
Foto von chuck johnson
Die Garderobe sei voll, sagen sie, schließlich wäre schon vor zweieinhalb Stunden Einlass gewesen. Zweieinhalb Stunden? Um sieben? Aus dem Saal drückt der Bass, die Akustik ist gut, aber diese hohe, gewölbte und weiße Decke stört mich. Wir haben schon gut die Hälfte verpasst, dabei ist gerade einmal halb zehn. Herrjeh, wo kommen die ganzen Vierzehnjährigen her? Der Anteil an Basecaps und quietschbunten Atzenbrillen ist definitiv zu hoch. Entweder wir sind zu alt oder der Mainstream hat von der Veranstaltung Wind bekommen. Der Typ an der Bar sagt, Bier gibt's nur an der Seite, der Typ an der Seite, Bier ist alle. Es wird immer besser. Sechs- bis siebenhundert Leute, würde ich sagen, später spricht jemand von neunhundert. Mit der Jacke unterm Arm und bierlos los nach vorn, gestreift von den wütenden Blicken Pubertierender.
Morgen werden mir die Arme weh tun, ständig gilt es jemanden weg zu drücken oder sich mit den Ellenbogen vom Leib zu halten. Als wir merken, dass wir zu weit vorn sind, ist es schon zu spät, jeden drückt es in eine andere Richtung, nur unter den Crowdsurfern herrscht jeweils einen winzigen Moment lang Stillstand. Das Mädel im grünen Top genießt es, schon dass das dritte Mal, dass ich sie mir vorbei gereicht bekomme, irgendjemand hat immer die Hände auf ihren Brüsten. Erst nach dem zweiten Set finden wir uns wieder.
Halb zwölf stehen wir an der Bar, trinken Cola und fluchen. Kurz zuvor ging es nahtlos in die Zugabe über, jetzt dudelt noch leise ein bisschen Techno. Durch die Tür kann man die Autokolonnen sehen, die Mehrzahl des Publikums wird abgeholt, die Türsteher empfehlen die emmbeh für die Aftershow. Ich schaue einen Typen verständnislos an, der gerade genüßlich in seine Wiener von der Bar beißt. Er schaut zurück mit seinem Blick, der nur sagt: das ist nicht spießig, sondern professionell.
Eine Stunde später habe ich nach ewigen Fahrten durch die halbe Stadt endlich ein Bier in der Hand. Jetzt kann die Zeit fließen. Die kurzzeitig anbrandenden Wellen der Müdigkeit sind einfach auszuhalten, durchzuhalten heißt hart bleiben und nicht an den Komfort eines Bettes zu denken. Und wir brauchen nur drei Stunden, ehe wir uns wieder aufgerafft und beschlossen haben, dass heute noch etwas passieren muss. Der Wind beißt auf den Wangen, der Schnee schlägt einem mit winzigen Fäusten ins Gesicht. Um fünf stehen wir im Club, die Barfrau stellt uns die Clubmate vor die Gesichter, Griff, Zug, abstellen, auffüllen lassen, zuschrauben, mitnehmen, tanzen. Lambada, Mr President, Tic Tac Toe, alles, was erst ab fünf Uhr gespielt werden darf bzw. dann, wenn es niemand mehr mitbekommt, bringt das DJ-Team mit der Rastamütze in die Luft. Dr Alban und Haddaway, was weiß ich. Die besten Zeiten sind die, die sich am Ende nicht mehr haarklein aus einander nehmen lassen. Mariah Carey, Mr Oizo auch. Sogar um sieben gibt es noch reichlich Bier und ich würde am liebsten ein Foto davon machen, dass es hier keine Wiener Würstchen an der Bar gibt und die Vierzehnjährigen an der Tür einfach ausgelacht werden. Sie liebt den DJ, ok, da ist der Bogen überspannt.
Draußen schneit es, zehn Zentimeter in den letzten Stunden oder so, es knirscht den ganzen Weg bis zu den Taxis, aber fünf Leute mit nassen Klamotten und Schuhen, das will sich keiner von denen antun. Dafür dann Pommes im Morgengrauen, ein astreiner Filmtitel, Pommes im Morgengrauen, dafür liebe ich die großen Städte, für Pommes im Morgengrauen oder in meinem Fall vielmehr Falafel.

