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Es ist ein verfrühter Sommertag, der nur auf dem Kalender noch zum verspäteten Frühling gehört. In der Straßenbahn ist es heiß, die Fenster sind kreisrund beschlagen und schwer atmend überlege ich, welche der Mitfahrenden ohne Weiteres dazu fähig wären, jemandem sämtliche Knochen zu brechen und welche von ihnen es schaffen könnten, jemanden psychisch zerbrechen zu lassen.

Kurz darauf, der Blick einer alten Frau kreuzt den meinen, sie sieht müde aus. Überhaupt wirken die meisten Leute hier schwer, träge und behebig, als hätten sie bereits genug an ihren eigenen Sorgen, noch dazu der Hitze zu schleppen. Ein junges Mädchen sieht mich giftig an, sodass ich augenblicklich wegschaue, als hätte ich mich an ihren Augen verbrannt. Nicht weit von mir sitzt ein bulliger Typ mit zu einer Insel geschorenen Haaren und rasierten Beinen. Er trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift “Die Jung’s fürs Grobe”, unterlegt mit einem Bild, das zeigt, wie jemand einem anderen einen Stuhl auf den gekrümmten Rücken drischt. Er schaut mit leeren Augen aus dem Fenster, als würde er nicht überlegen, sondern einfach nur Aufnahmen seiner Umwelt konsumieren. Eine Weile muss ich überlegen, dann aber glaube ich es ihm.

Ich muss weg. So wie die Stadt im Sommer überquillt und die Straßen mit Leuten nur so überladen sind, bricht es aus mir heraus. Ich muss weg. Irgendwohin. Die schweißgeschwängerte Luft, der Drang aller, jetzt etwas erleben und die Jahreszeit gut finden zu müssen, die übergroßen Sonnenbrillen, die in diesem Jahr à la mode sind, aber nur jedem Dritten stehen, die Haare und das Salz.

An der Haltestelle hockt zwischen mehreren zerschlissenen Tüten ein ausgemergelter Kerl und schaut erstaunt auf seine Handflächen. Er blickt auf sie, als hätte er sie noch nie vorher gesehen, diese Handflächen, die mit getrocknetem Blut und feinen Schnitten nur so übersät sind. Und er bemerkt nicht die Leute, die mit aufgerissenen Augen an ihm vorübergehen und wiederum ihn so anstarren, wie er seine Hände. Seine Armbeugen sind durchstochen, der Kopf sieht zermürbt und matschig aus. Er trägt eine dicke Winterjacke, dazu viel zu weite Boxershorts, die seinen gelblichen Schwanz am linken Bein herausschauen lassen. Die Winterjacke ist so vollgesogen mit Schweiß, dass sie bereits braune Ringe unter den Achseln hat. Er staunt, als wäre er gerade erst wieder zu sich gekommen. Und man glaubt es ihm, bei seinem Anblick.

Ich weiß nicht, wohin ich will. Der Terminplaner zeigt verführerische Leere für die nächste Zeit. Ich bin nicht besser, wenn ich mich gerade jetzt davon mache. Womöglich ist ein Nirgendwohin-Wollen, getrieben vom vorher ständigen Dort-Und-Dorthin-Sollen, eine Flucht ins Umgekehrte. Dann, eine Frau mit einem Gesicht, das wie eine geballte Faust aussieht, so verkrampft ist es, schlurft vorbei. Wie sie wohl in jungen Jahren aussah? Ob sie geliebt worden ist? Geliebt wird? Mit den Jahren ist sie wohl rund geworden von der Gewohnheit. Oder der Enttäuschung, was die tiefen Kerben auf ihrer Stirn erklären würde.

Drüben auf den Bahnhofsbänken fächelt man sich Luft zu. Man steht auf, wenn ein Zug einfährt, um sich von der herein gedrückten Luft überfahren zu lassen. Man trägt kurz und eng, oder wallend und weit, egal, denn alles schwitzt. Den Männern kleben die Haare an den Schläfen, in den Achseln haben sich dunkelbraune Wirbel geformt. Den Frauen glänzen die Brüste und rosten die BHs. Ein paar Punks liegen auf dem Bahnsteig, Arm in Arm mit ihrem Sterni, zwei Männer tragen einen überdimensionalen Plasmafernseher vorbei, alles blickt ihnen nach, auch die Punks. Dort, wo die Sitzgelegenheiten keine Luftschlitze haben, sammelt sich das Wasser am Damm und bildet dünne, helle Krusten in den Hosen derer, die sich trotzdem darauf nieder gelassen haben. Und ich muss mir vorstellen, wie sie schwitzen, die Brüste, wie die klebrigen Haare auf den nassen Häuten liegen, das ganze Gestöhne, das Auf und Ab und die Erschöpfung danach, dazu der Geruch, der mit der Zeit reift wie ranzige Milch, aber niemandem auffallen wird, weil heute alles so riecht.

Ich muss weg. Einfach nur weg. Aber wie weit kommt man mit etwas wie einer BahnCard? Wie weit kommt man noch, wenn alles längst getan zu sein scheint und immer jemand einem Erlebnis, einem Ort und einer Zeit seine Nuance verpasst hast, wenn Identität nur noch durch Abgrenzung erreicht werden kann. All das sollte überhaupt keine Rolle spielen, wenn man versucht, der geistigen Entrücktheit eine körperlich reelle folgen zu lassen. Aber genau das tut es. Man kann nicht einfach für die Dauer, die man zum Nachdenken braucht, verschwinden, genauer noch sich in Luft auflösen und nicht einmal in Luft, sondern in bloßes Nichts, ja nicht einmal in Nichts, sondern in. Nur hohl kann man sein, eine Hülle. Gerade das ist das Schwierigste: einfach nur weg zu müssen, aber kaum weg zu können.

Ich steige in den Zug. Vielleicht ist es nicht das Richtige. Aber es ist ein Anfang. Egal wohin, egal wofür. Eine Fahrkarte brauche ich nicht. Man wird in mir heute keinen Fahrgast erkennen.

1 Kommentar

  1. Sam

    3. Juni 2008

    Hier ist es auch heiß. Trotz Blitzen habe ich den Computer angelassen und er und auch ich leben noch, ausgelassen wartend.
    2 Tage sind zum Glück kein Monat.
    Mit ausgebreiteten Schwingen,
    E.T.A. Sam

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