Es war gerade wieder richtig Frühling geworden. Die Bäume hatten ein leichtes Grün angelegt und hielten mit derselben Kraft, wie sie in jedem Herbst das Laub auf die Wege werfen, jedes einzelne Blatt an ihren ästen fest. überall kehrten die Hausmeister den Winter in ihre bunten Eimer und verstauten ihn auf den Komposthaufen der Hinterhöfe. Selbst die Sonne, nachdem sie vier, fünf Monate hindurch diese Ecke der Welt gemieden hatte, schien wieder Gefallen daran gefunden zu haben, in der Liesegangstraße für etwas Leben und Freude zu sorgen. Das kleine Café Moreno an der Ecke zum Luisenplatz öffnete schon bei Zeiten seine Lucken, um den umher irrenden Studenten ein Frühstück aufzwingen zu können.
Spaghetti Carbonara, seit dem dritten März schon. So, wie Andere ihre Erinnerungen an glücklichen Ereignissen fest machten, um etwas Ordnung in die Wirrungen des eigenen Kopfes zu bringen, so kategorisierte Thomas seit der Oberstufe auf dem Käthe-Kollwitz-Gymnasium seine Eindrücke nach der einen warmen Mahlzeit, die er sich täglich genehmigte. Das war nicht einmal besonders schwierig, im Gegenteil, es war sogar sehr praktikabel für jemanden, dessen Essensplan sich nur alle paar Monate änderte.
Dosenspaghetti mit Tomatensoße für sechzig Cent während des Winters beim Zivildienst, Toast Hawaii und Spaghetti Funghi in den drei Semestern Soziologie. Er hangelte sich an seinem kulinarischen Schildbürgertum und der eigenen Sparsamkeit durch die letzten Jahre. Er liebte ausschweifendes Essen, war sich jedoch selbst zu schade dafür, es zuzubereiten. Und so stapfte er, immer wenn er wieder einen Schnitt setzen zu müssen glaubte, in die Fertiggerichteabteilung des HL-Marktes ein paar Ecken weiter und sah sich an, was für Quartale zur Auswahl standen. Beim letzten Mal war die Wahl eben auf die klebrigen Spaghetti Carbonara gefallen, bei denen das Bild wie immer mehr versprochen hatte als das Endprodukt auf seinem Teller.
Aber das machte Thomas nicht viel aus. Er hatte sich ein diese Zwei-Mal-Fünf-Minuten-Essen gewöhnt und sie zu akzeptieren gelernt. Außerdem war es praktisch, immer dasselbe zu essen und so nicht das Geschirr abwachsen zu müssen. Selbst wenn der Geschmack des vorherigen Essens darin bleiben würde, es hätte ihm nur Vorteile bringen und diesen klebrigen Nudelblock etwas intensiver schmecken machen können.
Ja, all das spart enorm Zeit, dachte Thomas. Nur wofür? Große Teile der letzten Wochen hatte er regelmässig beim Arbeitsamt verbracht. Agentur für Arbeit nennen sie sich jetzt. Imagewandel. Wenigstens der Sprung ins Schwarzbuch für Steuerverschwendungen glückte ihnen immer. Er stand in der kleinen Küche und blickte in den Innenhof, wo sich Karl der Hausmeister gerade eine Ladung Winter entledigte. Man trifft so viele Gestrandete dort, dachte er, dass es einen nur deprimiert. Anders als über dieses Amt war Karl sicher auch nicht an diesen Job gekommen. Es fühlt sich an, als wäre man ein zielloser Pilot, der über den Landebahn kreist, aber von der Bodenkontrolle im Tower nicht beachtet wird. Man funkt und funkt, aber die hören einfach nicht. Bis man dann zu brüllen anfängt, das ist auch nicht das Richtige.
Thomas schlürfte durch die kleine Zweizimmerwohnung hinüber in einen leeren Raum. Das heißt leer war er eigentlich nicht ganz. Es lag noch eine gute Matratze auf dem Boden, daneben ein Stapel billiger Bücher und ein paar Flaschen guten Wassers. Vor einiger Zeit war Patrick, sein bester Kumpel verschwunden. Ein paar Tage zuvor hatten sie sich gegenseitig ihre Unzulänglichkeit vorgeworfen und damit beide vollends ins Schwarze getroffen. Keiner von ihnen war besser als der Andere. Thomas hatte die Chance genutzt und den ganzen Neujahrsfrust endlich entladen. An ihm. Schon am Tag darauf war Patrick weg gewesen und es hatte ihn nicht sonderlich gestört. Das kam vor. Damals bin ich auch ein paar Tage weg geblieben und danach haben wir einfach weitergemacht, wie ein altes Ehepaar. Zwei Könige, die auf einem Haufen Müll, das sie ihr Leben nannten, thronten und ein imaginäres Gefolge regierten, dachte er. Aber es war gut so, den November am Fenster vorbeihuschen zu sehen und dabei ein paar Flaschen Wein zu leeren.
Vielleicht sollte man es vermieten, dachte Thomas. Aber wozu? Man würde ihn, wenn es rauskäme, sowieso ausziehen lassen. Es waren mittlerweile schon dreiundzwanzig Tage vergangen, seit Patrick sich aus dem Staub gemacht hatte. Und Thomas schimpfte sich und ihn insgeheim immer noch gern Feiglinge, wenn er ihn sich wieder zurück wünschte. Wir war'n, wir sind Zweigenbrödler, dachte er und musste lachen, als ihm der Song wieder ins Gedächtnis kam, den er bei einem Musiksender gehört hatte und der ihm seither irgendwie bruchstückhaft nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.
Aus der Küche flatterte der sahnige Geruch herüber. Er nahm sich eine der Gauloises und knabberte mit wenig Elan an einem kleinen Splitter trockenen Specks herum. Die geschmackliche Synthese aus Teer und was sonst noch alles in der Kippe steckte, den Spaghetti und der künstlichen Soße brachte ihm ein jähes Würgen ein. Sport, Sport hilft gegen die Lethargie und die Müdigkeit allem gegenüber, dachte er, das erzählen sie einem immer. Aber sein letztes, nicht für Essen verplantes Geld war bereits für ein paar Bücher drauf gegangen. Bleibt also nur noch Essen, dachte er. Man muss jeden Tag wieder rasufahren, aufs Meer, wie dieser alte Mann, und stillhalten, damit man parat ist, wenn das Glück kommt und nahm sich seinen BW-Parka, um in der Fertigwarenabteilung des HL-Marktes wieder einen Strich unter die letzten Tage zu ziehen. Spaghetti Carbonara schmecken zum kotzen, schloss er.

