Digitaler Masochismus: sich so weit wie möglich mit Anderen vernetzen, um sich im Anschluss regelmäßig automatisch vom ihrem statusaktualisierten Fortschreiten entmutigen zu lassen.
# Clemens Meyer: Gewalten
Eine durchsoffene Nacht endet in der Psychiatrie, ein Freund stirbt viel zu jung und elend, das Glück des Großvaters wird in einem Hannoveraner Casino gesucht, “die Zahlen sind das gefährlichste aller Gifte”, am Wochenende herrscht inner-städtischer Ausnahmezustand, genannt Ortsderby zwischen Lok und Chemie.
Hab ich es nun endlich einmal geschafft. Das schöne, gebundene Exemplar, dessen Titel ein Meer aus kleinen Sternen ziert, die allesamt die Aufschrift “AUA” tragen, war schon lange ausgelesen und stand ruhig im Regal. Auf Jens’ Seite gab es schon vor Monaten eine kleine Rezension, jetzt folge auch endlich ich und mit etwas Glück habe ich sogar etwas beizusteuern.
In Gewalten, seinem dritten Buch, schreibt Clemens Meyer für den groben Zeitraum eines Jahres über sich und alles, was um ihn herum passiert, verbindet und vernetzt es miteinander, bis am Ende elf Texten dabei heraus kommen, die alle in irgendeiner Weise von Extremen handeln, eben von Gewalten. Nachdem ich begonnen hatte, das Buch zu lesen, wurde mir schnell klar, warum Meyers früheres FAZ-Blog mit einem Mal so sang- und klanglos versiegte, kommt einem doch schon die erste Geschichte, in der der Protagonist eine Nacht lang festgeschnallt auf einer Liege in der Psychiatrie zu verbringen hat, sehr bekannt vor, wenn sie auch deutlich umgeschrieben wurde.
Wie zu erwarten sind die Texte verdammt gut und spielen teilweise so ausgezeichnet mit Realität und Fiktion, dass es einem am Ende vollkommen egal ist, was jetzt nun eigentlich wahr und was falsch sein sollte, weil schon das Spiel damit ausreicht, zu beeindrucken. Dass es mir persönlich dabei manchmal schon etwas zu surreal wird, ist nur mein Geschmack, richtig genossen habe ich hingegen die Geschichten über die Stadt M, den Casinobesuch in Hannover, die Pferdewetten und das Ortsderby. Wer weiß, ob es daran lag, wie Jens gemutmaßt hat, Erwartungen bedienen zu wollen, dass auch große politische Themen wie z.B. die Gefangenencamps von Guantanamo und der Amoklauf von Winnenden mit eingeflochten werden, fest steht für mich dabei nur, dass sie längst nicht so gut funktionieren und ausstaffiert sind, wie all jene Dinge, bei denen einen direkteren Bezug Meyers erspüren kann und man so auch gern hätte darauf verzichten können. Wirklich komisch finde ich allein, dass sich auch Meyer an, wie soll ich es nennen, einer jugendsprachlichen Episode versucht hat, jener über das Computerspiel “German Amok”, wie es bspw. auch schon Daniel Kehlmann in seinem neunteiligen Roman “Ruhm” probiert hat und grandios dabei scheiterte, als er in einem Teil des Romans versuchte, in Internetsprache zu schreiben. Das wird all jene freuen, die absolut keinen Bezug dazu haben, das Feuilleton und die Verleger, die nicht verstehen, was ihre Kinder da am Computer machen, die werden es frisch, peppig und echt finden, aber so bleiben nur ein paar gerittene Klischees.
Davon abgesehen ist Gewalten ein starkes Buch, das von Verlust, dem ganz normalen Leben und dem Exzess so zu berichten weiß, wie man es von Clemens Meyer gewohnt ist, absolut gekonnt geschrieben, nur thematisch nicht allzu weit entfernt von den beiden Vorgängern. Ich bin gespannt auf das nächste Buch.
Clemens Meyer: Gewalten
Fischer, 223 Seiten
ISBN: 310048603X
# our darkened threatening streets

Bild von sykerabbit77
Nachts versiegt unser Heizungsguthaben mit einem leisen Klicken und während alle schlafen, kriecht die Kälte leise vom Hof zu uns ins Haus. Am Morgen haben wir Eisblumen an den Fenstern, eine Sache, die einem in England niemand abnimmt. Am Kühlschrank hat John einen Zettel aufgehangen mit der Bitte, wir sollen darauf eintragen, wann wir wie viele Pfund auf die Gaskarte geladen haben, sodass immer erkenntlich würde, wer als Nächstes an der Reihe wäre. Momentan führe ich mit vierzig Pfund, aber das stört niemanden, es wird noch ein paar Morgen lang Eisblumen geben und ich nehme mir vor, mich ab heute wieder daran zu gewöhnen, in meiner Daunenjacke zu schlafen.
Es ist jetzt Januar und der unverhältnismäßig harte Winter lässt die Insel vom Weltall aus wie weißes Schimmelgeflecht aussehen. Bei Tesco sieht man Henry, den Inder an der Selbstbedienungskasse, der irgendwie so eine Art Freund geworden ist, nur noch mit Handschuhen und Pudelmütze. Als ich ihm erzählte, dass es in Deutschland sicher noch zehn Grad kälter ist, hat er die Hände so über dem Kopf zusammen geschlagen, wie sie es nur in alten Schwarz-Weiß-Filmen noch tun.
