Manchmal soll man ganz weit mit dem Zug fahren und weil der Automat einem sagt, dass es besser ist, eine Platzreservierung vorzunehmen, macht man das auch. Man steigt in den Zug ein und setzt sich auf seinen Platz, seinen rechtmäßig reservierten Platz, selbst wenn es unangenehm ist, Leute von einem Platz zu vertreiben, manchmal ist es einfach gut, einen Platz zu haben und wenn man dafür 1,50 Euro bezahlt, dann möchte man den ja auch nutzen, egal. Dann wieder kommen komische Menschen an, die einen aus dem Schlaf rütteln, dem rechtmäßig verdienten, egal, Schlaf jedenfalls, kommen diese Menschen an und sagen: “Entschuldigen Sie, ich habe diesen Platz reserviert!” Und weil man noch schläfrig ist und augenscheinlich auch verdammt doof, steht man auf, räumt seinen Platz und setzt sich woanders hin, denn mittlerweile ist wieder überall Platz, anstatt sich aufzuregen und zu schreien: “Sie erbärmliche Kreatur sind ein Lügner! Sie können gar nicht reserviert haben, Sie platzklauendes Monster, Sie Reservierungsnazi! Verschwinden Sie, oder ich werfe Sie durch dieses Zugfenster hinaus auf die Gleise!” Aber nein, man sitzt schon woanders. Und dort ist die Sicht eh besser.
Vorn sitzt ein Mann mit Aktentasche und jungem Mädchen neben sich, der krampfhaft versucht, sich ein Gesprächsthema einfallen zu lassen. Irgendwas Peppiges sucht er, man sieht das, wie es in seinem Kopf arbeitet, irgendwas, was diese junge Dame auch interessiert. Er überlegt und sinnt und denkt an die letzten Chartsongs, die ihm einfallen, aber außer irgendetwas von den Pet Shop Boys kommt da nicht mehr zu Tage, also lieber lassen, den coolen Musikinteressierten zu miemen. Ach, Scheiße, dann doch lieber Arbeit, denkt er wahrscheinlich und steht auf holt sich seine Akten aus dem großen Reisekoffer. Er balanciert sie auf seinem Schoß und schaufelt sich von Seite zu Seite und plötzlich, als sei es ein Witz, fragt sie: “Das ist ja interessant, was arbeiten Sie denn?” Ja, solche Frauen gibt es.
Ganz anders als die auf der anderen Seite des Gangs, die von dem alten Mann mir gegenüber ständig beäugt wird. Ein hübsches Wesen, muss man zugeben. Und er beäugt sie wie verrückt, kann seine Augen kaum von ihr lassen, tastet sie von oben bis unten ab, mit seinen Augen natürlich. Nicht mit den Händen, obwohl er dass viel lieber tun würde, man sieht das. Sie hat das sicherlich auch schon längst bemerkt. Ich weiß nicht, wie das ist. Ich werde nie angeschaut, im Zug. Nur wenn mir verrückte Reservierungsnazis meinen rechtmäßig reservierten… naja. Die hübsche Frau hat das ganz sicher bemerkt. So geht das eine Weile, er starrt, sie erstarrt, dann “Next stop Bielefeld” und sie schwupp aufgesprungen, aber statt eine schöne Handtasche oder Reisetasche zu Tage zu beförden, ist das erste, was sie von der Ablage über sich nimmt ein Fahrradhelm. Ja, richtig, ein Fahrradhelm. Es gibt immer einen Haken. Daran hätte er denken sollen, der Mann. Ist die Frau geradezu zu schön, so hat sie wenigstens einen Fahrradhelm dabei, den sie auch bereitwillig aufsetzt, selbst wenn sie nur kurz zum Bäcker fährt. Oder trägt Treckingstiefel, oder sagt “Latte” und “Cappu” und geht im Sommer “hiken”. Pfui.
Und manchmal klackert man ganz fix einen Text in das Notebook und irgendwann kommt jemand, der einem sagt, wie schön er ihn findet. Besser noch, er kommt und fragt, von wem der Text ist und man kann sagen: “Von mir!” und lächeln und denken: “Von wem denn sonst, du arrogantes Arschloch!”
Aber das ist eine andere, zusammenhängende Geschichte.