“Der Hund heißt ‘Geh Decke’”, lachte sie und zeigte auf den kleinen Mischling, der gerade aus seinem Korb unter der Theke sprang und ansetzte, durch den Club zu rennen, “Geh Decke!”, schrie sie, “Meine Fresse, Decke! Geh Decke! Aber mich kannst du Beate nennen.”
Im Hintergrund lief seit Minuten ein Song, in dem immer wieder der Satz ‘Wir wollen kein McDonald’s in der Wrangelstraße!’ vorkam. Was soll’s, dachte ich und beschloss, es gut zu finden, keine Schnellfressefiliale in besagter Straße zu haben. Nur wer weiß, dachte ich, wie alt der Song schon ist, als ob die sich von einem schlecht produzierten und dafür gut gemeinten Defaultreggaetrack abhalten lassen. Die wären ja auch schnell wieder verschwunden, wenn nur niemand hinginge, aber so einfach ist das dann doch nie. In Leipzig war es ruckzuck gegangen, ehe man den Lazy Dog vom Connewitzer Kreuz verdrängt und an dessen Stelle eine schöne Plus-Filiale platziert hatte. Zwar waren noch vor Eröffnung dessen Scheiben ein paar mal zu Bruch gegangen und die Fassade mit Farbbeuteln verziert, aber irgendwann hatte sich auch das gelegt, hatten sich die Anwohner an den wahrscheinlich ersten Supermarkt mit eigenem Sicherheitsdienst und durchweg vergitterten Fenster gewöhnt. Außerdem sind wir nicht in Berlin, dachte ich, wir sind nicht einmal in einer Großstadt, sondern irgendwo zwischen Leipzig und Dresden, wo die Umgebung langsam bergig und die Bevölkerung mehr und mehr kauzig wird. Westewitz/Hochweitzschen, hatte ich mir einen Unterwegsbahnhof gemerkt, und Klosterbuch, da hatte ich versucht, die blühenden Rapsfelder zu fotografieren und meine zu langsame Handykamera verflucht, die nichts als gelbe Farbschlieren hatte produzieren wollen.
Aber ich will das alles gar nicht zerreden oder so wirken, als würde ich das alles furchtbar lächerlich finden, versuchte ich mich vor mir selbst und vor der imaginären Öffentlichkeit in meinem Kopf zu rechtfertigen. Ganz im Gegenteil, dachte ich, ich stehe total auf diese sanierungsbedürftigen Häuser, die mit viel Schwarz und Rot wieder auf Vordermann gebracht werden. Das schönste Haus meiner Heimatstadt war für mich schon immer das einzige besetzte gewesen.
In diesem Moment knallte Beate ein großes Glas vor mir auf den Tresen.
“Komm, ich mix dir mal was!”, rief sie, “Du hängst da so rum.”
“Ich hab nur über etwas nachgedacht”, sagte ich.
“Ja, ich sag ja, ich mix dir mal was!”
Dann stellte sie mehrere Flaschen auf ihrer Arbeitsplatte bereit,deren Inhalt ich nicht erkennen konnte.
“Pass mal auf!”, sagte sie, indem sie eine Flasche mit Sombrerodeckel hervor zog und einen großen Schluck ins Glas laufen ließ.
“Was wird das?”, fragte ich.
“Molotow!”, rief sie und entdeckelte eine längliche Flasche, die nur mit einem “Rum” betitelten Pflaster beklebt war.
“Was?”
Etwas Prosecco dazu.
“Molotow, wie der Name schon sagt.”
“Und was kommt da rein?”
Reichlich Pfeffi.
“Alles”, sagte sie und grinste, “Bis es dreckig aussieht”
Dann füllte sie das schlierige Gebräu mit Orangensaft auf, sodass es augenblicklich seine Farbe von Hellgrün zu Ocker wechselte.
“Sieht nicht sehr appetitlich aus”, sagte sich mit einem Blick auf das Glas.
“Molotow halt, das soll auch nur wirken, verstehste?”
“Okay”, sagte ich und nahm mir vor, nicht länger zu fragen.
Ich nippte am Glas und versuchte, nicht dabei oder sofort danach zu atmen. Der Geschmack wechselte mehrmals, erst herb, dann stark, dann der pfeffiübliche Geschmack nach Zahnpasta und am Ende blieb etwas Verheerendes, das ich nicht einordnen konnte.
“Na, wie verbrannte Erde, oder?”, lachte Beate.
“So stellt man sich das vor, ja”, sagte ich.
Der kleine Hund machte sich erneut startklar und scharrte mit den Pfoten in seinem Körbchen.
“Geh Decke!”, schrie sie, “Bleib!”
Direkt neben ihm hatte es sich der eigentliche Barjunge bereits bequem gemacht, das endgültige Astra noch im Arm, lag er da neben dem Körbchen und schlief den Schlaf der Gerechten.
Ich hatte nur den Schlüssel für meinen Schlafplatz abholen wollen, ursprünglich jedenfalls, aber darauf sollte man sowieso nie allzu viel geben. Mittlerweile saß ich schon wieder fast eine Stunde bei Beate am Tresen, den sie mit mütterlicher Autorität zu führen wusste. Bei ihr schien niemand aufzumucken, keiner der Punks und erst recht keiner der üblichen Leute, bei denen Suff und Stress durch eine unsichtbare Bande unmittelbar mit einander verbunden schienen. Ab und zu schrie sie ihre Wünsche kurz und bündig in den Kickerraum, “Fresse!”, “Maul!” oder, wenn der süße Welpe auszubüchsen drohte, eben “Geh Decke!”
Jetzt war die Ortsjugend bereits auf dem Nachhauseweg oder lag neben dem Hundekörbchen unterm Tresen, die zugehörige Freundin tanzte noch dahinter.
“Schmeckt’s denn?”, fragte Beate schließlich.
“Ja”, log ich und sah verzweifelt auf mein immer noch dreiviertelvollem Glas.
“Ey, Jenny!”, schrie Beate plötzlich in die Richtung des tanzenden Mädchens, das sich keine zwei Meter entfernt hin und her wiegte, “Komm mal her!”, woraufhin das Mädchen herbeigeschwungen kam.
Beate packte das Mädchen an den Hüften:”Musst auch mal ein bisschen FDH, was?!”*
“Und du mal lieber ein bisschen HDF!”**, rief Jenny, “Was’n los?”
“Hier”, sagte Beate, griff nach meinem Glas, hielt es Jenny unter die Nase, und konstatierte: “Is’n Glas, muss alle werden.”
“Okay”, sagte Jenny, setzte an und trank das Gebräu in einem Zug aus. Man konnte ihr ansehen, wie es in ihrem Magen arbeitete, nicht ruhig blieb und die Fülle des ekligen Geschmacks doch zu viel des Guten zu sein schien. Jenny rülpste lautlos, wie es nie ein gutes Zeichen für das Wohlbefinden eines Trinkenden war, ihre Augen weiteten sich sichtlich.
“Wolltest sicher nur deinen Schlüssel, oder?”, wandte sich Beate an mich und nahm Jenny das Glas aus der Hand, “Nimm dir einfach einen vom Brett hier”, sagte sie, “Ich muss hier wohl noch ein bisschen bleiben.”
Ich schlief ein Stockwerk höher. In meinem Zimmer standen sieben verschiedene Betten und ich nahm das, welches direkt im Erker stand. Von unten dröhnte noch eine ganze Weile Musik durch die Decke und immer, wenn man ein leises Kläffen hörte, folgte gleich darauf ein lautes “Geh Decke!”
* FDH = Friss die Hälfte
** HDF = Halt die Fresse













