelle ist mit einem eigenen Lichtschalter ausgestattet, den Stromverbrauch muss jeder Mieter selbst zahlen, ich stand in meiner Parzelle und werkelte, ich suchte vielmehr, als ich plötzlich Schritte vernahm. Schritte, zuerst Schritte, dann ein wildes Lachen, Sie können sich vorstellen, wie die Angst in mir aufstieg, nebst zahlreicher Eindrücke, die sich irgendwo in meinem Hirn befanden, Tod durch Verhungern, Chile, Dunkelheit, Natascha Kampusch. Da ist es! Lesen. Hätte man mich also tatsächlich, hätte mich vielmehr ein verrückter Axtmörder oder ein unauffälliger Mann Mitte 40 in unserer Parzelle eingesperrt und wäre ich später wieder frei gekommen, ich hätte sicher ein Buch über diese Zeit geschrieben. Und veröffentlicht. Ein echtes Buch. Etwas, das ich womöglich ohne solch eine Zeit im Keller nie werde schreiben können. Was schade ist. Wirklich. Ich schaffe es ja nicht einmal, eine simple Geschichte über einen jungen Mann an einem Flughafen zu schreiben. Naja. Aber ein paar nette Gedanken waren schon dabei.

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