Knappe zehn Jahre. Fast jedes Wochenende um fünf Uhr morgens aufstehen, um mit dem Zug Richtung irgendwo zu fahren und sich dort ein wenig selbst zu schinden, zumindest insofern hat sich für mich bisher nicht viel verändert. Wie selbstverständlich ich an Freitagabenden um zehn im Bett lag, nur um mich am nächsten Morgen nicht allzu matschig fühlen zu müssen. Stundenlang auf unbequemen Sitzen umhergondeln, der Sonne beim Aufgehen zusehen und dann die viel zu schwere Tasche durch x-beliebige Städte schleppen. Nur dass es damals noch in Turnhallen oder Dojos ging, kurzes Hallo, dann rein in den Anzug, Erwärmung, Dehnung, Training, andauernd. Und danach die zufriedene Ausgeglichenheit, die mit der Verausgabung kommt. Am liebsten mochte ich schon damals Berlin, ab Wannsee saß ich gebannt am Fenster und schaute auf die bemalten Bahnanlagen, die riesigen, mit langen Stangen und Malerrollen gemalten rooftops, diese völlig zugepflasterte Stadt. Friedrichstraße, dann Umsteigen, meist nach Pankow, dort noch eine Viertelstunde zu Fuß, ich beneidete die Älteren, die nach und nach alle nach Berlin zogen und fortan nicht mehr hinfahren mussten, sondern immer da sein konnten, ums Ausschlafen ging es mir nicht.
Zwischen den Wochenenden hatte ich zwei, drei, manchmal viermal Training pro Woche, ein wenig Herangeführtwerden ans Trainerdasein und jedes Jahr das Bangen, nicht aus dem Kader zu fliegen. In der Schule fragten sich eine Zeit alle gegenseitig, ob sie rechts oder links seien und obwohl sowieso alle höchstens eine Vortstellung davon hatten, was es hieß, rechts zu sein, wusste ich überhaupt keine Antwort. Ich trainierte bei Japanern, Engländern, Franzosen, trainierte mit Vietnamesen, Deutschen aller Hautfarben, es war mir so natürlich egal, das ich mittlerweile dankbar dafür bin, dass ich gar nicht hatte auf die Idee kommen können, dass irgendetwas an den Anderen falsch sein konnte. Unsere Eltern gaben uns Geld fürs Wochenende, zwischen den Trainingseinheiten lief ich mit den Anderen durch die Städte und versuchte, mich, vorzugsweise in Berlin, schon einmal zu Hause zu fühlen. Das Ende der Schulzeit war noch weit entfernt, ich hatte sowieso keine Ahnung, was danach kommen sollte und von mir aus hätte es auch ewig so weitergehen können. Wenn ich zu Hause ankam, war es längst wieder so dunkel wie bei der Abfahrt und ich sackte übermüdet ins Bett. Ich wusste nicht, wie meine Klassenkameraden ihre Wochenenden herum brachten und wenn es jemand für etwas Besonderes hielt, dass wir wieder in Berlin oder sonstwo gewesen waren, verstand ich ihn nicht, weil es so herrlich normal war.
Von den Turnieren brachten wir Pokale und Medaillen mit nach Hause, nur um ein paar Tage später wieder den Perfektionswahn unseres Trainers zu verfluchen. Wir machten Vorführungen, für die wir wochenlang Choreografien übten und schliefen selbst dann mit den Angereisten in den Turnhallen, wenn die Lehrgänge in der Nachbarstadt stattfanden. Ich mochte das langsame Leiserwerden der Welt bei den Turnieren, wenn man an die Markierung trat, der Kampfrichter den Namen der Kata ansagte, man selbst ihn laut wiederholte und dann beim Hajime! für ein paar Minuten völlig ausschaltete, diese kurzen Momente, in denen alles weg war und man mit sich selbst im Reinen. Oder beim Zweikampf, wenn es nicht mehr um den Kampf an sich ging, sondern nur noch um die möglichst schnelle Suche nach einem ungedeckten Punkt, ganz egal, wer da gerade vor einem stand und auszuweichen versuchte und die Genugtuung, schneller zu sein und ihn im Halbkontakt spüren zu lassen, dass er zu langsam gewesen war.
Manchmal vermisse ich das. In einer Sache bedingungslos gut gewesen und gar nicht auf die Idee gekommen zu sein, dass es irgendwie anders hätte sein können. Dann frage ich mich, wie es weiter gegangen wäre, wenn wir nicht alle gleichzeitig aufgehört und jeder die restliche Zeit bis zum Abi auf seine Art und Weise herum gebracht hätte, ehe wir uns danach gänzlich aus den Augen verloren. Im Internet findet man leicht die Erfolg von denen, die dabei geblieben sind: Flüge zu den alljapanischen Meisterschaften, Weltmeistertitel und wahrscheinlich immer weiter die zufriedene Erschöpfung. Manchmal habe ich das Gefühl, den größten Teil meiner Zeit nun damit zu verbringen, bis zum untersten Link in meinen Bookmarks zu scrollen und hinter den eigenen Ansprüchen hinterher zu schimmeln. Früher konnte ich mal einen Frauenspagat, heute bin ich so ungelenk wie die Deutsche Comedyszene. Dann schaue ich mir die JKA-Videos an und erwische mich dabei, wie begeistert ich werde, das Video anhalte und mir selbst mit dem Finger zeige, wann wo der Treffer kommt. Früher hätte ich mich sicher selbst nicht verstanden, nur da wusste ich noch nicht, dass später noch alles komplizierter wird. Manchmal frage ich mich so etwas. Und wenn ich dann bis nach unten gescrollt, den Link geöffnet und nach unzähligen Querverweisen nach ein paar Stunden ganz woanders gelandet bin, dann hab ich diese Gedanken zwar nicht vergessen, aber wenigstens für eine Zeit lang verdrängt. So, wie es Erwachsene eben tun.



Jessica
14. Februar 2011
Warum fängst du nicht wieder mit Karate an?
André
15. Februar 2011
Hab ich schon, komme nur leider nicht immer dazu. Allerdings fehlt da auch das große Drumherum. So ohne Verbandsmitgliedschaft etc. bleibt’s dann eben ‘nur’ Training.