Foto von das_sabrinchen

Samstag, 17 Uhr. Wir stehen auf dem Marktplatz. Thomas sieht unruhig aus und knetet seine Hände.
„Ich möchte dir jetzt mein Geheimnis verraten.“
„Worum geht’s?“, frage ich.
„Schau dich mal um, was siehst du?“
Der Marktplatz ist leer. Hier und da liest jemand im Licht der Schaufenster eine dicke Tageszeitung. Ein paar letzte Besorgungen für das Wochenende werden gemacht.
„Nichts Besonderes“, sage ich, „Der Markt halt. Hey, können wir kurz in den Buchladen gehen?“
„Schau genauer hin!“, insistiert Thomas und reicht mir einen Flachmann .
Ich nehme einen Schluck. Mein Sichtfeld beginnt zu flackern, helles Licht blitzt auf.
„Wow, Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, sage ich, ein wenig Georg Trakl zitierend.
„Du musst dich frei machen von all den intellektuellen Assoziationen. Hier, nimm‘ noch‘n Schluck!“

Und plötzlich wird es anders. Alles beginnt zu verschwimmen. Ich höre Gekreische, klimperndes Geschirr und Prosit-Rufe. Die Luft ist schwanger von fettigen Düften und überall quälende Melodien.
Ich öffne die Augen. Wir stehen inmitten eines Labyrinths als Holzbuden, aus den kleinen Schornsteinen dampft es. Tausende Menschen drängen sich durch die schmalen Gassen oder harren an wackligen Stehtischen in der Kälte, wo sie rotes, dampfendes Gebräu aus eigenartig verzierten Bechern trinken. Sie rempeln, sie lallen, sie kaufen so genannte ‚erzgebirgsche Schnitzkunst‘.
„Ja“, nickt Thomas, als er meine Fassungslosigkeit bemerkt hat, „Ich sehe doofe Menschen!“
„Aber das ist doch nicht echt!“, rufe ich, „So etwas gibt es nicht!“
„Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen. Die sehen nur, was sie sehen wollen!“
„Wie oft siehst du sie?“
„Die ganze Zeit! Jedes Jahr von November bis Dezember! Sie sind überall!“
Langsam schieben wir uns durch die Massen. Thomas wimmert leise. Hin und wieder versucht eine angetrunkene Mittvierzigerin mir einen Klaps auf den Hintern zu geben.
„Sei vorsichtig“, sagt Thomas, „Der rote Trank verstärkt ihre Doofheit!“
Das Warenangebot der Holzbuden scheint sich alle fünf Meter zu wiederholen.
„Glühwein, Kreppelchen, Schnitzkunst und ein Karussell. Das zieht sie hierher“, erklärt Thomas.
„Isländischer Rentierspieß, Finnische Lachshappen, Norwegische Weihnachtswurst“, lese ich laut von den Schildern der Holzbuden.
„Je nördlicher der Name klingt, desto besser. Damit huldigen sie ihrem imaginären Anführer, einem dicken Mann, der der Legende nach am Nordpol leben soll und Geschenke bringt.“
„Der Weihnachtsmann?“, frage ich.
„Ja! Woher weißt du das? Kennst du das Märchen?“
„Meine Eltern haben mir davon erzählt“, sage ich, „Einmal, als uns an einem langen und fröhlichen Rezitationsabend im Winter keine Gedichte des Sturm und Drangs mehr einfielen.“
„Das hier nennen sie Weihnachtsmarkt. Kein logischer Bezug zur Legende, aber das stört sie nicht.“

Wir kommen an einen extra abgetrennten Bereich inmitten des Marktes.
„Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt“, lese ich vor, „Das ergibt doch gar keinen Sinn!“
„Eben! Das ist der Kern des Marktes. Nur hier sind sie verwundbar!“
„Was hat das Mittelalter mit Weihnachtsmarkt zu tun?“, rufe ich, „Das Mittelalter war eine unheimlich grausame Zeit, in der man euch Vögel als Allererste verbrannt hätte!“
„Ja!“, schreit Thomas, „Hinterfrag es, nur so kannst du sie bezwingen!“
„Und was bitte ist weihnachtlich an euren zerlumpten Kostümen? Euer Glühwein kommt auch nur aus einem Tetra-Pack! Ihr versucht doch nur, eure handwerkliche Unfähigkeit unter dem Deckmantel des Mittelalters zu legitimieren. Auf einem echten Markt wärt ihr doch die größten Verlierer!“

