Ein Mann ist tot, aber seinen Namen erfährt man nicht. Er wird auf dem selben alten und herunter gekommenen Friedhof begraben, auf dem auch seine Eltern liegen. Die Zeremonie neigt sich dem Ende zu, es gibt die üblichen familiären Fehden, nicht alle sind einander oder dem Toten sonderlich gewogen.

Der Inhaber von "Everyman's Jewelery" und Vater des später Toten führt seinen Laden, den er einzig und allein deshalb eröffnet hatte, um etwas zu schaffen, dass er seinen beiden Söhnen hinterlassen könnte, ganze 41 Jahre lang. Die beiden Jungen helfen oft im Laden, der Jüngere von ihnen muss mit neun Jahren einmal ins Krankenhaus, als er sich einen Leistenbruch zuzieht. Im Bett nebenan liegt ein Junge, dessen Eltern den ganzen Tag über in Tränen aufgelöst auf der Bettkante sitzen. In der Nacht stirbt der Junge, die eigene Operation des Leistenbruchs verläuft glücklicherweise gut.
25 Jahre lang ist der Junge danach kerngesund. Er steigt zum Creative Director einer Werbeagentur auf, weil er sich nicht traut, freischaffender Künstler zu werden. Mit seiner Frau bekommt er zwei Jungen, trennt sich von dieser zu Gunsten einer Kollegin und alles ist gut, bis er mit der neuen Frau aus einem gemeinsamen Urlaub krank zurück kommt. Sein Zustand verbessert sich nicht von allein und er besteht darauf, in ein Krankenhaus überwiesen zu werden. Dort stellt man schnell fest, dass er einen Blinddarmdurchbruch und eine Entzündung des Bauchfells hat, 30 Tage bleibt er im Krankenhaus.

Der ältere Bruder namens Howie kommt ihn besuchen, ein gesunder und höchst erfolgreicher Mann, der bei Goldmann Sachs vom Boten bis zum Arbtirageberater aufgestiegen und über die Jahre sehr wohlhabend geworden ist. Nach em Krankenhausaufenthalt, als auch der jüngere Bruder wieder arbeitet, beginnt er eine Affäre mit seiner Sekretärin. Bei einem Shooting in Grenada bandelt er mit einer jungen Dänin an. Später, als er mit Letzterer einen Kurzurlaub in Paris macht und währendessen seine Mutter ins Sterben fällt, hält seine Frau, die längst von den Affären wusste, die Demütigung nicht mehr aus und sie setzt ihn vor die Tür. Seine Mutter ist schon eine Stunde lang tot, als er im Krankenhaus ankommt. Um sich wenigstens ein letztes Bisschen Ehre zu retten, heiratet er die junge Dänin, merkt aber sehr schnell, dass die unglaubliche Erotik ihres Körpers einen ziemlich schwachen Charakter kompensieren muss. Als er ein paar Jahre später beim Schwimmen in Atemnot gerät, weiß er noch nicht, dass es für ihn von nun an bergab gehen wird. Und dass es gleichzeitig ein bitterer Abstieg und Abschied sein wird, der für manche leicht, für Anderen unendlich steil und schwer ist.

Achtung, womöglich kann ich es nicht immer vermeiden, nicht mehr vom Inhalt zu verraten.

Ich hatte noch nie ein Buch von Philip Roth gelesen, warum weiß ich selbst nicht genau. Vielleicht hatte es mich immer ein wenig abgeschreckt, von so vielen typischen Roth-Büchern zu lesen, in denen es angeblich immer um jüdische Einwanderer in den USA, Altern, Sex und Tod gehen sollte. Insofern scheint also auch Everyman keine Ausnahme zu sein, wobei ich jetzt erst dieses eine kenne. Vielleicht hatte ich mich auf Grund der zig Bücher, die Herr Roth bereits geschrieben hat, insofern abschrecken lassen, als dass mir die Menge irgendwie suspekt war. Zu Unrecht, wenn man das nach einem einzigen Buch überhaupt schon sagen kann. Ich war sehr überrascht, wie ausgewählt und gleichzeitig leicht das ganze Buch formuliert ist, wie schön zwischen den ganzen großen Punkten im Leben des namenlosen Mannes hin und her gesprungen wird, wie Späteres und Früheres vermengt wird, ohne dass man sich darin verheddert. Thematisch sind Alter, Sex und Tod (das Jüdischsein spielt im Buch eigentlich kaum eine Rolle) allein zwar nicht gerade der innovativste Stoff, aber trotzdem ist die Geschichte, die mit diesen drei Bausteinen erzählt wird, sehr gut. Sie ist weder langweilig noch unglaublich aufregend, eben genau so, wie sie ein Protagonist ohne Namen, der eben jedermann sein könnte, verträgt.

Alle sind sterblich, womöglich gestehen sich viele ein, sterblich zu sein, aber niemand will es wahr haben, wenn sich der Tod erst ankündigt und dann in großen Schritten näher kommt; Es ist unfair, wenn man selbst turnusmäßig zu schweren Operationen ins Krankenhaus muss, während Andere aus unerfindlichen Gründen gesund bleiben und wiederum Andere schon längst qualvoll gestorben sind; Es ist schlimm, den eigenen Verfall mit ansehen und feststellen zu müssen, dass man ab einem bestimmten Zeitpunkt auch nur noch als alter Mensch wahr genommen wird – davon erzählt Philip Roth, ganz einfach. Nicht in einem umfassenden opus magnum, sondern quasi in einem Lebensrückblick auf etwas mehr 190 Seiten. Anfangs erwartet man noch große Szenen, aber das legt sich schnell, denn vielleicht soll ja alles genau so sein, wie es ist. So normal, dass die Hauptperson auch ebenso jeder sein könnte. Weil jeder seine kleinen und großen Fehler im Leben macht, jeder seine verwirklichten und unverwirklichten Träume hat und die Wenigstens all das, was sie jahrzehntelang umgeben hat, so plötzlich beendet wollen wissen.

Philip Roth: Everyman
192 Seiten, Vintage
ISBN: 0099501465

1 Kommentar

  1. Kathrin

    20. Februar 2011

    Das klingt gut!

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