Als ich heute im Buchladen sogar noch Axolotl Roadkill an prominenter Stelle im Regal stehen sah, dachte ich, könnte ich mir auch ein halbes Jahr nach Erscheinen noch Stéphane Hessels Empört euch! zulegen (der Hype ist ja ähnlich) und nahm es mit.

Empört euch! ist nicht gerade ein Buch, sondern eher ein Heft, vielmehr noch ein Heftchen, dessen Metainformatio-nen, Fußnoten usw. exakt so viele Seiten einnehmen wie der Text an sich (16), aber das soll ihm nicht angekreidet werden. Im Oktober 2010 erschien der Text in Frankreich und knackte sogar die Millionenauflage, im Januar 2011 auch in Deutschland, mittlerweile in der neunten Auflage. Stéphane Hessel selbst hat eine eindrucksvolle Biographie, wurde in Berlin geboren, wuchs in Paris auf, war Mitglied der Résistance, wurde in Paris von der Gestapo verhaftet und nach Buchenwald gebracht. Nach etlichen Fluchten aus verschiedenen Lagern kam er wieder nach Frankreich, erhielt dort die französische Staatsbürgerschaft und wurde Diplomat. Der Höhepunkt seiner Karriere war die Mitunterzeichnung der Menschenrechtskonvention. Nun, mit 93 Jahren, schrieb er seinen Aufruf, der Empörung nicht müde zu werden.

Nunja, bei Amazon schrieb ein Rezensent, man wüsste bereits alles, wenn man den Titel gelesen hätte, auch Deutschlandradio Kultur fand das Buch eher beherzt als originell. Und irgendwie stimmt das auch, wenn man schon auf der ersten Textseite die Quintessenz desselben findet: "Wir alle sind aufgerufen, unsere Gesellschaft so zu bewahren, dass wir auf sie stolz sein können." Leider reichen wird auf den 16 Seiten so gut wie nie einer solcher Sätze näher ausgeführt oder argumentativ belegt, was spätestens dann prekär wird, wenn er von der Geschichte als sinnvolle und letztlich endliche Abfolge von Herausforderungen zur Erringerung der größtmöglichen Freiheit des Menschen spricht. Die meisten Nicht-Hegelianer wurden bei so etwas sofort sauer aufstoßen.

Egal, Hessel sieht also einen Sinn darin, sich zu empören, da man nur auf Grund einer Empörung beginne, Dinge verändern zu wollen, was wiederum notwendig sei, um die größtmögliche Freiheit des Menschen und damit eine lebenswerte Welt zu erkämpfen. Heutzutage sei das Unrecht schwer zu erkennen (wirklich?), es verstecke sich in wilden Netzen der globalen Finanzmärkte, in der Armutsschere und an Orten, wo Menschenrechte mit Füßen getreten werden (er nimmt als Beispiel Israels Kriegsverbrechen). Widerstand zu leisten heiße jedoch nicht, mit Gewalt vorzugehen, noch weniger, mit Gegengewalt auf einem selbst entgegen gebrachte Gewalt zu reagieren. Für Hessel führt allein die friedliche und gewaltlose Auseinandersetzung zum Erfolg. Insofern sieht er gerade Terrorismus als hoffnungslosesten aller Widerstände. Die Welt habe bereits große Fortschritte gemacht, aber noch sei nicht alles gut und drohe sogar ins Schlechte umzukippen, wenn nicht alle Menschen sich empörten und Widerstand leisteten.

Nunja, das klingt doch alles ganz nett. Und so beschleicht einen beim Lesen all dieser "Nun macht doch mal, empört euch und leistet Widerstand, anders wird nie alles gut werden. Aber wenn ihr euch empört, dann wird alles super!"-Sprüche das ständige Gefühl, mit elterlichen Weisheitssalven wie "Mach' doch was mit Politik, du liest doch immer Zeitung!" bombadiert zu werden, worauf die einzige und ehrlichste Antwort nur sein kann: "So einfach ist das leider nicht." Und genau diesen Satz möchte man Hessel am liebsten nach jedem Absatz in sein Heft schreiben, denn so einfach, wie er es sich (größtenteils nur thesenhaft) vorstellt, funktioniert die Welt dann doch nicht, was gerade er als Ex-Diplomat wissen sollte. Sodass der Absatz aus der Deutschlandradio-Rezension völlig zutrifft:

