Kleister-John

10. August 2007, Allzumenschlich

 

John hat einen lustigen Namen.
Globalisierungstechnisch ganz weit vorn. Er könnte ihn englisch aussprechen, Dschonn, oder amerikanisch, Dschaaahn, aber er besteht darauf, dass man ihn deutsch ausspricht.
"Klingt mir zu italienisch!", meint er und grinst, "Molto bene!"

Manchmal sitzt er, an einer Bratwurst knabbernd, vorm Supermarkt und feuert reihenweise Weisheiten in die Welt hinaus:
"Ist doch alles Scheiße mit der SDP, mit der SCU, mit der ganzen scheiß SPDCU!"

"Hält doch kein Schwein auf Dauer aus, was die Anzugaffen da ausklamüsern!"

"Dass die auch überhaupt keinen Durchblick haben, die Affen!"

Seine abgewetzten Nikes pellen sich wie seine braungelbe Haut in breiten Fetzen. DieTrainingshose steckt in dicken Wollsocken, sein Gesicht ist verlebt und vom dichten Bart fast völlig verhüllt. Neben sich hat er zwei, drei Flaschen abgefülltes Glück stehen.

Er versteht sich gut mit dem Wurstverkäufer.
"Na, John, schon wieder im Kleister?"
"Alles im Kleister, Meister!"

Ich bringe ihm gern ein Bier mit, wenn er danach fragt.
"Feine Geste, feine Geste!"
Wir kennen uns und lernen uns jedes Mal neu kennen.
Weshalb wir uns nie verabschieden.

 

Flickr: Scott Foy: Belltrees Sunset
Foto von Scott Foy

„Du hast dich gar nicht verändert.“, hatte das Mädchen gesagt, von dem er so eine zarte Erinnerung gehabt hatte. Weiße Haut, dünne Finger mit pfirsichfarbenem Nagellack und Haare, denen der eigene Duft als das schönste Parfum schon genügt hatte.

Aber das war vorbei. Der praktische Kurzhaarschnitt im typischen Stil der Ü30iger hatte buchstäblich kein gutes Haar an ihr gelassen. Wahrscheinlich hatten sich die Krähenfüße um ihre Augen just in dem Augenblick in die Haut gefräst, da die Idee zur Dauerwelle ihre Haut gelblich hatte werden lassen.

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Wenn einem erst einmal die Welt entzwei gebrochen ist und man  jahrelang vor dem Splittern gesessen hat in der Hoffnung, man könnte das Bild wieder zu einem funkelnden Ganzen frührer Tage zusammen setzen, so ist die letztendliche Gewissheit, dass es nicht verfangen wird, doch nur ein Tropfen Öl in längst hoch lodernde Flammen.
Das Schlimmste am Scheitern ist dessen so enge Verwandschaft mit der Resignation.

 

Manchmal kommt es vorbei, setzt sich in meinen Kopf und starrt aus meinen Augen, dieses Mitleid mit all den Tageszeitungen. Beim Aufschlagen der ersten Seiten schon schweben die Seufzer unter dem Papier hervor. Rascheln ein wenig. Aber viel zu leise, als dass sie irgendjemanden schon aus der schlaftrunkenen Kaffeelaune reißen könnten. Wo ist eigentlich die verdammte Wurst? Wieder tropft Blut auf den Schoß und Kotze von denen, die daneben standen, als der Photograph die Bilder von all den zerfetzten Leuten und den vergwaltigten Kindern schoss. 20.000 Dollar zahlen dafür die Hochglanzmagazine. Tod ist trendy, seit jeher.

Wie ich schwimme und untergehe, umblättere und alles einfach wegschiebe. Geh doch zurück nach was weiß ich wohin. Untergebuttert von unserem Leserreporter Bernd Bumskopp. Rein physisch. Von einem, der selbst in toten Augen noch einen geilen Geldschein sehen kann. Das Kamerahandy immer griffbereit am ledernen Gürtel, über den der mettwurstgefütterte Wohlstandsranzen hinweg wabert. Bernd, oh Bernd, Bernd, ja ja. Profi und Amateur unterscheidet nur die Qualität des Ekels.

 

In eine andere Stadt zu ziehen, heißt einmal mehr die große Option zugesprochen zu bekommen, sein ganzes gesellschaftliches Leben von Grund auf neu zu gestalten. Plötzlich hat man die Chance, endlich so zu werden, wie man es immer sein wollte, endlich als das wahrgenommen zu werden, was man wirklich zu sein glaubt. Man ist ein unbeschriebenes Blatt und gleichzeitig derjenige, der es beschreiben darf. Es ist, als würde sich die soziale Weste während des Umzugs auf wundersame Weise selbst weißen. Nun liegt sie vor einem. Was man tun muss ist nichts Anderes zu tun als sie anzuziehen und vor die Tür zu gehen. Alles fällt von einem ab und schafft dabei kleine Anlegeplätze für längst verloren geglaubte Zustände wie Abenteuer oder Aufregung. Die aufkeimende Chance, sich in einem der Freundschaftsbiotope inmitten des dynamischen Kessels der anonymen Großstadt einzunisten, schmeckt süß und macht ein wenig high.

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