# Michail Bulgakow: Der Meister und Margarita

Als Berlioz, seines Zeichens Vorsitzender der Literaturver-einigung MASSOLIT, gemeinsam mit seinem Kollegen Besdommy, einem nicht allzu begabten Dichter, in einem Garten Moskaus der 1920/30er Jahre eine Auftragsarbeit bespricht, mischt sich kurzerhand ein Unbekannter in ihr Gespräch. Dieser gibt sich als auslän-discher Artist und Professor für schwarze Magie zu erkennen und beginnt, den beiden Literaten eine etwas andere Version der Jesusgeschichte zu erzählen, sowie Berlioz kurzer-hand seinen Tod vorraus zu sagen, der kurze Zeit später auch tatsächlich eintritt. Besdommy gerät daraufhin völlig außer sich und landet in der Psychiatrie, redet wirres Zeug und sieht sich fortan allein solchen gegenüber, die ihn als Verrückten betrachten. Dort trifft er bald auf den Meister, einem gescheiterten Schriftsteller, der einen Roman über Pontius Pilatus und die Jesusgeschichte, ganz wie der Unbekannte sie rezitiert hatte, geschrieben, aber nichts als Verachtung dafür erfahren hatte und letztlich auch in der Psychiatrie landete.

Der Unbekannte, auf dessen Visitenkarte Besdommy nur den Anfangsbuchstaben “V” erkennen konnte, in Gänze aber bald in seiner Rolle als Teufel Voland genannt, verfrachtet unterdessen Lichodejew, den Direktor des Moskauer Varietétheaters, auf mysteriöse Art und Weise nach Jalta, nicht jedoch ohne sich vorher von ihm einige Auftritte im Theater arrangieren zu lassen. Da Lichodejew fürs Erste auf dem Weg ist, zieht Voland samt seinem Gefolge, einem übergroßen schwarzen Kater namens Behemoth, Volands Diener Korowjew, bzw. Fagott, ein womöglich ehemaliger Kantor, der sich aber auch als Dolmetscher ausgibt, seinem Handlanger Asasello und dem Hausmädchen Abadonna, in dessen Wohnung ein. Fortan sind Voland und seine Begleiter für alle möglichen Unheimlichkeiten in Moskau zuständig, so geben sie bspw. ein Vorstellung in schwarzer Magie im Varietétheater, von der noch ewig gesprochen wird, sie bringen falsches Geld unter die Leute oder lassen hin und wieder jemanden verschwinden.

Bald jedoch machen sie Margarita ausfindig. Sie ist die frühere Geliebte des Meisters, der auf Grund seines Romans verhaftet worden war und weiß seitdem nicht, wo er sich aufhält. Voland und seine Leute laden Margarita ein, ihr bei einer Sache behilflich zu sein, für die nur sie allein geeignet sei und auch reich entlohnt werden soll und Margarita willigt ein, mehr soll vom Inhalt an dieser Stelle nicht verraten sein.

Ich glaube, über dieses Buch könnten ganze Arbeiten geschrieben werden, erst weil es schon schwierig genug ist, die gesamte Handlung zusammenzutragen, insbesondere da mindestens zwei, eher drei Geschichte, miteinander verworben werden, zweitens, weil es enorm viel zu interpretieren gibt. Darum sei hier darauf hingewiesen, dass alles Folgende keinesfalls Anspruch auf Vollständigkeit oder Wahrheit hat.

Als ich in Paris war und gerade Der Meister und Margarita von Michael Bulgakow las, dachte ich, ich würde eine Weile brauchen, um mich durch die 500 Seiten Kleingedrucktes zu arbeiten. Aber ganz im Gegenteil, abseits der anfänglichen Verwirrung, da auf den ersten einhundert Seiten so ziemlich alle Personen des Buches mit ihren jeweils eigenen Geschichten eingeführt und bereits damit begonnen wird, die verschiedenen Erzählstränge des Buches mit einander zu verweben, fand ich das Buch gleich von Anfang an wunderbar zu lesen. Voland und sein Gefolge sind so großartig grotesk und lustig, dass man sie von Beginn an toll finden muss, auch wenn auf ihr Konto eine Menge Ärger und ein paar Tote gehen.

Das überbürokratische Moskau erhält also Besuch vom Teufel höchstpersönlich und wird gehörig aufgemischt. Je weiter man im Buch voran kommt, desto mehr wirken Teufel und Kumpanen jedoch nicht nur wie jene, die da sind, um Verwirrung zu stiften, sondern auch, um mindestens zwei quasi-gescheiterten Existenzen zu helfen. Es ist schwer, viel über die Tiefe des Romans zu sagen, ohne etwas vom Inhalt zu verraten, aber es ist schön zu lesen, wie die Figur des Teufels Voland nicht nur als Unheils- sondern auch als Glücksbringer verwendet wird, wie verzweifelt die ordnungsbewussten Moskauer mit der chaotischen Bande umzugehen versuchen und wie Meister und Margarita wieder zu einander finden dürfen.

