# Von den Wirren des Sprachkurses

Wenn man im Sprachkurs für ein oder zwei Wochen gefehlt hat, ist man der Loser. Sofort heften alle Teilnehmer ihre strafenden Blick ans Rever des Verbrechers, der es gewagt hat, zu fehlen und so kostbaren Unterrichtsstoffes säumig zu werden. Sofort sind alle sozialen Kontakte, die man sich mühselig in der ersten Stunde aufgebaut hatte (“Bonschur, schimm appell André?!”) passé und die einzige, die den eigenen Namen noch kennt, ist die Lehrerin, denn die muss die Fehlstunden eintragen, damit sie einem später die Kaution nicht zurück zahlen brauchen, weil man ja nie da war. Komische Welt, für Dinge bezahlen müssen, die man nicht in Anspruch nimmt, gerade weil man sie nicht in Anspruch nimmt. Eigentlich müsste ich also für so ziemlich alles Geld bezahlen, denn ich mache relativ wenig. Und wenn es umgedreht, also meiner Meinung nach richtig herum wäre, würde ich wahrscheinlich noch weniger machen, davon aber dann steinreich werden.

Es interessiert dann auch nicht, was man für eine Ausrede hat. Schließlich hat man die Tat ja schon begangen. Einen Mörder sprechen sie nach der Verurteilung auch nicht mehr frei, nur weil seine Gründe nach einiger Zeit doch ganz nachvollziehbar wirken. Wenn, dann müssen sie schon stichhaltig sein, die Gründe, da reicht es nicht zu sagen, dass man Fieber hatte. Man wird nicht nur damit bestraft, überhaupt krank gewesen zu sein, sondern noch damit, dass nun auch alle anderen Kursteilnehmer tausendmal besser sind, als man selbst. Wo man in der ersten Stunde noch gemeinsam witzelte (“Französisch hat einige Regeln und viele Ausnahmen, höhö.”), klafft nun eine blutige Schneise des Sprachniveaus, die zu Überspringen das sichere Todesurteil des Delinquentens ist.

Kurz: Krank zu sein offenbart einen interessanten Sachverhalt: Ist man beliebt und kann nun jede x-beliebige Person nach dem Stoff fragen oder hat man so ziemlich alles falsch gemacht, was man in der Sozialisation eines Sprachkurses falsch machen kann und kennt kein Schwein, von dem man sich die Mitschriften ausborgen könnte, um wenigstens einmal nachlesen zu können, welches Stück Sprache einem bei einem Frankreichaufenthalt später fehlen wird. Als Mädchen hat man es da ein wenig einfacher. Man zieht sich etwas hübsches an und fragt kokett, ob denn der süße Boy so freundlich wäre, seine Aufzeichnung zur Verfügung zu stellen und stellt gleichzeitig das Dekolleté ins richtige Licht und zack, erledigt. Als Junge, noch dazu als schüchterner Junge mit dennoch großer Klappe, kann man nach einmaligem Fehlen im Sprachkurs entweder kurz weinen und einfach versuchen, das behandelte Themengebiet fortan zu umschiffen oder einfach gleich für immer wegbleiben vom Kurs, es hat ja eh keinen Zweck.

Ich weiß nicht, ob sich dieses Problem im Berufsleben verringert. Nicht, dass man auch dort gleich wegbleiben kann, wenn man einmal gefehlt hat, was wiederum ein adäquater Grund zum Freitod wäre. Aber wenn man dann endlich am Fließband arbeitet ist es sicher nicht so schlimm, ob es nun das tausendste oder fünftausendste Werkstück ist, auf das man seinen kontrollierenden Blick legt. Bis dahin jedoch wird es weiter gehen, wird er weiter gehen, der Konkurrenzkampf. Das wäre überhaupt ein hübsches Spiel für die Zukunft, für das ich einen potentiellen Gott echt beglückwünschen würde. Den Leuten die ganze Zeit einimpfen, sie müssten sich gegenseitig überbieten, besser sein als der Andere, länger, weiter und krasser im Ausland studiert haben, statt achtzehn lieber neununddreiig Sprachen sprechen und nebenbei gut im Bett sein. Und dann, im Berufsleben angekommen, paff, egal, alle gleich und Gott lacht sie aus die Musterstudenten, nur nach außen hin immer schick im Anzug und immer unterwegs. Die Büros jedoch glichen im Inneren eher großen Spielhallen und das Einzige, womit man sich dort gegenseitig überbieten würde, wären High Scores!

# Wir Unverstandenen

Man wird es sowieso nie allen recht machen können. Für die einen ist man ein Loser, wenn man noch keine Muster und Bildchen auf seinem Mundschutz trägt, für die anderen ist man nur dann ernst zu nehmen, wenn man sich gar ohne Mundschutz hinaus wagt in diese grausige Welt.