Plötzlich wird es still. Die Buden sind verschwunden, das trinkende Volk mit ihnen. Thomas grinst.
„Wow“, sage ich, „Das war gruselig.“
„Für mich endet es nie“, sagt Thomas und zuckt, als ihm eine unsichtbare Frau auf den Hintern haut, „Aber du kannst dich schützen.“
„Wie denn?“
„Bleib kritisch und verkläre keine geschichtlichen Fakten. Und halt dich von Menschen in violetten Moonboots fern. Das sind die Schlimmsten!“


Foto von Jeephead

“Es geht los! Es geht los! Fußbaaaall!”, brüllt Thomas, während er meine Zimmertür aufreißt.
“Jetzt schon?”, frag ich.
“Hab gerade das erste Auto mit Kieler Kennzeichen gesehen!”, ruft Thomas euphorisch, “Hast du deine Aufstellung fertig?”
“Klar”, sag ich, “Seit gestern Abend schon.”
Thomas und ich nehmen unsere Plätze am Fenster ein. Unten vorm Haus haben Polizisten die Straße abgesperrt und müssen in klirrender Kälte dort ausharren. Kein Auto kommt mehr durch, nur noch Fußgänger. Die Querstraße wurde wie üblich zum Parkplatz umfunktioniert. Gerade hält das erste Kieler Auto.
“Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?”, sagt Thomas.

“Ok”, sage ich, “Ich fang an. B-4!”
Thomas schaut auf seinen Notizblock und verzieht keine Miene.
Aus dem Auto steigen drei mit Fanschals behangene Kieler. Die Polizisten zeigen in unsere Straße in Richtung Stadion. Ganz gemächlich schlendern sie an der Absperrung vorbei und betreten das Kopfsteinpflaster. Als sie keine drei Schritte weit gekommen sind, rutscht der Mittlere plötzlich weg, fliegt hoch in die Luft und knallt unbequem auf den Boden.
“STRIKE!”, rufe ich.
“Anfängerglück!”, muckiert sich Thomas.
“B-3!”, rufe ich.
Die anderen beiden versuchen dem Fan aufzuhelfen, aber im gleichen Moment reißt es auch sie zu Boden.
“STRIKE!”, rufe ich, “B-2!”
Ein Polizist eilt zur Hilfe, aber genau als er ankommt rutscht er auf Stein B-1 aus und knallt auf den Rücken.
“STRIKE!”, rufe ich, “Polizisten zählen doppelt!”
“Fuck, das war mein Zerstörer!”

Am anderen Ende der Straße taumelt ein betrunkener Erasmusspanier in unsere Richtung.
“Los, dein Tipp!”, mault Thomas.
“Der kann nichtmal geradeaus laufen!”, sage ich, “Das ist erhöhter Schwierigkeitsgrad!”
“Dein Tipp!”
“W-8!”, sage ich.
Orientierungslos tappt der Spanier über das Spielfeld und streift dabei alles von Z-15 bis X-1.
“The Berghain is over there!”, brülle ich aus dem Fenster und zeige irgendwohin.
Der Junge schaut nach links und nach rechts, nach vorne und nach hinten, taumelt dabei unentwegt weiter, plötzlich dreht er sich einmal um die eigene Achse, rutscht weg und kommt zu Fall.
“Streubombe! W-8 bis W-3!”, rufe ich, als er zum Liegen gekommen ist.
“Mein Flugzeugträger!”, jault Thomas.

Auf einmal werden die Polizisten unruhig.
“Ok, S-4!”, sage ich.
“Kannste vergessen”, sagt Thomas und deutet in Richtung Parkplatz. Dort stehen vierzig dunkel gekleidete Gestalten und zünden gerade ihre Bengalos an. Dichter Rauch durchzieht unsere Straße und binnen Sekunden ist nichts mehr vom Spielfeld zu sehen.
“Was soll denn das, ihr Chaoten?”, brüllt Thomas aus dem Fenster, “Ihr macht den ganzen Sport kaputt! Wir wollen hier in Ruhe das Spiel genießen!”
Im gleichen Moment haben sich am anderen Ende der Straße vierzig ebenfalls dunkel Gekleidete eingefunden, die ihrerseits Bengalos zücken.
“Was denkt ihr, was ihr uns Spielern damit antut, wenn wir jedes Wochenende bangen müssen, ob wir überhaupt spielen können!”
Plötzlich kommen aus einer Querstraße vierzig weitere dunkel gekleidete Gestalten. Anhand ihrer Vermummung darf man vermuten, dass es Polizisten sind. Statt Bengalos zücken sie Pfefferspray und würzen fröhlich unsere Straße.
Thomas knallt das Fenster zu und lässt sich auf einen Stuhl fallen.
Dumpf hört man das Aufeinandertreffen der drei dunkel gekleideten Parteien. Im Hintergrund dröhnen Fangesänge aus dem Stadion.

