Ein Tipp im Voraus: Wer das Buch selbst lesen möchte, der verzichte lieber darauf, diesen Text zuerst zu lesen. Ich bemühe mich zwar um möglichst wenige Spoiler, aber gänzlich unvoreingenommen ist das Buch noch viel schöner.
Los geht's:
Für seine Bewerbung an der Pariser École des Beaux-Arts hatte der Architektensohn Jed Martin 300 nüchterne Fotos von Eisenwaren eingereicht, die die Perfektion des menschlichen Handwerks in ihrer Alltäglichkeit repräsentieren sollten. Schon während seines Studiums finanziert sich über Aufträge als Objektfotograf und auch danach bleibt er dem Menschengemachten treu. Bei einer Autofahrt entwickelt er plötzlich eine Faszination für die Frankreich-Straßenkarten der Firma Michelin, die ihm viel detailierter, simpler und gleichzeitig lebendiger erscheinen, als es Satellitenbilder je sein könnten. Bei einer Kunstaustellung, zu der er von Ex-Kommilitonen eingeladen wird, beteiligt sich Jed deshalb mit einigen Fotos, für die er Michelin-Karten aus verschiedenen Winkeln aufgenommen und um einen künstlichen Horizont erweitert hat – "Die Karte ist interessanter als das Gebiet", will er sagen.
Als er daraufhin die Michelin-Mitarbeiterin Olga eine Zusammenarbeit vorschlägt, willigt er ein. Seine spätere Einzelaustellung wird ein bahnbrechender Erfolg, die Rezensionen sind außerordentlich gut und binnen kürzester Zeit avanciert Jed zum Vorreiter einer neuen künstlerischen Strömung, die die Rückbesinnung auf das Regionale feiert. Seine Bilder verkaufen sich für tausende Euro, aber erst als sich Jed später von der Fotografie abwendet und beginnt, großformatige Bilder menschlicher Berufe zu malen, gelingt ihm der Aufstieg zum erfolgreichsten Maler Frankreichs. Für den Katalog der zugehörigen Ausstellung will er den Schriftsteller Michel Houellebecq für ein Vorwort gewinnen, also reist Jed nach Irland und trifft dort auf diese kauzige Karikatur des literarischen Volksfeinds Frankreichs, der sich nicht einmal traut, den Rasen zu mähen, weil er Angst hat, er könnte sich dabei die Finger abschneiden. Nachdem Jed an seinem letzten Bild, das die Aufteilung des Kunstmarktes durch Damien Hirst und Jeff Koons zeigen sollte, schwer gescheitert war, entscheidet er sich dafür, die Reihe einfacher Berufe mit einem Portait Houellebecqs abzuschließen und der Schriftsteller willigt ein. Es kommt zum erneuten Treffen, die Ausstellung wird verschoben, das Bild ist irgendwann fertig und auch Houellebecqs ausschweifendes Vorwort trifft bald darauf ein. Als Jeds zweite Ausstellung eröffnet wird, ist der Erfolg noch größer als je zuvor. Über Nacht steigt er zum teuersten Künstler Frankreichs auf, seine Bilder sind plötzlich Hunderttausende Euro wert, wenn nicht sogar mehr und die Dargestellten reißen sich um ihre Portraits. Jed ist nun ein reicher Mann und weiß nichts mit seiner neuen Unabhängigkeit anzufangen. Aber er hatte Houellebecq versprochen, ihm sein Portrait zu schenken, als fährt er noch einmal zum Schriftsteller, der mittlerweile in seinem Geburtshaus im Süden Frankreichs lebt und seinem Ende entgegen sehnt. Als Jed wieder in Paris ist, verlangsamt sich sein Leben zusehends. Wie Houellebecq vereinsamt auch er mehr und mehr, aber es macht ihm nichts aus, sondern erscheint ihm sogar auf eine gewisse Art und Weise natürlich. Bald ist er gänzlich allein, nur seine halb kaputte Heizung leistet Jed Gesellschaft, bis er eines Tages einen Anruf bekommt.