Auf dem Weg zum Arzt jedenfalls kommt mir die erste Bemundschutzte entgegen. Ich schaue sie verwirrt an und sie schaut zurück mit dieser Härte in den Augen. Die Ärztin lacht später, als ich ihr davon erzähle. Wer weiß, vielleicht hat die Frau ja milde gelächelt unter ihrem Mundschutz, als ich sie ansah. Man weiß es ja nicht, weil einem so viel von der Mimik genommen wird. Wahrscheinlich, werden wir einander irgendwann überhaupt nicht mehr verstehen. Wenn wir erst einmal alle Mundschutz tragen, oder dann später niemand mehr und nur der Mundschutz in den Köpfen geblieben ist. Weil wir wegen jedem Bisschen überreagieren und auch gar nichts dafür können, erscheinen wir einander doch völlig emotionslos und unverständlich. Und manchmal habe ich jetzt schon das Gefühl, mit einem Mundschutz herum zu laufen.

Aber das ist ja das Nächste. Die Unverstandenen. Genau zu denen zählt sich die Mundschutzfrau sicherlich auch. Alle sind unverstanden. Aber das macht sie einander natürlich nicht ähnlicher, sondern nur noch feindseliger. Und vielleicht sollten wir alle die Schweinegrippe bekommen. Nur, um wieder etwas Zeit zu haben, herunter zu kommen. Damit wir endlich wieder einmal etwas gemeinsam haben und uns nicht die ganze Zeit anstressen müssen.

# Aphorismus des Tages [161]

Irgendwann verschwindet in der Ernsthaftigkeit immer die Nachvollziehbarkeit. Und damit der Sinn. Fanatismus ist nie gut.

# Indianische Inder in Indien oder eben doch Amerika

Warum heißen Indianer eigentlich Indianer und nicht einfach Inder? Dort, wo Indianer sind, in Amerika, hießen sie doch auch nicht Indianians, sondern Indians, eben Inder, da Columbus, der lustige Seefahrer, eben keinen Weg nach Indien, sondern einen nach Amerika gefunden hat. Davon abgesehen, dass heutzutage jeder Spediteur für solch einen groben Unfug gnadenlos untergehen würde, hat Columbus die Ureinwohner Amerikas demnach auch Indians, resp. Inder, genannt, da er sich in Indien wähnte.

Statt also ein neues Wort zu kreieren hat Columbus schlicht und einfach einem schon bestehenden Wort eine neue Bedeutung hinzugefügt. Indian, im Sinne von dem gemeinen Inder und Indian im Sinne des roten Mannes aus Zweitindien in Übersee. Genau auf Grund dieser Verwechslungsgefahr – also hätten die aufstrebenden Weißen damals nicht die Indianer, sondern die Inder reihenweise umgebracht oder in Reservate gepfercht, die USA-Groß-Britannien-Beziehungen sähen heute womöglich ganz anders aus – genau deshalb heißen Indianer auf Englisch nun auch schon lange nicht mehr Indians sondern Native-Americans. Und nur wir deutschen verstehen wieder einmal die Gepflogenheiten des Auslands nicht und nennen sie statt nativ hergestellte Amerikaner oder Ureinwohner Amerikas Indianer, ist ja auch einfacher.

Ich glaube, wir verstehen das Ausland einfach nicht. Warum versteht die deutsche Jugend Krocha nicht? Weil es nicht aus den USA, sondern aus Österreich kommt und also nicht sonderlich massenkompatibel zu sein scheint? Warum haben wir Hitler nicht einfach nicht verstanden und hätten uns somit viel Ärger erspart? Warum soll Guido Knopp Schuld daran haben, dass sich niemand mehr für den Holocaust interessiert? Warum soll der Bachelor zum Nationalsozialismus führen?

Menschen, ich verstehe euch nicht! Aber gerade das macht euch so interessant.

# Wo wir gerade bei Ehrerbietungen sind

Die beste Band der Welt:

Against Me!
(Against Me!)

one night we lay beside each other, so close to a sweat
with two fans circling overhead, we sleep on borrowed time
and the traffic lights direct empty roads, the stars can’t break the city sky
but they still try despite what they know is already true
and tomorrow we’ll take aim, just like a storm waiting for a calm
i can feel everything coming in my chest, my heart’s already pounding
my head’s on far-off highways, sixteen years old, on a road that never ends
might drive into something that looks like a sunset, and it lasts forever, and i never look

back
from hoboken to l.a.
from portland to gainesville
from the great plains to niagara
route 66 straight to california
electric lights carry the night
we move in 4/4 time
our feet on wheels and in the sky
yes we’re going cause we’d die if we stayed here
and those dying dreams will carry what’s good, and real, and pure
and the rest can burn in hell

and for the four-year-old girl found dead in a dumpster
shot by her mother, her eulogy,
the sound of construction through head-to-head traffic
today is just another day.
and me and my friends are just growing into the drunks and the liars that we’ve always

hated
every shortcoming has trapped us, every mistake is now our own infinite failure
so we steal every chance we get
every advantage is taken when no one’s looking
we hide behind closed doors, and we don’t stop until
we are the people we’ve decided we should be
i wanna be a shot heard round the world, fucking unstoppable
this distance is not something we’ll regret
from here, and now, and today, and forever, and days after that till the very end

  1 2 3 ...67 68 69 ...201 202 203