In der wöchentlichen Bezirkszeitung habe ich gelesen, dass es Theorien gibt, die die Angesagtheit von Stadtvierteln anhand der Anzahl von Friseuren bestimmen. In unserer main street, unten der an der Ecke, wo man sich entscheiden muss, rein in die Stadt oder raus in die bitteren Vororte, gibt es nur einen kleinen Friseurladen, ein alter Mann betreibt ihn mit seiner Frau, es ist nicht sehr angesagt hier. Statt Friseur reiht sich hier Buchmacher an Buchmacher. Es gibt die vier großen: Coral, William Hill, Ladbrokes und ToteSport, dazu jeweils noch unzählige Tocherfirmen und kleinere private. Ausschließlich Männer sitzen in den grell beleuchteten Läden vor großen Fernsehern, studieren Zahlen in monochromen Heften, benutzen Bleistifte und sagen wenig zu einander. Man kann hier auf alles wetten, sagt Henry, sogar auf die Scheiße, in die man vorm Tesco tritt, aber so richtig reich würden doch nur die bookies.
Wenn ich morgens am Schreibtisch sitze und durch die kahlen Äste des Baumes im Hof schaue, kann ich manchmal die orientalischen Nachbarskinder sehen, wie sie bibbernd neben ihrem orientalischen Vater stehen, der die letzte Zigarette vor der Schicht raucht. Die Kinder formen große Os mit ihren Mündern, drücken sich Zeige- und Mittelfinger an den Mund und lassen ihre Atemluft als kleine Wölkchen aufsteigen. Bevor sie von der Schule nach Hause kommen, mache ich meist meinen Spaziergang. Ich gehe hoch zum Fitness-Center und durch den Birchfields Park und von dort über die Schienen Richtung Chorlton, wo ich noch nie war, obwohl es dort viele Friseure geben soll.
Wir haben jetzt eine dicke Kette an der Tür, John hat sie vom landlord anbringen lassen, weil es ab und zu Probleme vor den Läden der bookies gibt. Schlägereien wegen Schulden oder einfach so, weil irgendein Pferd, irgendein Hund nicht so wollte, wie die odds es voraus sagten. Aber es gibt kein Blut auf den Straßen, dafür sind die cleaning guys hier zu gründlich und so früh unterwegs, dass es niemandem auffällt. Manchmal schlägt nachts jemand an unsere Tür, das Hämmern lässt mich hochfahren, mein Herz rast dann und ich hoffe, dass John, der immer als Letzter nach Hause kommt, die Alarmanlage angeschaltet hat, das tut er immer. Einmal war es Eric, der seinen Schlüssel vergessen, dafür aber einige Pints intus hatte. Nur wenn morgens die Mülltonne umliegt, dann weiß ich, dass es nicht Eric war.
# I’m lost to where we are
musiktechnisch bin ich ein einzeller. ich bewege mich durch eine mildwarme playlist-ursuppe, in der mir alles bekannt ist und sich selten wenig ändert. meine musikalischen entdeckungen belaufen sich auf empfehlungen von freunden, bekannten und ein paar winzige fetzen, über die ich selbst gestolpert bin. da man mir schon eine menge empfohlen hat, bin ich wenigstens nicht gänzlich ungebildet, stehe aber trotzdem viel zu oft ahnungslos dabei, wenn es um bands und songs geht. das einzig beruhigende dabei ist, dass nicht nur ich vieles nicht zu kennen scheine, sondern meine vorgebrachten bands im endeffekt auch niemand kennt. und obgleich ich in jede richtung musik in gewisser weise formbar bin, hat sich alles auf irgendetwas zwischen post rock, punk und hardcore und metal eingependelt. so oszillieren die listen je nach stimmung zwischen den extremen, ab jetzt auch mit awitn. schön.
# gut genug
Nachts liege ich in meinem katalogechten Hotelzimmer. Alles hier ist Eiche massiv, der Boden der Rezeption ist aus hellem Marmor oder etwas, das man dafür halten soll (Sterne: 3), die Dame hinter der Theke ist sehr nett. Rechts von mir, hinter der nicht allzu dicken Wand (ich kann jemanden schnarchen hören), liegt die JVA, in der kein Licht mehr brennt, dick umrandet mit Stacheldrahtspiralen und Überwachungskameras. Ich habe die Vorhänge zugezogen, denn meine Badtür schließt nicht. Und obwohl ich im zweiten Stock bin, mir gegenüber nichts als Die neue Kirche sonstwas samt Friedhof liegt und ich es wirkilch versucht habe, war mir die Benutzung der Toilette erst geheuer, nachdem die Vorhänge ihr Blumenmuster zeigten (das Wissen um die Kameras vermutlich oder der übliche Spleen). Es ist ganz still, nicht einmal der Fernseher läuft, obwohl ich jede Gelegenheit zum Fernsehen nutze, seit man mir zu Hause den Anschluss abgestellt hat. Aber ich mag diese Stille, die Langsamkeit suggeriert, so als ließe man ein auf Hochtouren beschleunigtes Auto einfach langsam ausrollen, den Fuß weg vom Gas, bis es von ganz von allein anhält und irgendwann ausgeht. Und so verschwindet die gute Laune und hinterlässt jene Leere in meinem Kopf, die das Knacken des Eiche-Massiv-Schrankes zwischen meinen Ohren widerhallen lassen wird. Die frische Bettwäsche riecht gut, bis ich den bereitgestellten Aschenbecher entdecke. Am Morgen wird mein Brustkorb wieder schmerzen, wie er es immer tut, wenn ich in verrauchten Zimmern schlafe. Und morgens wird mir der Fernseher auch wieder gut genug sein.










