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Meine Mutter hatte immer gesagt, man müsse sich den Gegebenheiten in anderen Ländern anpassen, wenn man freundlich aufgenommen werden wolle. Der erste Schritt dahingehend war es immer, die typischen Begrüßungsfloskeln herauszufinden, zu lernen und anzuwenden. Sie hatte recht. Meine zwei Jahre im Ausland wollte ich ebenso verbringen. Englisch konnte ich, dachte ich zumindest. Doch was man damals in der Schule bescheinigt bekam, galt allenfalls für das eigene Land und den winzigen Schulkosmos, nicht aber für eine Gegend, in der man tagtäglich damit hantierte. Also ließ ich mich gleich am dritten Abend mit ein paar Nachbarn in einer örtlichen Kneipe irgendwo in der Pampa nieder.

Das Bier hatte ich gerade erst angefangen, der Schaum war erst an einer Seite vom Nippen ein wenig eingedrückt. Ich sah den einzelnen Bläschen zu, wie sich langsam schubweise zerplatzten und jeweils die darüberliegende Schicht weiter nach unten zogen. Der Thresen wurde schon nicht mehr trocken und stank verflucht nach Bier und Schnaps. Ein Glas nach dem anderem schlitterte wie in einem schlechten Western die Tischplatte entlang und dem Besteller in die Hand.

Mit der Zeit nahm ich die Klangkullise um mich herum immer weniger war. Hinten in der Ecke diskutierte man beim Billard, in der anderen drängte man sich vorm Fernseher an der Decke und kommentierte lautstark die Entscheidungen eines Schiedsrichters. Dazu quäkte aus dem Radio ein x-beliebiger Sender die ältesten Volkslieder. Wir drei saßen unsicher auf unseren Hockern und sagten gar nichts. Teils aus Angst, gleich wieder als Tourists vor die Tür gesetzt zu werden, teils aus der Verlegenheit, dass wir uns wirklich nicht viel zu sagen hatten. Ein Grieche, der noch kaum englisch sprach, ein Schweizer, dessen deutsch für ich mehr einem Kauderwelsch ähnelte, und ich.

Die Schachtel Kippen, die ich mir erst vor einer Stunde gekauft hatte, schwamm schon in einem Sud aus Tabakextrakten, Malz, Hopfen und Wasser. Nicht einmal mit dem Feuerzeug konnte man sie mehr trocknen, denn selbst aus dem Filter tropfte es. Ich orderte eine neue Schachtel, nahm mir eine Zigarette und verstaute sie vorsichtshalber in meiner Hemdtasche.

“Bloss noch austrinken und dann irgendwie zusehen, dass du nach Hause kommst.” dachte ich mir. Der Typ neben zu meiner rechten hatte sein Nachtlager zwischen ein paar Schnapsgläsern aufgeschlagen und bekam nicht mehr mit, dass ihn der Barkeeper brüllend darauf aufmerksam zu machen suchte, dass er hier nicht die Nacht verbringen könnte und es außerdem gleich Mitternacht wäre. Aber er machte sich nichts daraus und rückte seine Jacke zurecht, die er als Kissen missbrauchte.

Mit dem ersten Bier hatte sich mein Rückrad wieder gelockert und mit mehreren Knackgeräuschen zum Ausdruck gebracht, dass ich von nun an auch wieder aufrecht gehen konnte. Das zweite begann schon, meinen Wortschatz einzuengen. Bedeutende Gedankengänge wurden mit unbedeutend viel “Scheisse” und “Dreck” versehen, um sie mir selbst zu verdeutlichen. Und das dritte trübte schließlich schon meine Augen so sehr, dass selbst etwas so schleierhaftes wie Vernunft schon klar vor mir erschien, was letztlich auch den Entschluss hervorbrachte, mir selbst einen Gefallen zu tun und dem unvermeidlichen Stupor die Intensität zu nehmen, indem ich das vierte, fünfte und sechste Bier einfach auslassen würde.

