Das bisschen Regen hatte der Umgebung wirklich gut getan. Jetzt, mit der Sonne nur hinter einem wolkenen Vorhang aus dunklem Blaugrau konnte man seit langem endlich wieder nichts als klare Luft riechen. Natürlich musste man der Straße den Rücken zudrehen und durfte nur atmen, wenn gerade kein LKW vorbeirumpelte. Aber trotzdem, die Welt war befreit. Das dicke Tuch, gewoben aus der Unfähigkeit tief ein- und auszuatmen und der anhaltenden Müdigkeit war von unbekannter Macht ganz behutsam den Vormittag über vom europäischen Kontinent gezogen und ganz weit weg im Meer vergraben worden. Es würde eine Weile dauern, ein, zwei Monate, bis man es wieder verwenden und auf die Köpfe der arbeitenden Bevölkerung legen könnte. Bis dahin müsste man es erst noch gehörig auswringen. Auch über den Menschen, versteht sich.
Es würde gut sein. Genug helle Tage, dachte T. Sie besah sich mit verklärtem Blick und verdrehten Augen ihr Profil in der Fensterscheibe vor ihrem Gesicht. Der Kopf lag unbequem auf dem und klagte unentwegt nach einer Ruhephase. Von irgendwoher hatte sich ein Lichtstrahl durch das Glas verirrt und sich auf T.s Arm gesetzt. Er zeigte die vielen, kleinen Häärchen und spielte mit ihnen im Wind, der langsam durch das angelehnte Fenster herein kam. Kühler Wind und etwas Sonne, darauf freute sie sich, wenn die vom Sommer verbrannte Haut so langsam zu bröckeln und schließlich abzufallen schien.
Darunter lag eine rosa schimmernde Haut, die erst in ein paar Tagen bereit gewesen wäre, als erste Wahl beansprucht zu werden. Ein bisschen Verrat gegenüber sich selbst, wenn sie mit den Zähnen die Haut von den Fingern riss und den paar Millilitern Blut hinterher sah, wenn sie sich in den Rillen der Finger verloren. Mit ihr entstand der Vorgarten neu.
Wenn sich die Blätter zusammenrollten, abstarben und ihre Leichen auf dem sterbenden Rasen ausbreiteten, dann starb vielleicht die Natur für dieses Jahr, doch wenigstens im ersten Monat des beginnenden Herbstes war es immer schön, dabei zu sein. Ein stiller Beobachter, der bei einem Todkranken die letzten Wochen am Krankenbett verbringt und zusieht, wie die Lippen eine glatte Haut bekommen und die Augen glasig werden. Er findet es hübsch, wie die Talgschicht auf dem blassen Gesicht puppenhaft glitzert und realisiert erst, wenn die Hände zu schwer zu heben und die Augen längst geschlossen sind, dass jedem Tod ein winziger Moment der wunderschönsten Ruhe voraus geht. Und alles nur, um sich an die Leere zu gewöhnen, die das tote Material, ob nun in der Schubkarre oder im Leichenwagen weggeschafft, hinterlassen wird.
“Nimmst du die Lampe?” hallte es vom Flur her in ihren Rücken, sodass die Stille aus ihrer Ecke verzog und aus dem Fenster sprang. “Was?” fragte T. benommen. “Nimm du die Lampe!” . F., klein, mit schmalen Schultern und verlebtem Gesicht, in ausgetragenem Sacko und ekelhaft neu aussehenden Adidas-Turnschuhen stand im Raum und balancierte zwei Kisten vor seiner Brust. T. ließ ihren Kopf auf die Tischplatte fallen. Das Poltern hallte ein wenig nach. “Ich seh’ doch das Elend.” sagte F. Er zog T.s Haare auf der alten Kirschholztischplatte gerade und versuchte sie zu einem Muster zu legen. Vor der Haustür, man konnte die erste Stufe der Treppe im Stehen durch das Fenster sehen, wartete in kleiner Transporter.
“Ich weiß doch nicht. Weißt du? Weißt du, alles um mich herum stirbt ab. Und ganz langsam spüre ich, wie zuerst meine Fingerspitzen taub werden, dann die Zunge und bestimmt auch irgendwann mein Kopf.” F. setzte sich zu ihr. Er zog eine dünne, parfumierte Zigarette aus einer Schachtel auf dem Fenstersims, nahm sich Feuer von ebenda und hielt die Kippe lange in das Flämmchen.
Ein paar Züge nahm er, bei jedem zweiten machte er einen gequälten Gesichtsausdruck und sah flehend auf den glimmenden Tabak. “Jedes Mal”, erklärte er bedächtig, “wenn ein Blatt von dem Baum vor deinem Fenster fällt, beginnt irgendwo weit weg jemand zu weinen.” “Den ich nicht kenne und nicht kennen werde.” warf T. ein. “Ja. Genau. Und ich werde ein Bild von dir malen.” Mit dem Rauch der Zigarette machte er in der Luft eine erste, schnelle Skizze. T. sah ihn an. “Du kannst es nah ans Fenster hängen. Und wenn der Baum ganz kahl ist, du weinst und kein Blatt mehr von dir fallen kann, dann schaust du es an. Damit du weißt, wie tief du schon getaucht bist.” “Jedes Mal.” flüsterte T. mit fast geschlossenem Mund und strich sich die Haare aus dem verweinten Gesicht.