"Empört Euch! erreichte in Frankreich Millionenauflage. Die Gründe dafür sind nicht im intellektuellen Gewicht, der zeitdiagnostischen Präzision oder der stilistischen Brillanz zu suchen. Täglich liest man Zeitungsartikel auf ähnlichem oder höherem Niveau. Die Schrift profitiert von der freundlichen Autorität Hessels, von seiner unaffektierten Besorgtheit, von der Wucht eines bewegten Lebens - und davon, dass der ehemalige Résistancekämpfer und KZ-Überlebende sein Publikum nun vom Grabesrand grüßt. Empört Euch! wiegelt nicht wirklich auf - es berührt."
Deutschlandradio Kultur: Beherzt, aber nicht originell

Denn tatsächlich ist das verlegerische Nachwort, das eine Quasi-Biographie Hessels enthält, der beste und eben berührendste Teil des Heftchens. Der Text an sich ist gut gemeint, niemand wird ihm im Großen und Ganzen (bis auf einige Thesen, insbesondere sein Standpunkt zu Israel) widersprechen und sicherlich mag er in Frankreich einen zeitlichen Nerv getroffenen haben, aber sonderlich wissenschaftlich, aufrührerisch oder tiefgründig ist er leider nicht.

Stéphane Hessel: Empört euch!
Ullstein, 32 Seiten
ISBN: 9783550088834

3 Kommentare

  1. André Gallinat

    28. Juni 2011

    Mir scheint, dass die meisten Menschen sich über die Wirkung dieses Textes noch nicht ganz im Klaren sind. Bei einem Essay handelt es sich in der Regel nur um einen Abriss, der Autor muss also nicht en detail in die Tiefe gehen, das soll der Leser. Wer Hessel vorwirft, er würde nicht genug Beispiele und Tipps für unsere Zukunft bieten, scheint selbst nicht das Unrecht um uns herum zu sehen. Hessel muss auch keine Analyse unserer Misere anbieten! Er hat seine Aufgabe bereits getan. Er hat in seinem Leben gewirkt und sich für den Menschen eingesetzt. Aber mit seinem Text erinnert er daran, eben wie ein Großvater seinen Enkel, an unserer Rolle und Aufgabe im hegelianischen Geschichtsverständnis. Jede Generation muss die Missstände überwinden, um dem Ideal einer gesunden Gesellschaft entgegenzustreben. Es liegt an den jungen Generationen heute die Missstände der Gesellschaft zu bekämpfen. Genauso haben es die südeuropäischen Jugendlichen begriffen und so werden es auch bald die andere verstehen. Wir haben keinen Krieg in unserem Land, aber dennoch haben wir Menschen, die leiden. Dies zu übersehen, ist genauso schlimm wie Kriegsverbrechen zu dulden. Es geht um den Menschen, egal ob sie unter Kugelhagel oder Kürzungen der Sozialleistungen leiden. Die Würde des Menschen wird durch Arbeitsmarkt und Hartz4 antastbar gemacht! Die gilt es aber zu schützen mit allen vernünftigen, friedlichen Mitteln, damit wir es nicht denen gleichtun, die unsere Würde missachten. Empörung ist auch nur der erste Schritt in Richtung einer Veränderung. Denn erst wer sich empört, hat auch verstanden, was er anklagt. Dazu müssen die Menschen informiert werden. Dafür müssen die Menschen verstehen, wie sie verführt werden. Darum müssen die Menschen erkennen, wie das System funktioniert, um es zu ändern.

  2. André

    28. Juni 2011

    Stimme dir zu, auch wenn ich nicht der Meinung bin, das einen Alter, frühere Leistungen oder der eigene Status davon entbinden, stringente Argumente zu liefern, bzw. über ein bloßes “Jetzt spitzt mal die Ohren, der Onkel erzählt euch mal, was ihr (wie du sagst) eh schon wissen solltet.” Genau in dem Punkt scheinst du dir selbst sowieso zu widersprechen.

  3. André Gallinat

    30. Juni 2011

    Als ich den Text als Hörbuch gehört habe, war mir sofort klar, welches Übel in meiner Zeit angepackt werden muss. Hessels Text war da nur der Anstoss und der Rahmen, der mir Klarsicht verschaffte. Ich brauchte also keine Argumente, keine Analyse, sondern nur etwas Ordnung im Dickicht der Misere. Aber jeder Leser kommt ja mit einem anderen Hintergrund an diesen Text. Ich wünsche mir sehr, dass mehr Menschen aus ihrem grauen Alltag aufwachen und endlich erkennen, dass wir so nicht weitermachen können, dass sie nicht so weitermachen müssen. Wenn ihnen Hessel dafür keine Motivation liefert, dann sind es vielleicht ihre Mitmenschen, die sich mit den relevanten Themen im 21. Jhd beschäftigen.

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