
Foto von das_sabrinchen
Samstag, 17 Uhr. Wir stehen auf dem Marktplatz. Thomas sieht unruhig aus und knetet seine Hände.
„Ich möchte dir jetzt mein Geheimnis verraten.“
„Worum geht’s?“, frage ich.
„Schau dich mal um, was siehst du?“
Der Marktplatz ist leer. Hier und da liest jemand im Licht der Schaufenster eine dicke Tageszeitung. Ein paar letzte Besorgungen für das Wochenende werden gemacht.
„Nichts Besonderes“, sage ich, „Der Markt halt. Hey, können wir kurz in den Buchladen gehen?“
„Schau genauer hin!“, insistiert Thomas und reicht mir einen Flachmann .
Ich nehme einen Schluck. Mein Sichtfeld beginnt zu flackern, helles Licht blitzt auf.
„Wow, Weltunglück geistert durch den Nachmittag“, sage ich, ein wenig Georg Trakl zitierend.
„Du musst dich frei machen von all den intellektuellen Assoziationen. Hier, nimm‘ noch‘n Schluck!“
Und plötzlich wird es anders. Alles beginnt zu verschwimmen. Ich höre Gekreische, klimperndes Geschirr und Prosit-Rufe. Die Luft ist schwanger von fettigen Düften und überall quälende Melodien.
Ich öffne die Augen. Wir stehen inmitten eines Labyrinths als Holzbuden, aus den kleinen Schornsteinen dampft es. Tausende Menschen drängen sich durch die schmalen Gassen oder harren an wackligen Stehtischen in der Kälte, wo sie rotes, dampfendes Gebräu aus eigenartig verzierten Bechern trinken. Sie rempeln, sie lallen, sie kaufen so genannte ‚erzgebirgsche Schnitzkunst‘.
„Ja“, nickt Thomas, als er meine Fassungslosigkeit bemerkt hat, „Ich sehe doofe Menschen!“
„Aber das ist doch nicht echt!“, rufe ich, „So etwas gibt es nicht!“
„Sie laufen durch die Gegend wie normale Menschen. Die sehen nur, was sie sehen wollen!“
„Wie oft siehst du sie?“
„Die ganze Zeit! Jedes Jahr von November bis Dezember! Sie sind überall!“
Langsam schieben wir uns durch die Massen. Thomas wimmert leise. Hin und wieder versucht eine angetrunkene Mittvierzigerin mir einen Klaps auf den Hintern zu geben.
„Sei vorsichtig“, sagt Thomas, „Der rote Trank verstärkt ihre Doofheit!“
Das Warenangebot der Holzbuden scheint sich alle fünf Meter zu wiederholen.
„Glühwein, Kreppelchen, Schnitzkunst und ein Karussell. Das zieht sie hierher“, erklärt Thomas.
„Isländischer Rentierspieß, Finnische Lachshappen, Norwegische Weihnachtswurst“, lese ich laut von den Schildern der Holzbuden.
„Je nördlicher der Name klingt, desto besser. Damit huldigen sie ihrem imaginären Anführer, einem dicken Mann, der der Legende nach am Nordpol leben soll und Geschenke bringt.“
„Der Weihnachtsmann?“, frage ich.
„Ja! Woher weißt du das? Kennst du das Märchen?“
„Meine Eltern haben mir davon erzählt“, sage ich, „Einmal, als uns an einem langen und fröhlichen Rezitationsabend im Winter keine Gedichte des Sturm und Drangs mehr einfielen.“
„Das hier nennen sie Weihnachtsmarkt. Kein logischer Bezug zur Legende, aber das stört sie nicht.“
Wir kommen an einen extra abgetrennten Bereich inmitten des Marktes.
„Mittelalterlicher Weihnachtsmarkt“, lese ich vor, „Das ergibt doch gar keinen Sinn!“
„Eben! Das ist der Kern des Marktes. Nur hier sind sie verwundbar!“
„Was hat das Mittelalter mit Weihnachtsmarkt zu tun?“, rufe ich, „Das Mittelalter war eine unheimlich grausame Zeit, in der man euch Vögel als Allererste verbrannt hätte!“
„Ja!“, schreit Thomas, „Hinterfrag es, nur so kannst du sie bezwingen!“
„Und was bitte ist weihnachtlich an euren zerlumpten Kostümen? Euer Glühwein kommt auch nur aus einem Tetra-Pack! Ihr versucht doch nur, eure handwerkliche Unfähigkeit unter dem Deckmantel des Mittelalters zu legitimieren. Auf einem echten Markt wärt ihr doch die größten Verlierer!“
Plötzlich wird es still. Die Buden sind verschwunden, das trinkende Volk mit ihnen. Thomas grinst.
„Wow“, sage ich, „Das war gruselig.“
„Für mich endet es nie“, sagt Thomas und zuckt, als ihm eine unsichtbare Frau auf den Hintern haut, „Aber du kannst dich schützen.“
„Wie denn?“
„Bleib kritisch und verkläre keine geschichtlichen Fakten. Und halt dich von Menschen in violetten Moonboots fern. Das sind die Schlimmsten!“