
“15 Jahre lang!”, rief sie, “15 Jahre!”
Vorher hat sie gefragt, ob ich ein Süßer bin und ich muss sie ziemlich blöd angeschaut haben, ehe ich kapiert und sie mir ihre Pralinenschachtel hingehalten hatte. Aus Anstand habe ich eine genommen, und sie hat wiederholt darauf bestanden, ich solle doch 2 nehmen, wenn ich so ein Süßer sei.
“15 Jahre lang sind wir jedes Jahr in’ Schwarzwald!”, rief sie wieder, “3, 4 Mal’s Jahr, die Hilde und ich.”
Die Praline hat scheußlich geschmeckt. Ich wollte nicht unhöflich sein und habe das Ding herunter gewürgt. Ein Stück synthetische Aprikose, umhüllt mit Kokos und Schokolade, scheußlich.
“Mir sin’ gewandert und hamm’ gebadet. Und Kneipkur, kenn’ Sie Kneipkur? Kneipkur hamm’ wir gemacht!”
Ich wollte wirklich nicht unhöflich sein, und natürlich habe ich deshalb gesagt, dass mir die Praline schmeckt. Da hat sie mir gleich noch 3 weitere gegeben.
“Wassertreten, sowas! Die Pralinen könn’ Sie übrigens ruhig gleich essen, auch bei der Arbeit, ich erlaub’s Ihnen.”
Fuck. Ich wickelte das Praline sehr sorgfältig aus und sie guckte dabei zu. Alte Menschen stehen auf Wiederverwertung.
“Die Landschaft ist ja wirklich atemberaubend da unten. Und die Fahrt dahin macht mir gar nichts!”
Schon der Gedanke an ein Gemisch aus Aprikosen, Schokolade und Kokos.
“Aber jetzt ist das alles vorbei. Die Hilde wird nicht wieder. Alles vorbei.”
…
“Ich hab sie doch gesehen! Da, wo ich jetzt war. Im Heim. Grässlich, sag ich Ihnen. Wie die da liegen, könn’ sich gar nich’ mehr bewegen!”
…
“Die hat auch die Schwierigkeiten, die alte Frauen so haben.”
(Seelsorgerische Arbeit heißt auch, einfach mal die Fresse zu halten.)
“Mit der Blase, verstehen Sie?”
Ein Nicken reicht meistens. Der Zug fährt ein.
“Das ist alles so traurig. Aber wir müssen ja immer die Augen zusammenkneifen. Geht immer vorwärts!”
Die Praline hielt ich immer noch in den Fingern. Unhöflich und so. Gerade wollte ich aufstehen und ihr in den Zug helfen.
“Essen Sie ruhig, junger Mann! Brauchen sich nicht zu genieren!”
Augen zusammenkneifen und hinter damit. Geht schließlich alles immer vorwärts.









