“Ein Hoch auf das Brautpaar!” rufe ich aus voller Brust und fange fast an zu husten, während ich mit der Zigarette in der Rechten eine Geste mache, als hebe ich ein halbvolles Glas Weisswein in die Höhe, um mir mit den vielen Unbekannten zuzuprosten. Etwa einhundert Augen wenden sich mir missgünstig zu, denke ich. Im Endeffekt sind es nur vierzig Augen und keines von ihnen schaut missgünstig, sondern vielmehr zuerst irritiert und danach fröhlich überrascht. Sofort bildet sich eine kleine Traube aus schwarzen Anzügen und Kleidern aller Farben. Man reicht mir ein Glas, randvoll gefüllt mit Bier, ich versuche noch, unter dem auf mich niederprasselnden Stimmengewirr dankend abzulehnen, aber es bringt nichts, wenn einem das Gebräu schon gutmutig zum Mund hingeführt wird. “Ich trinke nur, um mich abzuschiessen” will ich sagen, aber wenigstens diesen Leuten wird das Glück zuteil, keine Lehrstunde von mir zu erhalten. Und so nehme ich einen Schluck. Es muss schon in irgendeiner Ecke vorbereitet gewesen sein. Wahrscheinlich schon seit der Photograph durch die Bäume hindurch mein Bein am Saum des Brautkleides abgelichtet hatte und mehrmals zu ihm gegangen war, um irgendwie diesen grauen Balken loszuwerden.
“Heute ist ein besonderer Tag!” schickt der Hauptdarsteller dieses Theaters sich an zu sprechen und verliert den Faden. Seine Augen sprühen Funken von Ekstase und gelber Farbe. Für einen Augenblick hätte sie fast darüber hinweg getäuscht, dass sein Aufzug genauso gut zur Beerdigung seiner Liebsten genügt hätte. Aber auf solche Dinge komme ich nur ich in solchen Momenten. Ein dicker Kerl nimmt mich beiseite und geht mit mir ein Stückchen an das Schloss heran, wo wir halb in Ruhe reden können. “Heute hätten wir jeden fröhlich in unsere Runde aufgenommen.” sagt er plump mit einem fetten Lächeln. Er versucht es eine Weile aufrecht zu erhalten, aber lässt es dann schließlich fallen, als er meinen gleichbleibenden Blick lange genug ertragen hat. “Aber” erzählt er weiter, “Du hast der Szenerie etwas völkisches gegeben. Es ist viel schöner, wenn sich unbeteiligte aus ihrem Alltag wagen, um” Was meint er mit Alltag, frage ich mich. Meint er das, was mein Körper Tag um Tag tut? Flanieren, umhertaumeln? Oder weiß er, dass ich keinen eigenen Alltag kenne, sondern täglich alles neu sehe, mich dann doch noch erinnere und mir fest vornehme, es nicht wieder zu vergessen? Ich warte kurz und genieße die eingetretene Stille. Obwohl niemand uns beobachtet, ist es ruhiger geworden, alle halten den Atem an, um ja keinen Ton in die lautlosen Bilder des Menschen mit der Kamera zu panschen – quasselende Digitalbilder, das fehlte uns gerade noch. “Sie haben es auch gelesen?”, ich versuche zu Lächeln, aber zu mehr als dem Gefühl, dass sich mein Gesicht in die Waagerechte verzieht, entsteht nicht. Er runzelt bedächtig die Stirn, “Hast du mir überhaupt zugehört?” Kippe an den Mund, Zug, kurz warten, ausströmen lassen, Augen heben, Mund auf, “Zugehört vielleicht nicht, aber verstanden habe ich anscheinend umso mehr.” Er lacht, seine Brust hebt sich in steigender Periode, er zieht von irgendwoher, wo ich es vorher nicht bemerkt haben muss, ein Glas Bier hervor und haut es gegen meines, sodass ich zusehends darauf warte, es möge in meiner Hand zu Bruch gehen. “Komm, wir gehen und schauen uns noch einmal genau die Braut an, du hast sie doch auch nicht noch nicht einmal gesehen, oder?”
Er zerrt einen kleinen Hund hinter sich her, er jetzt sehe ich seinen Aufzug, sie vom matschigen Boden verdreckten Pantoffeln, den königsblaue Trainingshose, das halb zerschlissene, karierte Hemd.













