"Der Mensch", sagt Mia zu ihren Fingerspitzen, "ist verblüffend unpraktisch konstruiert. Im Gegensatz zum Menschen lässt sich jede Saftpresse aufklappen und ihr Einzelteile zerlegen. Säubern, reparieren und wieder zusammenbauen."
[...]
"[...] Wir können einen schönen Ort aussuchen, in den bergen oder am Meer. Man wird sie dabei unterstützen, mit Ihrer Lage fertig zu werden. Anschließend werden Sie bei der Wiedereingliederung in Beruf und Alltag..."
"Nein, danke", sagt Mia.
"Was soll das heißen - nein danke?"
Mia schweigt.
[...]
"Frau Holl", sagt Sophie und rümpft ihre niedliche Nase. "Sie sind organisch völlig gesund. Aber Ihre Seele leidet. Sind wir uns insofern einig?"
"Ja."
"Warum wollen Sie sich dann nicht helfen lassen?"
"Ich hielt den Schmerz für eine Privatangelegenheit."
[...]
"Niemand", sagt Mia, "kann nachvollziehen, was ich durchmache. Nicht einmal ich selbst. Wäre ich ein Hund - ich würde mich ankläffen, damit ich nicht näher komme."

Juli Zeh: Corpus Delicti. Ein Prozess, S. 52ff.

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