“Ist echt geil, so nah am Stadion zu wohnen, oder?”, frage ich.
“Ja”, sagt Thomas, “Kannst nichtmal in Ruhe ‘Fans versenken’ spielen, ohne dass die Penner auflaufen.”
“Jup”, sage ich.
“Und diese blöden Fußballspiele nerven auch.”

“Zunächst einmal: Einen Willen hat jeder. Jeder hat seinen eigenen Willen. Der ist angeboren, klar? Und er ist das von dir, worauf alle anderen scharf sind. All die Menschen um dich herum, die sind alle scharf auf deinen Willen. Sie geben sich nur mit dir ab ab, um ihn dir zu rauben, um ihn zu brechen und in den Staub zu werfen. Merke, je länger du deinen eigenen Willen behälst, umso länger müssen sie sich mit dir abgeben. Es kotzt sie an, aber sie haben keine Wahl. Sie müssen dich wahrnehmen, und genau das ist deine Rüstung.

[...]

Der Wille ist das Stärkste, was ein Mensch zur Verfügung hat. Wenn man ihn benutzt, dann kann einem kein anderer Mensch etwas antun. Bloß trauen sich die meisten Menschen gar nicht mehr, ihn zu benutzen. Sie alssen ihn verkümmern, jedenfalls hier. Hier verkümmert alles. Junge, dein Wille, den musst du in dir selbst finden. Er ist da!

[...]

Und der ehrenvollste Umgang mit dem eigenen Willen ist der, ihn nicht offen zu zeigen. Lass ihn versteckt! Hol ihn nur heraus, wenn es heißt: du oder der andere! Du oder die anderen! Du oder der Tod! Hol ihn nicht bei jeder Gelegenheit heraus. Du musst nämlich auch die anderen mit ihren Willen leben lassen, verstehst du? Es reicht, von seiner Existenz zu wissen und ihn auspacken zu können, sobald du in die Enge getrieben wurdest. Oder sobald du dein großes Ziel verfolgst. Das große Ziel, nutze den Willen nur für das große Ziel. Der Wille ist nichts für den Alltag. Da nutzt er doch nur ab, da wird er doch nur stumpf.

[...]

Eines Tages wirst du dein großes Ziel erkennen, und dann gnade Gott all jenen, die sich dir in den Weg stellen. Aus Jungs werden immer Männer mit gewaltigen Zielen! – Man wird dich ausfragen, man will von dir eines Tages wissen, was du erreichen willst, dann erinnere dich daran: Antworte ihnen nicht, verrate ihnen dein Ziel nicht, egal, wer dich ausfragt. Behalte es für dich, denn es ist dein Ziel.”

Volker Harry Altwasser: Letztes Schweigen, Berlin 2010, S. 31f.

Man kennt das. Fröhlich will man in die Bibliothek gehen, um etwas über die räumliche Dimension des Nordirlandkonflikts in Belfast zu lesen, aber es geht nicht, denn da ist eine Demonstration im Weg. Ganz klassisches Ding. Doof nur, wenn die Redner quasi unverstärkt sprechen müssen. Von hinten wird die Frage nach vorn durchgereicht, was denn da überhaupt gesagt wird und worum es denn hier eigentlich gehe. Und jemand von vorn sagt, dass es darum gehe, auf die geplanten Stellenstreichungen an der Uni aufmerksam zu machen. Und die Leute nicken und geben es nach hinten weiter. Aber als der Satz zehn Meter weiter hinten ist, scheint es schon nur noch um planierte Lamellenstreichler zu gehen und ganz hinten weiß man eigentlichnur, dass es gegen irgendetwas geht. Und wieder ein Anderer hat längst begonnen 'Scheiß Faschoschweine!' zu brüllen. Klassische Demonstration eben. Man kennt das ja.

Als Gelehrter besucht man natürlich regelmäßig die Deutsche Nationalbibliothek, auch wenn am Haupthaus selbst 'Deutsche Bücherei' steht. Dort drinnen ist es sehr schön, auch wenn man mit der Zeit das Gefühl bekommt, die schweren Bücherwände würden einem auf den Kopf drücken. Man schafft doppelt so viel, als man zu Hause in viermal so viel Zeit geschafft hätte, hat trotzdem Internetzugang, bei dem man sich nur nicht traut, ständig herumzusurfen, weil einem von hinten immer jemand auf den Bildschirm starrt. Nur dass Kopien dort 10 Cent pro Seite kosten, quasi ein klassischer Quadratmeterpreis in der Leipziger Innenstadt, finde ich nicht gut.