Wir waren gerade auf dem Weg zur Tür, der Eine schon draußen, der Zweite gerade auf der Schwelle, als ich einen Wahnsinnsschlag auf den Hinterkopf bekam, der mich sofort nach vorn gegen die Wand fliegen ließ. Sofort klirrten auch schon die Flaschen. Tischen fielen um und Leute gingen zu Boden. Ich wusste überhaupt nicht, was los war. Den Barmann schien dies ganze Sache wenig zu wundern, denn er trockenete in aller Ruhe an dickes Glas. Wann immer man solch einer Sache beiwohnt, wann immer wir wieder in solch eine Situation gerieten, konnten wir uns nie der plötzlichen Spannung, die in der Luft lag, erwehren. Ein uralter Instinkt, der wachsam und hellwach macht. Jeder im Raum tänzelte umher, setzte hier und dort einen klassischen Kneipenschwinger und hüpfte sofort fünf Meter weiter, in der Hoffnung, der Gefahrenzone entgangen zu sein. Ein etwa gleich großer Rothaariger riss mich am Kragen nach oben und holte aus. In meinem von Bier und Rauchen aufgedunsenen Gesicht muss er nur einen Sandsack gesehen haben, mit solch einer Lässigkeit ließ er sich Zeit, um genau sein Ziel anzuvisieren.

Mein Urgroßvater hatte mir früher immer erzählt, dass es nur zwei Dinge gäbe, die ich mir merken müsse, wenn man mich verprügeln wolle. Erstens, ich hätte nie anzufangen, da es für Gewalt keinen Grund gäbe, jedenfalls nicht für einen anständigen und denkenden Menschen. Zweitens würde mich das aber nicht vor der Dummheit Anderer schützen und so müsse jeder, der dem zuwider handeln würde, im Nachhinein viel schlimmer aussehen als ich. Man müsse sich zu verteidigen wissen. Ein blaues Auge sei kein Beinbruch, wenn diesen allein der Verursacher des Veilchens hätte. Meine Brüder und ich lachten jedes Mal mit ihm, wenn er das erzählte. Er hatte es in seiner Jugend bis zum Deutschen Meister gebracht und darauf bestanden, dass auch wir wenigstens die Sommer über, die wir bei meinen Großeltern verbrachten und in denen wir ihn oft besuchten, zum Boxen gingen.

Aber daran erinnerte ich mich erst am nächsten Morgen. Zu dem Zeitpunkt, als mir dieser Kerl gegenüber stand und sein Gesicht zur Faust geballt hatte, fand ich es einfach nur unpassend, dass er sich niemand anderes ausgesucht hatte. überall schlugen sich Männer gegenseitig die Esszimmer in kleine Teile, und dieser Typ musste ausgerechnet bei mir dasselbe versuchen. Ich nahm seine Hand und drückte sein Handgelenk so fest gegen die Griffrichtung, dass er sich auf Zehenspitzen stellte, um die Spannung seines Armes zu lösen. “überall dorthin, wo es weich ist.” schallte es mir durch den Kopf und ich hieb ihm dreimal aus dumpfer Vorahnung voll gegen den Schädel. Wer auf dem Boden liegt, ist fertig, den lässt man in Ruhe. Aber er stand noch. Ich gab ihm einen Schlag mitten auf den Kehlkopf, der seine Augen so weit aufgehen ließ, dass ich dachte er würde dabei draufgehen. Er fiel wie ein Brett mit einem Knall auf den Boden, den ich sogar durch das Geschrei und Geklimper noch deutlich hören konnte. “Nichts wie weg.”.

Nachdem ich auf die Straße gestolpert war und mich auf Knien in einer Pfütze fand, versuchte ich mein Spiegelbild in den glitzernden Pflastersteinen zu erkennen. Zwei Kerle in Uniform lehnten an der Backsteinmauer der Kneipe und grinsten mir zu, als mich von hinten zwei Arme unter den Achseln packten und mich wieder auf die Beine stellten.

Innerlich erwartete ich noch ein Klingeln im Kopf und hob sofort meine Hände an den Kopf. Als nach ein paar Sekunden aber immer noch nichts passiert war, nahm ich sie langsam nach unten und öffnete die Augen. Aus der Tür drängten sich die vielen Männer, Arm in Arm und lachten. Sie schienen ihren Spass gehabt zu haben. Drinnen halfen noch einige, die Stühle und Tische wieder zusammen zu setzen. Der Rothaarige Mann mit akurat gelegten Haaren und einem Samtjackett lachte mir zu. Seine Zähne waren das Blut noch nicht vollends los geworden und blinkten rot umrandet. Das Gesicht hatte sichtbar etwas abbekommen. Die paar Male, die er gespuckt hatte, hatten einen beachtlichen Blutfleck neben dem Abtreter hinterlassen. Er klopfte mir auf die Schulter und sagte: “Hey man, nice you participated. Have a good night.”.

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