Ich würde nicht so weit gehen wie das amerikanische Mädchen in einem Gibert-Jeune-Laden, das ihren Begleiter beim Anblick dieser schönen Ausgabe immer und immer wieder darauf hinweisen musste, Der Meister und Margarita sei “the best, the best book I probably ever read!”, dafür fehlt mir wahrscheinlich das Gespür für die Stimmung eines Moskaus vergangener Zeiten, aber nichtsdestotrotz gehört das Buch zu den/meinen sehr guten.

Der Meister und Margarita
Sammlung Luchterhand, 512 Seiten
ISBN: 3630620930

# Aphorismus des Tages [192]

In der Pariser Rue de l’Odeon erinnert keine einzige Plakette an den früheren Wohnort Emil Ciorans. Ob bloßes Versäumnis oder nicht, vielleicht gibt es dem Schlaflosen jene Ruhe, die er nachts nie hatte finden können. Denn die lästigste Form der Eitelkeit wäre die von außen angetragene.

# Open Flair 2010

Noch alles ruhig am Donnerstag

Grossstadtflüster auf der Seebühne

Menschen warten

Licht!

Auftritt Jan Delay. Nicht im Bild: Jan Delay

The Hives waren auch da

Streetlight Manifesto war das, glaube ich

Against Me! samt Manager

Herrlich: Against Me!


Direkttouch

War geil.

# Michel Houellebecq: Plattform

Der Mord an seinem Vater beschert Michel eine ungewohnt große Summe Geld, mit der er womöglich bis an sein Lebens-ende auskommen könnte, nur ist es nicht das Geld, das ihm fehlt. Michel lebt nahezu isoliert in Paris, seiner Ansicht nach genau so, wie es viele der modernen Menschen tun, gefangen zwi-schen Arbeit, Schlaf und Nahrungsaufnahme verläuft sein Leben relativ langweilig. Er gönnt sich eine teure Rundreise durch Thailand, besucht oft die Massagesalons, die gleichzeitig als eine Art Bordell fungieren und reibt sich größtenteils an den verschrobenen Einstellungen und Eigenheiten seiner Mitreisenden.

Mehr und mehr festigt sich in ihm die Ansicht, dass der normale westliche Mann, und damit auch er selbst, bei der modernen westlichen Frau keine Chance mehr hat. Sie jagen beruflich erfolgreichen, aufmerksamen, romantischen, etc. Traummännern hinterher, also einem Wunschbild, das der Stino-Mann nie und nimmer zu erfüllen vermag. Nichtsdestotrotz hat er auf der Rundreise Kontakt zu Valérie geknüpft, einer erfolgreichen und schönen Frau, die in Paris in hohem Posten in der Tourismusbranche arbeitet.

Sie kommen zusammen, wohnen bald in einer gemeinsamen Wohnung und sehen beide das Problem, das manchmal erst weite Strecken zurück gelegt werden müssen, um Mann und Frau sexuell das bieten zu können, wonach sie in ihrer Heimat vergeblich suchen. Als Valérie und ihrem Chef Jean-Ives dann leitende Stellen beim größten Tourismuskonzern Frankreichs angeboten werden, gepaart mit der Aufgabe, eine wenig florierende Hotelkette zu sanieren, kommen die drei auf die Idee, ein neues Geschäftsmodell zu erfinden.

Mit Plattform habe ich nun auch den letzten von Houellebecqs Romanen gelesen, erst Ausweitung der Kampfzone, dann Elementarteilchen und zuletzt Die Möglichkeit einer Insel. Ab jetzt heißt es also warten auf den nächstens und bis dahin den Blick auf die Essays, pardon, Interventionen schweifen lassen, denen im Oktober mit Ich habe einen Traum übrigens ein zweiter Teil folgen wird.

Im Gegensatz zu “Die Möglichkeit einer Insel”, wo ich erst eine Weile brauchte, um mich in das Buch einzulesen und es im Endeffekt dann nichtsdestotrotz sehr gut zu finden, lässt einen Plattform von Anfang an nicht mehr los. Das ganze Buch ist durchzogen mit Gedanken des Protagonisten Michel und Erklärungen zu allen möglichen Dingen, zur Gesellschaft, zur Philosophie, Tourismus und der Beziehung zwischen Mann und Frau und vermengt das Innerste des Protagonisten mit Geschehnissen, wie sie genau in jetziger Zeit passieren. Natürlich wird es da, wenn man das so sagen kann, Houellebecq-typisch ein wenig subjektiv und teilweise so, dass sich mancher sicher an den Äußerungen reiben möchte, aber gerade dadurch, dass im Buch immer bewusst Stellung bezogen und diese auch gnadenlos vertreten wird, fühlt man sich den Figuren schnell sehr nahe und durchlebt mit ihnen, ganz egal ob man ihre Einstellungen nun teilt oder nicht, ihre Geschichte. Ebenso braucht man bei Houellebecq nicht zu erwarten, dass er sonderlich harmlos mit den Menschen allgemein ins Gericht geht, im Gegenteil, wie schon in seinen anderen Büchern, ist auch Plattform eine subtile Abrechnung mit der Gesellschaft Frankreichs und Europas, den Menschen überhaupt, in diesem Fall besonders bezogen auf das Finden eines geeigneten Lebenspartners und Tourismus in all seinen Formen.