Und dann ist wieder Lesebühne. Diese herrliche Veranstaltung, die immer so großartig voll ist und sich dabei nicht einmal jede Karte mit 200 Euro subventionieren lassen muss. Bei der manchmal jemand am Ende zu dir kommt und sagt: 'Wow, das war super. So ein bisschen wie Nightwash!' und du antwortest: 'Vielen Dank. Nein.' Aber vielleicht werden wir ja doch nochmal so berühmt wie die Waschsalonsserie, obwohl wir ja bloß Literatur machen. Und wenn wir dann reich sind, kaufen wir lauter Eigentumswohnungen in wohlhabenden Stadtquartieren und machen Sozialwohnungen daraus. Einfach weil wir es können. Und weil wir ursprünglich auch keine Stadthäuser in Connewitz haben wollten. Das ist zwar so ein bisschen Auge-um-Auge-mäßig, aber wie schon Forrest Gump sagt: Klug ist, der Dummes tut, oder so.

Wie gut, dass das Rammsteinkonzert schon ausverkauft war. Besser noch, dass es überhaupt so war, dass sich unser Publikum das gar nicht leisten kann. Hier ein Auszug aus dem Gästebuch unserer famosen Lesebühne. Entschuldigen Sie bitte dieses Bild, aber ich musste es zeigen, weil ich nur vermittels des Präsentierens meiner vergewissern kann, überhaupt zu existieren. Damit am Ende vielleicht ein bisschen mehr übrig bleibt, als der noch nicht runtergebrachte Müll. Darüber hinaus habe ich schon einmal in einem Text das traurige Adorno-Zitat 'Die Kunst will das, was noch nicht war, aber alles was sie ist, war schon.' verwendet. Was das wohl für eine Person war, für die ich 'etwas über Adorno' schreiben soll? Und diese Aufforderung dann ganz 68er-mäßig mit einem Smilie beendet?

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Wow, klasse Perspektive! Und was für ein unglaubliches Motiv! Warum hat dieser junge Mann noch keine Ausstellung gemacht? Warum ist er nicht reich und mittlerweile schon wieder völlig überschätzt? Warum fährt er keinen Sportwagen, wohnt in L.A. und hat sich erst kürzlich von irgendeinem Hollywood-Starlet getrennt? Davon ab: Tolles Buch, sollten Sie lesen. Der Herr Altwasser hat's ziemlich drauf, wenn Sie mich fragen. Es geht um die Geschichte eines Jungen, der in der DDR aufwächst. Seine Mutter fällt von einer schlimmen Beziehung in die nächste und dann adoptiert sie zu allem Überfluss auch noch ein Mädchen, weil sie eigentlich immer ein Mädchen statt eines Jungen haben wollte. Sollten Sie wirklich lesen.

Weniger Mainstream, aber auch interessant: Stadtentwicklung in europäischen Industriestädten und die Europäisierung Ex-Jugoslawiens. Das ist schon verrückt, was dort in Belfast bspw. so abging und abgeht. Wie viel Misstrauen sich dort aufgebaut hat, sodass die Mauern, euphemistisch Peace Lines genannt, als weithin unverzichtbar gelten. Und wie viel das mythologisiert wird. Da kann man nicht mal eben über den Innenstadtring marschieren und prompt ist das Land wiedervereinigt. Erstens, weil man sich nicht einmal einig ist, ob man überhaupt wiedervereinigt sein will, denn man könnte ja de facto ohne Probleme. Zweitens, weil dort gern mal geschossen, gebombt und interniert wurde und das alles das Karma mehr oder minder trübt.

Und dann Würzburg, Dead or Alive Poetry Slam im Mainfrankentheater vor 660 Zuschauern. Das war sehr fein, vor allem weil die Schauspieler wirklich gut waren. Hier zu sehen Hildegard Kneef bei der Interpretation von mehr oder minder gelallten Gedichten, Gedanken und Chansons. Dazu Hein Ehrhardt, Ernst Jandl und ein namibianischer Märchenerzähler, der ganz fantastisch war. Auf der Seite der Lebenden meine Wenigkeit auf Startplatz eins, dazu Harry Kienzler, Casjen Ohnesorge und ein großartiger Andy Strauß. Mit Letzterem durfte ich dann auch das Finale gegen Jandl/Ehrhardt und den Märchenerzähler bestreiten. Und obwohl es anfangs eher schlecht für uns aussah, haben wir sie dann doch noch gekriegt. Mein erster richtiger Dead or Alive, sehr schön.

