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Der Mord an seinem Vater beschert Michel eine ungewohnt große Summe Geld, mit der er womöglich bis an sein Lebens-ende auskommen könnte, nur ist es nicht das Geld, das ihm fehlt. Michel lebt nahezu isoliert in Paris, seiner Ansicht nach genau so, wie es viele der modernen Menschen tun, gefangen zwi-schen Arbeit, Schlaf und Nahrungsaufnahme verläuft sein Leben relativ langweilig. Er gönnt sich eine teure Rundreise durch Thailand, besucht oft die Massagesalons, die gleichzeitig als eine Art Bordell fungieren und reibt sich größtenteils an den verschrobenen Einstellungen und Eigenheiten seiner Mitreisenden.

Mehr und mehr festigt sich in ihm die Ansicht, dass der normale westliche Mann, und damit auch er selbst, bei der modernen westlichen Frau keine Chance mehr hat. Sie jagen beruflich erfolgreichen, aufmerksamen, romantischen, etc. Traummännern hinterher, also einem Wunschbild, das der Stino-Mann nie und nimmer zu erfüllen vermag. Nichtsdestotrotz hat er auf der Rundreise Kontakt zu Valérie geknüpft, einer erfolgreichen und schönen Frau, die in Paris in hohem Posten in der Tourismusbranche arbeitet.

Sie kommen zusammen, wohnen bald in einer gemeinsamen Wohnung und sehen beide das Problem, das manchmal erst weite Strecken zurück gelegt werden müssen, um Mann und Frau sexuell das bieten zu können, wonach sie in ihrer Heimat vergeblich suchen. Als Valérie und ihrem Chef Jean-Ives dann leitende Stellen beim größten Tourismuskonzern Frankreichs angeboten werden, gepaart mit der Aufgabe, eine wenig florierende Hotelkette zu sanieren, kommen die drei auf die Idee, ein neues Geschäftsmodell zu erfinden.

Mit Plattform habe ich nun auch den letzten von Houellebecqs Romanen gelesen, erst Ausweitung der Kampfzone, dann Elementarteilchen und zuletzt Die Möglichkeit einer Insel. Ab jetzt heißt es also warten auf den nächstens und bis dahin den Blick auf die Essays, pardon, Interventionen schweifen lassen, denen im Oktober mit Ich habe einen Traum übrigens ein zweiter Teil folgen wird.

Im Gegensatz zu “Die Möglichkeit einer Insel”, wo ich erst eine Weile brauchte, um mich in das Buch einzulesen und es im Endeffekt dann nichtsdestotrotz sehr gut zu finden, lässt einen Plattform von Anfang an nicht mehr los. Das ganze Buch ist durchzogen mit Gedanken des Protagonisten Michel und Erklärungen zu allen möglichen Dingen, zur Gesellschaft, zur Philosophie, Tourismus und der Beziehung zwischen Mann und Frau und vermengt das Innerste des Protagonisten mit Geschehnissen, wie sie genau in jetziger Zeit passieren. Natürlich wird es da, wenn man das so sagen kann, Houellebecq-typisch ein wenig subjektiv und teilweise so, dass sich mancher sicher an den Äußerungen reiben möchte, aber gerade dadurch, dass im Buch immer bewusst Stellung bezogen und diese auch gnadenlos vertreten wird, fühlt man sich den Figuren schnell sehr nahe und durchlebt mit ihnen, ganz egal ob man ihre Einstellungen nun teilt oder nicht, ihre Geschichte. Ebenso braucht man bei Houellebecq nicht zu erwarten, dass er sonderlich harmlos mit den Menschen allgemein ins Gericht geht, im Gegenteil, wie schon in seinen anderen Büchern, ist auch Plattform eine subtile Abrechnung mit der Gesellschaft Frankreichs und Europas, den Menschen überhaupt, in diesem Fall besonders bezogen auf das Finden eines geeigneten Lebenspartners und Tourismus in all seinen Formen.

Gleichsam wie hart Themen wie Islamismus, Nationalitäten und den zugehörigen Typen umgegangen wird und wie ausgiebig es um Sex geht, muss die immerwährende Melancholie erwähnt werden, die fast das ganze Buch durchzieht. Irgendwo zwischen Resignation und steter Trauer wandeln die Figuren Houellebecqs dahin, finden zu einander, gehen auseinander, im besten Beckettschen Sinn scheitern sie und beginnen immmer wieder neu, nur um nochmals und immerfort zu scheitern. Das macht Houellebecqs Bücher nicht unbedingt zu besten Selbstheilungs- und Selbstfindungsbücher, obgleich man nie umhin kommt, sich nicht trotzdem darin wieder zu finden, bzw. wenigstens so vieles um sich herum, denn man selbst will sich ja, genau wie es seine Figuren immer bis zu einem bestimmten Punkt versuchen, nicht so sehen, wie man die Anderen sieht, deshalb sind sie ja die Anderen. Fällt diese Trennung erst einmal weg, ist man nichts Besonderes mehr, aber hat die Chance, mit dem einmal klaren Blick eben genau dieser Stino-Mentalität zu entfliehen. Den Figuren in Plattform gelingt dies genau so, wie es ihnen gleichsam nicht gelingt und gelingen kann, das macht das Buch so kurzweilig und gleichzeitig tiefgründig. Ich hab’s genossen.

Michel Houellebecq: Plattform
rororo, 352 Seiten
ISBN: 3499233959

Mein erstes eBook ist da!
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