Geschriebenes Leben

8. Juni 2010, Tribut

 


Javiar Marias: Geschriebenes Leben
Zwar komme ich momentan irgendwie überhaupt nicht zum Lesen, bzw. ist all das, was ich momentan zu lesen habe, sicher für alle Leser hier mächtig uninteressant (Vetospielertheorie, zu viele Bundesverfassungsgerichtsur-teile, sowie ein ganz und gar schreckliches Buch über Kulturmarketing), aber trotz-dem gibt es gerade ein Buch, das dir, werter Leser, an dieser Stelle von mir ans Herz gelegt sein will.

Ich stehe sehr auf Metainfor-mationen zu allerlei irgendwie bedeutenden Leuten, das heißt wenn ich irgendwo eine kleine Anekdote über Kafka finden kann, dann lese ich sie genau so gern wie eine Erörterung von Thomas Manns Selbstverliebtheit. Genau aus diesem Grund auch fand ich die Werkstattbilder der noch geöffneten Neo-Rauch-Austellung mindestens genau so interessant wie die Bilder und genau deshalb mag ich auch das Buch auf der linken Seite, Geschriebenes Leben von Javier Marias.

Spätestens seit Mein Herz so weiß wusste ich zumindest, dass Javier Marias sehr gut schreiben kann. Dass sich selbiges auch auf Sachtexte, mehr noch Portraits erstreckt, ist dabei umso toller. In Geschriebenes Leben nun portraitiert Marias 18 Autoren und 8 Autorinnen von William Faulkner über Thomas Mann und Oscar Wilde bis hin zu Emily Brontë auf jeweils ungefähr 10 Seiten.

So erfährt man unter Anderem, dass das Schlimmste an Thomas Mann war, dass er sich tatsächlich einbildete, sich selbst nicht ernst zu nehmen, dass Oscar Wilde zwar verheerend ausgesehen haben, aber gleichzeitig über unglaublichen Charme und Redegewandheit verfügt haben muss und dass Yukio Mishima (den ich bis dato nicht kannte) schon allein deshalb mit hätte in dieses Buch aufgenommen werden müssen, weil seine Todesumstände so wahnsinnig grotesk und lustig waren.

Man merkt schnell, dass Marias dabei nicht versucht, in irgendeiner Weise objektiv zu sein (wobei die beschriebenen Anekdoten sicher der Wahrheit entsprechen), sondern es den Leser im Gegenteil spüren lässt, dass er bspw. James Joyce nicht mag, dessen sexuelle Vorlieben zuweilen sogar ziemlich widerwärtig findet und im Großen und Ganzen lieber davon abraten will, selbst noch Romane zu schreiben, einfach weil es nichts Besonderes mehr darstellt. Vielleicht es ist dann genau das, weshalb man sich für die Großen der Literatur und ihre Eigenarten interessiert, dass man ihrer Besonderheit, die ihnen in nun einmal innewohnt, am liebsten nacheifern oder sich zumindest in diese einfühlen will. Aber sicher ist es mindestens ebenso die Unterhaltsamkeit der Portraits insgesamt und, genau so, wie es der Untertitel des Buches, "Ironische Halbportraits", ihre Bissigkeit.

Javier Marias: Geschriebenes Leben
Klett-Cotta, 2001, 315 Seiten.
ISBN: 3-608-93555-X

 


Direktscene

Das Delirium ist gewiß schöner als der Zweifel, aber der Zweifel ist fester.*

* Titel und Zitat dieses Eintrags sind von Emil M. Cioran

 

Und ich dachte, nur mir ging es heute den ganzen Tag über so...

Verspricht einfach nichts zu werden, so ein Tag, wenn er schon damit beginnt, dass man sich aus unerfindlichen Gründen plötzlich dessen gewahr wird, schon eine ganze Weile folgenden Song zu hören:


direktontheroad

 

Dass ich beiläufig Feuerzeuge einstecke, habe ich schon lange erkannt. Direkt nach dem Benutzen wandert so ziemlich jedes Feuerzeug wasweißichwarum in meine Tasche. Man könnte denken, ich würde damit einen Versuch unternehmen, das Feuerzeug zu stehlen, doch dem ist nicht so (wenigstens bin ich mir dessen noch nie bewusst gewesen). Ich kann einfach nicht anders. Schön ist es deshalb, wenn man nett darauf hingewiesen wird, dass man schon wieder dieses oder jenes Feuerzeug eingesteckt hat. Ich fühle mich mittlerweile schon dauerhaft schuldig, sodass ich gleich Schuldgefühle bekomme, wenn jemand nur fragt, wo sein Feuerzeug geblieben ist, auch wenn ich es gar nicht eingesteckt habe. Das einzige Hilfsmittel dagegen ist eigentlich nur, immer ein eigenes Feuerzeug dabei zu haben, sodass man nie in Verlegenheit kommen kann, jemand anderes nach Feuer zu fragen und dann dessen Feuerzeug einzustecken. Oder nur Streichhölzer annehmen, mit denen ist mir das noch nie passiert.

Gestern Nachmittag, als wir in Mannheim am Bahnhof standen und darauf warteten, dass endlich der Zug einfuhr und wir in Ruhe unsere Schnitzelbrote verzehren konnten, langte ich aus Langeweile in meine Hosentasche und zog zu unserer beider Überraschung den Zimmerschlüssel unserer Unterkunft aus der Schweiz heraus. Das soeben von mir erfundene Wort "Ochneinfuckmistwarumimmermir" beschreibt wohl am besten, was mir in diesem Moment durch den Kopf ging. Ehe ich abends ins Internet konnte, waren schon Suchmails eingegangen und ich habe ich reumütig stellen können.

Haargenau das Gleiche ist mir schon einmal passiert. Sicher fällt es seitens von Hotel- und Hostelbesitzern sowieso unter Kulanz, dass da kein großes Fass aufgemacht wird, wenn man den Schlüssel wenigstens schnellstmöglich wieder zurück schickt, aber es nervt, denn genau so gut könnte man den Schlüssel ja auch wieder abgeben. Aber warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Sicher wäre es so, dass ich, wenn ich nichts unterbewusst mitnehmen, stattdessen dann etwas Wichtiges vergessen würde. Das kommt sicher auch noch. In Jena habe ich deshalb aus reiner Vorsicht den Zimmerschlüssel so wenig wie möglich angerührt und soweit ich bisher weiß auch nicht mitgenommen. Bitte gebt mir so etwas in Zukunft nicht mehr in die Hand, ich bin ein Risiko. Allerdings habe ich fast einen Pullover vergessen.

P.S.: Die letzten zwei Tage standen irgendwie im Zeichen der Burschenschaften. Nach dem Oltner Team Battle kamen wir im Gespräch irgendwie auf Burschenschaftler, einen Tag später erzählt uns ein sehr redseliger Mann von seinem Burschenschaftler-Schwiegersohn aus Freiburg und wiederum tagsdarauf schlürfen wir im Hotel in den Frühstücksraum, nur um überall bescherpte alten Herren sitzen zu sehen, deren naturgefurchte Gesichter uns zweifeln lassen, ob das nun Falten oder Schmisse sind. Was war los?