Würzburg bei Nacht. Irgendeine Gasse vor dem schönen Standard. Es mag an meinem ausufernden Konsum der 'Räuberbande' von Leonhard Frank liegen, dass ich mich sehr wohl fühle in Würzburg, auch wenn ich erst wenige Male dort war und mich eigentlich noch keinmal so richtig umgeschaut habe. Aber ich weiß ja eh schon alles aus dem Buch. In eine Talkshow muss ich schließlich auch nicht mehr, da weiß ich schon aus dem Fernsehen, dass das nichts für mich ist. Aber Würzburg will ich mir irgendwann noch einmal anschauen. Und dann will ich hoch zur Festung und nach alten Eisenkugeln graben und auf eine Landstraße hinauswandern und darüber nachdenken '... warum eine junge Blüte vom Baume fallen muss, bevor sie zur Furcht wird, während neben ihr eine andere ungehindert zur Frucht reifen darf.'

Das obligatorische Zugbild. Kurz vor Würzburg. Gemeinsam mit einer Schulklasse. Und alle haben sie zu wenig Geld, um sich schalldichte Kopfhörer leisten zu können, weshalb man von jedem Platz entweder David Guetta, Lady Gaga oder irgendeiner dieser ganzen Undercut-Bands hört, die nur noch auf dem Kopf stehend auf einsaitigen Instrumenten spielen, weil ihnen alles andere nicht mehr real genug ist. Oder Gabber. Wo haben diese Jugendlichen aus Franken nur Gabber her? Ich dachte, man hätte alle Gabber-Stücke schon um die Jahrtausendwende in irgendeinem Atommüllendlager versiegelt, auf dass sie nie nie nie wieder das menschliche Ohr verstrahlen können? Und deshalb Kopfschmerzen, unendliche Kopfschmerzen.


Foto von OutsiderM2

“Scheiß Feiertag!”, ruft Thomas.
“Kann doch keiner ahnen”, sage ich.
Die Leute auf der Straße mustern uns. Wahrscheinlich überlegen sie, ob wir arbeitslos oder bloß freischaffend sind.
Der Feiertag hat uns völlig unvorbereitet erwischt. Der Kühlschrank ist leer und die einzige Chance, etwas Essbares in unserer Nähe aufzutreiben, ist ein Gewaltmarsch zum Hauptbahnhof. Draußen herrschen Minusgrade.

“Ey ihr Homos!”, ruft uns vor einer der Innenstadtdiskos ein Jugendlicher zu.
Er trägt eine viel zu große Jogginghose, violette Mütze, eine Daunenjacke und einen glitzernden Stein im Ohr.
“Ich weiß wirklich nicht, ob jemand, der so rumläuft, andere Menschen beleidigen sollte!”, ruft Thomas zurück.
“Was’n los ihr Homos?”, schreit der Junge und rotzt auf den Boden.
“Vielleicht ist der gestern Abend gar nicht in den Club reingekommen, weil er vor der Tür an seiner eigenen Spuckepütze festgefroren ist?!”, sinniert Thomas, als wir auf den Jungen zusteuern.
“Ey! Homos!”, ruft er.
“Vielleicht kommt er aus Halle?”, unke ich.
“Homos!”, ruft der Junge, als wir genau an ihm vorbeilaufen.
Dann geht alles ganz schnell. Blitzschnell dreht sich Thomas zu ihm, packt seinen Kopf mit den Händen und leckt ihm quer über die Wange. Dann drückt er die feuchte Wange gegen eine Laterne, hält 2 Sekunden inne und lässt los. Es hält.
“Aua!”, sagt der Junge.
“Schau an!”, sagt Thomas.

