# Textuales Schluckauf

Wäre er eine S-Bahn, würde man ihn womöglich spätestens nach dem ersten Wochenende von erfahrenen Schweißern wieder in seine stählernen Einzelteile zerlegen lassen. Nach der ersten fetten Entgleisung.

Wenn er es übertreibt. Wenn er mit hundertfünfzig durch die Stadt und aus ihr heraus rasen muss. Wenn er dabei die Kontrolle verliert. Links und rechts Lack auf den Leitplanken lässt. Der Beifahrer, ohne das Ratschen zu realisieren, seelenruhig eine Kippe dreht. Bis keine Leitplanken mehr da sind. Die Vorderachse bricht. Und die Kiste nach oben wegbricht. Den Bäumen am Straßenrand entgegen fliegt. An einer dicken Eiche hängen bleibt. Auf der Straße nicht einmal Bremsspuren zurück bleiben.

Dann fühlt es sich für ihn nicht schlimm an, zu sterben. Nicht bemerkenswert. Eher ist es ein wenig enttäuschend. Keine am inneren Auge vorbeiziehenden Filme. Keine weltbewegenden Abschiedsworte. Keine dunkelhaarige Schönheit in wehendem Kleid und kein Licht. Nur bloßes Abwarten. Ein Schlussstrich. Im scheißkalten Dunkeln. Warten, dass das Sterben vorbei geht. Den bunten Bildern zuschauend. Benebelt vom Adrenalin.

Viel zu schnell, das alles. Die Broschüren lügen. Nicht einmal mit dieser Geschwindigkeit ist es die Lenksäule, die ihn umbringt, sondern der Airbag, der ihm mit säuerlichem Knacken das Genick zerbricht. Wie der Schmerz Gedanken und Körper zu trennen weiß. Wie er versucht, was er aus den ganzen Filmen gelernt hat, irgendetwas Geiles aus der Situation zu machen. Vielleicht einen Witz zu reißen. Aber. Nichts passiert. Dunkel wird es. Schluss.

# Bluescreen

“Die hat mir ‘nen guten Neustart gewünscht… Ich kam mir vor wie’n abgeschmiertes Windows. Mit Bluescreen. Kurz vorm Reset-Drücken. Wenn ich dann wieder Verbindung zum Leben bekomme, fang ich bestimmt an zu piepen wie so’n Modem. Wenn nicht — alles umsonst wie Freibier.”

Alf Ammoniak

# Aphorismus des Tages [126]

Wenn Wittgenstein in seinen Tagebüchern schreibt, dass die “Furcht vor dem Tode [...] das beste Zeichen eines falschen, d.h. schlechten Lebens” sei, dann ist die Furcht vor dem Leben, dem menschlichen und Lebendigen, nur ein unablässiges Kennzeichen dafür, dass man schon längst gestorben, nur noch nicht tot ist.

# KENAAAAAAAAAAAACK!

„Scheiß Schulanfang!“, muss er sich gedacht haben. Der Zeitungsmann auf seinem Roller, als er dem Schulbus beim Überholen auf der Gegenspur direkt vor die Schnauze bretterte. Sechs Wochen lang freie Fahrt gehabt. Da kann man schon einmal den Schulanfang verpassen.

Die Kinder jubeln, legen sogar für einen Moment ihre Luftgewehr- und Paintballkataloge beseite, um das Zusammensacken des blutigen, alten Mannes vor der rissigen Windschutzscheibe zu bestaunen. Eine Minute später ist der Krankenwagen da. Denkt man gar nicht.

Ich hätte mit Fotohandys gerechnet. Sogar mit Blitz und Milliarden von Megapixeln. Nicht aber mit einer Spiegelreflexkamera. Ein buckliges Mädchen zerrt nervös diesen vor ihrem kleinen Körper riesigen Apparat aus dem Rucksack, tippt ungeduldig darauf herum und bannt schließlich zufrieden die ersten Impressionen auf ihre SD-Karte.

„Kiek ma! Die Zähne, Alter! Die Zähne!“
Sie möchte einmal Künstlerin werden. Man erkennt das. Mit feuchten Händen präsentiert sie ihren Freundinnen das Resultat. Dank der erhöhten Belichtungszeit zeigt sich das Gemisch aus Blut und Speichel in den aberwitzigsten Schlierein Scheibenwischerhöhe.

“KENAAAAAAAAAAAACK!“, illustrieren die weiter vorn Sitzenden denen, die nichts haben sehen können, das Spektakel, durchsetzt mit viel “Fett!” und “Alter!”. Warum man im Bus nicht rauchen darf, frage ich mich. Drehe mir eine Kippe und hänge dem Gedanken ein bisschen nach. Scheinen ja sonst alle Perversitäten unserer Zeit erlaubt zu sein.

# irgendetwas mitnehmen

Der alte Taxifahrer dreht sich zu mir und winkt verschmitzt ab.
“Ihr habt dir Uhr, wir haben die Zeit.”, grinst er.

Den Flug verpasse ich übrigens. Nur stört es mich nicht.

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