Machen wir's kurz und äußerst subjektiv:
Karte und Gebiet ist für mich der beste aller Houellebecq-Romane, ohne Zweifel, auch wenn sich das Buch nich ganz in die bisherigen Romane einreihen lässt. Man hatte schon bei Ausweitung der Kampfzone, Elementarteilchen, Plattform und Die Möglichkeit einer Insel das Gefühl, das Houellebecq jeweils ein großes Stück der Welt anhand eines kleinen Ausschnitts darstellen wollte, bei Karte und Gebiet geht es aber noch weiter, indem die Künstlergeschichte Jed Martins noch mit so vielen anderen Geschichten verwoben wird, dass am Ende eine Art gesamtgesellschaftliches Abbild entsteht und das Buch, auch weil es ein ganzes Leben umschließt und weit in der Zukunft endet, dadurch umso facettenreicher wird. So gibt es ebenso zu Jeds Künstlerepos noch die schwierige Beziehung zu seinem Vater zu beleuchten, viel Theorie über Architektur, Kunst, Konsum und Politik, die vielleicht nüchtern, aber nicht trocken behandelt wird und immerhin viele kluge Gedanken mit sich bringt, Abrechnungen mit Kritikern, Journalisten, Sterbehelfern, einen Kurzkrimi, Gedanken zur Liebe und zum Alter und und und. Besonders toll sind natürlich jene Stellen, in denen Houellebecq sich selbst auftreten lässt und sich als halb lebensunfähigen und verwahrlosten Mann inszeniert, der mit seiner Wut auf die Welt gutes Geld gemacht hat und jetzt nur noch in Ruhe seinen kauzigen Angewohnheiten nachgehen will. Der große französische Volksfeind jedenfalls scheint in seiner Bitterkeit sogar ein ziemlich lustiger Typ zu sein. Und genau diese Rolle nimmt man dem echten Houellebecq auch ab, wenn man Karte und Gebiet liest, denn es wirkt reifer, weniger wütend, eher gelassen, aber nichtsdestotrotz melancholisch. Vielleicht macht es das im Endeffekt noch tragischer, denn prinzipiell geht es im Buch nur um den beispiellosen Erfolg Jed Martins, aber nichtsdestotrotz scheint er es nie wirklich fassen zu können, das Glück. Vielleicht unterscheidet sich genau darin Karte und Gebiet von allen vorherigen Büchern, dass es nicht schon in der Geschichte pessimistisch ist und sich nicht auf das Anklagen verlässt, sondern diesmal quasi en passant zu zeigen versucht, wie die Welt funktioniert, wie man in ihr Erfolg haben kann und trotzdem irgendwie erfolgreich zum letztendlichen Scheitern verurteilt ist, auch wenn es mit ausreichend Geld gar nicht so schlimm, allenfalls trostlos, ist. Ein großer Roman, der in seiner Wendung ein wenig an französische Body-Horrorfilme erinnert und befürchten lässt, dass Houellebecq seine Selbstbeschreibungen manchmal genau so meint, wie er sie ins Buch hat einfließen lassen und so bald vielleicht keinen Roman mehr schreiben wird. An solch ein großartiges Buch wie Karte und Gebiet nahtlos anzuknüpfen, wird jedenfalls ein hartes Stück Arbeit.
Michel Houellebecq: Karte und Gebiet
416 Seiten
Dumont 2011
ISBN: 9783832196394


Sascha Delitzscher (via facebook)
22. März 2011
Danke für diese Rezi, da freu ich mich auf die Lektüre. Die letzten beiden Romane hatten mich ja eher enttäuscht, kamen mir vor wie (ohne Frage gekonnte) Kopien von Elementarteilchen. Aber ich habe Lust mal etwas wirklich Neues von MH zu lesen.