Zehn Minuten später sind wir am Hauptbahnhof. Obwohl es gerade einmal 11 Uhr ist, scheint die halbe Stadt auf den Beinen zu sein.
“Guck dir das an”, sagt Thomas, “Es ist eiskalt. Und nur weil Feiertag ist, denken die Leute, sie müssten draußen rumlaufen.”
“Aber wir laufen doch auch rum?”, sage ich.
“Aber mit Ziel!”, sagt Thomas, “Die Leute haben doch kein Ziel! Am Wochenende können sie wenigstens in die Einkaufscenter gehen und irgendwas Sinnloses kaufen. Aber am Feiertag sind die einfach nur verloren.”
Neben mir steht ein Mann am Fahrkartenautomaten und zieht eine Fahrkarte nach der anderen aus dem Gerät.
“Die sind halt nix Anderes gewohnt”, sage ich, “Entweder was erleben oder was einkaufen, am besten beides gleichzeitig.”
Auf der anderen Straßenseite beobachte ich eine Familie, die immer im Kreis läuft. Immer, wenn sie beim Bratwurstmann ankommen, kaufen sie vier Bratwürste, die sie eine halbe Runde später im Mülleimer versenken.
“Völlig ausgehungert”, sagt Thomas, “Denen kannst du jetzt sogar dein benutztes Taschentuch verkaufen.”
Ein Mann nebenuns hält inne: “Sie verkaufen ein Taschentuch?”
“Ist mein letztes”, sagt Thomas.
“Ja, aber da kann man doch noch was machen, oder?”, fragt der Mann.
“Sechzig Euro!”, sagt Thomas.
“Zwei Euro! Weil’s gebraucht ist.”
“Neuwertig! Kaum Gebrauchsspuren”, sagt Thomas, breitet sein Papiertaschentuch aus und hält es demonstrativ gegen das Licht.
“Sieh an. Fünf Euro, letztes Angebot!”
“Passt!”

Ein paar Minuten später haben wir allen Müll, den wir noch in unseren Taschen finden konnten, zu Bargeld gemacht. Glücklich ziehen unsere Käufer mit einem zerbrochenen Kugelschreiber (4 Euro), einen 64-MB-USB-Stick (antik, 40 Euro), zahlreichen Kaugummipapieren (Paketpreis 8 Euro), einem alten Plektrum (zukunftsträchtige Investition, 12 Euro) und einigen Steinen (“echt”, Stückpreis 25 Euro), die ich aus den Straßenbahnschienen gepult habe, von dannen. Ein Straßenmusikant, der unseren Trick mitbekommen hat, singt immer wieder “Ich verkaufe Melodien, Melodien, Melodien!”, während die Leute Schein um Schein in seinen zerbeulten Hut stopfen.

“Geil, jetzt können wir sogar Obst kaufen”, freut sich Thomas und tätschelt seine pralle Tasche.
“Obst ist nicht real”, sag ich.
Am Supermarkt stehen wir verschlossenen Türen. Einige Rentner fahren in stoischer Ruhe mit ihren Rollatoren immer und immer wieder gegen die Eingangstür. Überhaupt bietet das Einkaufszentrum im Hauptbahnhof ein trauriges Bild. Wie hungrige Tiere schleichen ineinander verkeilte Pärchen von Schaufenster zu Schaufenster, so als wollten sie es Rilkes Panther gleichtun. Ab und zu zeigen sie auf Hosen und Jacken und seufzen dann leise, wenn ihnen die Macht des Feiertags wieder bewusst wird.
Thomas steht versteinert vorm Supermarkt. Fassungslos tätschelt er an seiner Geldtasche herum.
“Da hast du’s”, sage ich, “Die Sinnlosigkeit des Geldes. Mit dem Kugelschreiber hätten wir uns immerhin noch etwas jagen können.”
“Ich dachte ich kaufe jetzt einfach für 100 Euro hier ein”, seufzt Thomas, “Ganz viel Zeug aus der Werbung. Weil ich’s mir verdient habe.”
“Das geht so schnell mit dem Geld. Erst haste keins, dann haste zuviel.”
“Schrecklich ist das.”
“Und denkt jetzt bloß nicht an die Inflation. Rein technisch gesehen wird das Geld in deiner Tasche da sogar gerade immer mehr.”
Angewidert wendet sich Thomas auf und schlägt auf seine Jackentasche. In diesem Moment gibt die Naht nach, zahllose Münzen prasseln auf den Boden und rollen durch die Einkaufspassage. Sofort springen die Leute den Münzen hinterher und stopfen sich das Kleingeld in die eigenen Taschen.
“Manche Dinge erledigen sich ganz von alleine”, sage ich.
“Das ist eben dieses Postmoderne. Sogar das Schlechte will man besitzen, hauptsache Eigentum.”
“Wusstest du, dass die höchste Selbstmordrate weltweit bei angehenden BWL-Studenten kurz nach Ende ihres Wachstums auftritt?”
“Nachvollziehbar.”

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