Foto von kevindooley

Anfangs dachte ich, ich brächte den Sonnenschein auf die Insel, bzw. würde wenigstens aus unerfindlichen den Regen von ihr fern halten. Das der sonnige Monat nur anfängliches Glück war, weiß ich jetzt, seit fast drei Monaten regnet es beinahe täglich. Es ist nicht schlimm, alles Huschen, wie man bei uns sagt, nur dass ebenso seit fast drei Monaten weder die Klamotten noch die Häuser und Straßen so richtig trocken werden, ist nervig. Die aufgereihten Backsteinhäuser verfärben sich dunkel, sodass sie noch älter aussehen, auf den weißen Fensterbrettern drückt sich der Schmutz in die Ecken und läuft an den Steinen herunter. Sie bluten schmutzig aus und an den Bordsteinen vor den vielen shops laufen kleine Flüsse aus Dreck entlang, in denen sich das Licht der Anzeigetafeln spiegelt.

Was den Zustand von Häusern, Straßen und so weiter angeht, ist man in Deutschland mehr als verwöhnt. So scheußlich deutsch komme ich mir vor, wenn ich mich manchmal am Schreibtisch, mit dem Blick auf mein halb beschlagenes Fenster, bei dem Gedanken erwische, dass Doppelglasfenster doch eine gute Investition seien. Was kümmert es mich eigentlich? Die offen an der Wand verlegten Leitungen der Lichtschalter sollten mir völlig egal sein. Ich will so nicht denken, aber es kommt einfach, was es jedoch nicht akzeptabler macht. Zumindest den Wasserhahn der Dusche sollte sich jedermann abgucken, ein großer Drehknauf, der nur in eine Richtung gedreht werden kann, aber trotzdem Kalt- und Warmwasser, sowie Gleichzeitig den Wasserdruck regeln kann. Ein klitzekleiner Konstruktionsfehler ist allerdings, dass man entweder prasselnd eiskalt, tröpfelnd kochend oder irgendetwas dazwischen erahnen muss.

Mein letztes Geld für diese Woche steckt in unserer Heizung, die gerade versucht, gegen den Luftzug am Fenster anzukommen. Nachdem ich drei Tage lang in Liverpool war und meine roomies vorzeitig für die Feiertage nach Hause gefahren sind, hat sich das Haus auf irgendetwas zwischen Grönland und Arktis abgekühlt. Jetzt dröhnt es aus dem Keller und ich habe kein Geld mehr, um etwas einkaufen zu können. In der Küche habe ich noch ein wenig Toast, zwei Eier und massig Wasser aus der kalkigen Leitung, das muss für zwei Tage reichen. Natürlich, ich könnte die Kreditkarte meiner Eltern nehmen, für den Notfall, hieß es, jaja, aber darauf einzugehen wäre auch ein Zeichen von Schwäche.

In Gedanken hatte ich es mir wunderschön ausgemalt, als ich in Liverpool den Rest meines wöchentlichen Abhebelimits in einem dunkelgrün gestrichenen Pub ließ. Nicht für Bier, sondern für Wetten. Dafür, ob innerhalb von fünf Minuten mehr als zwanzig Stouts aus dem Hahn gezogen werden, ob der nächste Mann, der von der Toilette kommt, noch im Gehen seine Hose zuknöpft und so weiter. Die anschließende Leere in meinen Taschen hatte ich recht romantisch gefunden. Und jetzt, vom zwanzigsten bis dreiundzwanzigsten allein im Haus, das hatte ich mir schön vorgestellt, der große schriftstellerische Emporkömmling, am Hungertuch nagend, vor Kälte zitternd vorm beschlagenen Fenster am Computer den ersten großen Wurf plottend. Aber es fühlt sich scheiße an. In der Küche ist es kalt und der Gedanke, was man mit dem fünf Zentimeter großen Spalt unter der Tür zum Hof alles anstellen könnte, will mir nicht aus dem Kopf. Der Fernseher im Wohnzimmer zeigt nur BBC Entertainment und bei den englischen Game Shows kann ich keine einzige Frage beantworten.

Kurz vor Ladenschluss versuche ich es doch noch bei Tesco. Was nützt einem die Erinnerung an nächtlich und aleschwanger Luftgitarre spielende Liverpooler, wenn einen das zu viele Tage alte Toastbrot ekelt und The Weakest Link nur frustriert? Schwäche hin oder her, auch Hitchcock brauchte den Luxus unendlicher Massen von Tee, um produktiv zu sein, dann benutze ich eben die Karte. Henry, mein indischer Kumpel von der Selbstbedienungskasse winkt mich schon zu sich heran, als ich mit ein paar 3-for-2- und 2-for-1-Angeboten zu den Kassen wandle. Ich sage ihm, dass er sich beeilen soll, damit er schnell Feierabend machen kann, aber er lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Ganz sorgfältig tippt er die Preise ein und behält die Anzeige unnatürlich genau im Auge. Bei ihm gibt es logischerweise kein Weihnachten, wobei seine Eltern für seinen kleinen Bruder Jahr für Jahr extra eine kleine Plastiktanne aufstellen und mit schmücken. Als ich ihm von meinem Liverpoolausflug erzähle, lacht er sich halb kaputt, das geschehe mir ganz recht, vom Wetten müsse man eben Ahnung haben, dafür seien wir Deutschen nicht gemacht and so on. Ich sei bloß nicht für diese elende Nasskälte gemacht, sage ich und gebe ihm die Karte, er lacht, keine Kreditkarten nach 20 Uhr, sagt er. Großartig, das heißt zur nächsten Bank fahren, Geld abheben, Tankstelle suchen, fantastisch, rufe ich, wäre ich doch lieber gleich von Liverpool aus nach Berlin geflogen. Henry packt mein Essen in einen Beutel. Was soll das, frag ich, er drückt auf der Kasse herum und es klimpert Wechselgeld heraus. Das sei meins, sagt er, ob ich mich nicht an die zehn Pfund erinnere, die ich ihm vor zwei Monaten oder so zum Wetten gegeben hatte, sodass er mir daraus meine erste Million machen könnte. Es wären leider nur 20 Pfund geworden, abzüglich der Steuern um die siebzehn, das hier, sagt er, sei der Rest. Man müsse das eben einem echten Engländer überlassen, sagt Henry, während ich ihn umarme, mein indischer Engländerfreund, der kein Weihnachten feiert.

1 Kommentar

  1. Jessica

    16. Januar 2011

    Ah, Herzwärme. Ich fand Henry schon in der letzten Geschichte toll, aber jetzt bin ich erst recht sein Fan!

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