Draußen ist es verdammt kalt. Nachts gibt es jetzt immer postwendend die Quittung für die milden Tage. Auf den letzten Metern bis zur Haltestelle beginnen meine Bauchmuskeln zu zittern, ich will mich nicht darauf einlassen. Dann kommen die Zähne hinzu, die ganz automatisch zu klappern beginnen. Man riecht schon den Frost.
Hoffentlich kommt die Bahn, wie sie es verspricht. Nachtzüge sind immer der Spiegel des vorangegangenen Abends. In ihnen zeigt sich alles, was die Stadt zwischen acht Uhr abends und sechs Uhr morgen anrichten kann. Niemand zahlt dafür, glaube ich. Es fällt unter städtischen Humanismus, den allabendlichen Einwohnerruin, den ich so mag, wenigstens bis vor die Haustür zu gondeln.
In einer der hinteren Ecken hockt eine Gruppe von Studenten, sichtlich geschlaucht und mittlerweile nur noch ins Bett wollend. Der Abend war gut, aber das möchte jetzt niemand mehr zeigen. Alle sind sich einig, dass man sich morgen nachmittag ja auch noch sagen könnte, dass es gut war.
Ein paar frisch gebackene Pärchen sind über alle Reihen verstreut und können ihre Haltestelle kaum noch erwarten. Immer ungeduldiger reiben sie ihre Oberschenkel aneinander.
Gegenüber sitzen drei junge Frauen, Bürofrauen in schwarz bis grauen Kostümen, mit langgezogenen, weißen Kragen und Hochsteckfrisur. Ihr abendlicher Ausbruch aus dem Freitagfeierabend hat ihnen gefallen. Nur der eingeschlafene, betrunkene Typ, der an die Dritte gelehnt seine Spucke auf ihrer Schulter zu verteilen beginnt, ist so schrecklich vulgär. Sie sehen aus, als würden sie ihn am liebsten wegheften, oder wie sie das nennen würden.
Eine der Obdachlosenzeitungen wird mir angeboten. Was denn drin stehe. „Keene Ahnung, Ick verkoof die nua.“ Auch gut. Nehm ich.
Alles ist vertreten. Nur die harten Fälle liegen auf den Bahnsteigen oder klammern sich schwerfällig an die Seitenspiegel bemalter Autos, während sie ihr versoffenes Geld in flüssiger, mit Bröckchen angereicherter Form wieder auf der Straße verteilen. Problematisch wird es, wenn es mit offenen Augen schlimmer ist, als mit geschlossenen.
Als ich aussteigen muss, obwohl ich noch stundenlang weiterfahren könnte, hält mich ein Typ mit Vollbart an, eingehüllt in ein riesiges, gelbes Tuch. Er sieht so aus, wie ich befürchte, mich am nächsten Morgen zu fühlen. Der Bahnsteig ist völlig leer. Ein vor Aufregung quietschendes Pärchen verschwindet gerade um die Ecke. Ein Versuch, Captain Crishna jetzt auszuweichen, hat überhaupt keinen Zweck. Als er mich endlich in Reichweite hat, hält er mir seine Hand hin. Und als ich ihm meine gebe, will er sie gar nicht wieder loslassen.
„Glaubst du an freie Energien?“
„Gute Frage…“
„Überall in der Luft ist freie Energie!“
Er lädt mich zu einem Festival ein. In hübschen Betttüchern freie Energien aufsammeln. Jede Menge Goa und verlorene Erinnerung.
„Sag mal, wenn das stimmt, dann kann man die freien Energien doch auch nutzen, oder?“, frage ich.
„Klar. Kennste Solarzellen?“
„Sicher.“
„Meine Idee. Nur leider nie patentiert.“