Gleichsam wie hart Themen wie Islamismus, Nationalitäten und den zugehörigen Typen umgegangen wird und wie ausgiebig es um Sex geht, muss die immerwährende Melancholie erwähnt werden, die fast das ganze Buch durchzieht. Irgendwo zwischen Resignation und steter Trauer wandeln die Figuren Houellebecqs dahin, finden zu einander, gehen auseinander, im besten Beckettschen Sinn scheitern sie und beginnen immmer wieder neu, nur um nochmals und immerfort zu scheitern. Das macht Houellebecqs Bücher nicht unbedingt zu besten Selbstheilungs- und Selbstfindungsbücher, obgleich man nie umhin kommt, sich nicht trotzdem darin wieder zu finden, bzw. wenigstens so vieles um sich herum, denn man selbst will sich ja, genau wie es seine Figuren immer bis zu einem bestimmten Punkt versuchen, nicht so sehen, wie man die Anderen sieht, deshalb sind sie ja die Anderen. Fällt diese Trennung erst einmal weg, ist man nichts Besonderes mehr, aber hat die Chance, mit dem einmal klaren Blick eben genau dieser Stino-Mentalität zu entfliehen. Den Figuren in Plattform gelingt dies genau so, wie es ihnen gleichsam nicht gelingt und gelingen kann, das macht das Buch so kurzweilig und gleichzeitig tiefgründig. Ich hab’s genossen.

Michel Houellebecq: Plattform
rororo, 352 Seiten
ISBN: 3499233959

# back and back again

Das Wasser drückt sich aus den Kanälen und fließt in dicken Zöpfen die Rue de Martyrs hinab Richtung Sexodrome. Gerade geht die Sonne auf, die Müllmänner schwitzen mit Kippenstummeln im Mund und haben immer ein nettes Wort für die Mütterchen, die schon so früh im Waschsalon ihre Kleider falten. Um diese Uhrzeit steht noch niemand in Barbès und rattert in atemberaubender Geschwindigkeit wieder und wieder “Marlboro, Pall Mall, Pall Mall, Marlboro” herunter, nur die Hütchenspieler machen bis zuletzt einen guten Schnitt mit den nachhausetorkelnden Touristen. Im Bus nach Tocadero klimpern schon die Miniatureiffeltürme, im Marais stimmen ein paar Metalasiaten ihre Jackson-Gitarren vorm Centre Pompidou und ersetzen in ihren Verstärkern die Batterien vom Vortag.

In ein paar Stunden wird sich genau über diese paar Flecken Stadt eine Geräuschkulisse legen, die ihresgleichen sucht, die deutsche Großstädte in späterem Vergleich sehr ruhig erscheinen lassen wird, im guten wie im nicht so guten, im anderen Sinne. Später erkennt man sie schnell, die Deutschen, wie sie im Zug nach Leipzig, kurz nachdem sie eingestiegen sind, wütend ihren Koffer durch den Waggon zerren, weil niemand ihnen einen Platz freigehalten hat. Es gibt keine schlechtere oder bessere Mentalität, denke ich, nur mehr oder weniger hausgemachte Probleme. Aber eine eigene Toilette, mit einer Tür, die nicht mehrere Zentimeter weit aufsteht, selbst, wenn sie geschlossen ist, hat Vorteile.

Hier ist meine Wohnung so groß wie vier bis fünf Pariser Studentenzimmer, das Bier vergleichsweise billig, der Eistee hingegen ganz schön teuer. Nur wozu vergleichen, wenn man genau den Leuten bei Goodbye Deutschland immer vorwirft, eben dass sie ein Deutschland im Ausland zu suchen scheinen. Es ist wunderschön in Paris, denke ich, Punkt.

Und in der Straßenbahn sitzen zwei junge Typen mit Bobschnitt und Pornobrille, sie rappen so laut und unbeholfen sie können K.I.Z.-Songs und schwingen dabei Becks-Ice-Flaschen. Vielleicht seid gerade ihr die Opfer, die sie immerzu besingen, will ich sagen und verkneife es mir. Dann, an der Haltestelle, ist es angenehm ruhig und mein schmerzendes Ohr beginnt, sich zu entspannen. Hoffen wir, dass sich dieses Gefühl noch ein paar Tage lang hält.

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