Dass auf jedes Hoch auch immer ein mindestens genau so langes Tief folgen muss, hätte allen voran ich am Besten wissen müssen. Aber trotzdem sind wir unterwegs, sitzen in der S-Bahn und tingeln dem Abschluss, Abschuss, wie auch immer man es sich vorgenommen hat, entgegen.
Wir kahnen in die Nacht hinaus, um der eigenen, neujährlichen Enge zu entfliehen. Ohne es wahr haben zu wollen, sind wir längst gefangen in jener Regelmäßigkeit, die es früher edel galt zu hassen, sind unterwegs, zu finden, wonach wir suchen und uns darüber klar zu werden, was das wiederum sein mag.
Die Stadt fetzt vorbei, in hellen Streifen aufgeschlitzt, wie jeder kalte Schnitt an jeder Haltestelle uns heftig in die Wangen fährt. Wir lachen und suchen. Suchen nach dem Leben, oder was man dafür hält, nach Aus- oder Irrwegen, die zur Erfahrung führen und lachen darüber. Wir - Lebensjäger und Situationsopportunisten.
Espresso. Es pressiert und treibt mich direkt, nachdem uns die Türsteher durchgewunken haben auf die Toiletten. Es ist voll. Und alle sind voll. Tausend Beats und stolpernd Bier en masse fordern ihren Tribut. Und nicht zuletzt das Koks auf den Brillen unterwirft hier die Leute, die flehend vor den Schüsseln knien, sich Scheinbar-Leben in die Nasen zieh‘n.
An der Bar bestelle ich etwas zu trinken, um mich daran festzuhalten. Life light, in 2cl-Gläsern ausgeschenkt. Ein Mädchen mit tiefschwarzen Haare und feiner, weißer Haut setzt sich zu mir. Sie kennt mich, sagt sie, und hat mich beobachtet. Ob sie mich paranoid machen, oder nur ein Gespräch anfangen wolle, frage ich sie. Es bleibt anstrengend.
Sie lächelt und fährt mir mit der Linken durch die Haare. Völlig bereitwillig gebe ich nach. Auf ihre Handballen muss sie ein wenig Parfum geträufelt haben, das sich mir auf die Nasenflügel setzt, während ihre Finger von der Stirn zum Hinterkopf, zu Ohr, Hals und schließlich Lippen reisen.
Als sich unsere Münder berühren, habe ich das Gefühl, mich an ihr zu verbrennen.
„Ich mache das eigentlich nicht.“, erklärt sie nach einer Weile, „Jedenfalls nicht beim ersten Mal.“, sie sei kein Typ für schnelle Liebe und habe diese angebliche Trennung von Liebe und Sex nie wirklich verstanden.
Ich nicke, denn ich habe ein Herz für Idealismus und ihre Telefonnummer. Eine hinreichende Bedingung.
Gesprächsfetzen flitzen vorbei, von bunten Männern und Frauen mit gepuderten Nasen.
„Hast du eigentlich einen Freund?“
„Ist doch egal.“
„Dann lass uns gehen.“
Ich schließe die Augen - Unter der wärmenden Brandung der Möglichkeit schmelzen Prinzipien wie Eisberge.
„Aha!“, diktiere ich abwesend in die Luft hinein, als wolle ich nur sicher gehen, meine Position erklärt zu haben, ehe ich mich in die Aufrechte wuchte und in Richtung des Ausgangs schlürfe.
Auf dem Weg nach draußen hält mich ein Bekannter an. Aufrecht schwankend floskelt er mir zwischen Sterni und Stephan, seinem Gesprächspartner der letzten 2 Minuten zu, dass alles bleibt, wie es ohnehin schon ist. Dass Geschichte nur Zirkelschluss ist. Dass sich diese blöden Menschen ganz einfach immer mit dem zufrieden geben, was da ist. Dass sich an der Fähigkeit, dies zu erkennen, bereits die holden Geister scheiden.
Ich denke, dass es ein wohliger Zustand sein muss, das zu wissen und klopfe ihm gutmütig auf die Schulter. Warm und mollig, auf dass es fast schon wieder in Ordnung ist, wie es ist, wie es aber hatte eigentlich nicht sein sollen. Dass Einsicht nur erste Stufe und nicht letzter Schluss zur Weisheit ist.
Und im Weitergehen frage ich noch, wer wohl verwerflicher ist.
Draußen hat es der überwundene Winter ein anscheinend letztes Mal geschafft, seine Hand nach dem Frühling auszustrecken und ein weißes Laken über die Straßen zu werfen. Aufgeregt fährt der kühle, morgendliche Wind durch die Straßen, schaut unter die für diesen Monat noch viel zu kurzen Röcke, rauscht durch Hemden, küsst der Männer kahl rasierte Brüste.
Ich schaue nach vorn und wickle mich um die kalten Masten der Bahnsteigsüberdachung.
Eine hitzige Nacht endet wie man selbst, denke ich, doch ewig selbstverständlich eisig.









Hansi
26. Dezember 2007
„Ich mache das eigentlich nicht.“ – Schwachheit, dein Nam’ ist Weib…