Für Freunde des gepflegten Horrorfilms/ Schockers waren die letzten Jahre nicht gerade ereignisreich, noch dazu, wenn einem irgendwann das Zombiethema endgültig zu durchgekaut erschien und man es mehr und mehr leid war, so ziemlich jeder Hauptfigur dabei zusehen zu müssen, wie sie von zerfallenen oder mutierten Gestalten gejagt wurde. Ebenso das Junge-Menschen-bleiben-an-einem-verlassenen-Ort-hängen-und-werden-plötzlich-von-Verrückten-angegriffen-Schema war ich relativ schnell leid. Übrig blieb dann nicht allzu viel, in nächster Vergangenheit vielleicht noch Drag Me To Hell (der stellenweise auch irgendwie das Horrorgenre selbst parodierte) und [●REC] (trotz der Zombies), ein Weilchen davor noch Ringu und Ju-on, dafür aber waren jüngste Filme wie The Last Exorcism oder Devil schon wieder viel zu platt, völlig enttäuschend und die Strickmuster allzu bekannt.
Irgendwann vor ein langer Zeit sah ich dann Irreversible, später stieß auf die zugehörige Stilrichtung New French Extremity und fand einige Filme, die man wohl am Besten irgendwo zwischen Body Horror, Schocker, Splatter und Thriller einordnet und die, wie der Name sagt, größtenteils aus Frankreich stammen, obwohl man zum weitreichenderen New Extremism z.B. auch Lars von Trier, insbesondere sicher durch Antichrist, zählt. Und ich war begeistert, sagen wir zumindest so sehr, wie man sich dafür begeistern kann, ohne gleich in die Psychoecke gestellt zu werden. Diese Filmen hatten endlich wieder innovative Stories, abseits des Bluts wieder etwas zu erzählen. Manchmal waren sie ziemlich absurd, immer aber sehr abgedreht und selten zu kitschig. Sie schockten gleichzeitig durch klassische Schockelemente wie auch durch ihre Transgressivität und bedienten gleichzeitig das kindliche "Wenn man Angst kriegt oder sich unwohl fühlt, ist der Film gut" wie auch den langsam gewachsenen Anspruch an gute Geschichten. Vielleicht klingt das für manche, die Horrorfilmen so gar keine Begeisterung entgegen bringen können, irgendwie merkwürdig, aber was soll's, ich finde, dass das Genre in den letzten Jahren zu Unrecht so ins Abseits geraten ist. Und genau deshalb will ich in nächster Zeit immer mal wieder einen guten Horrorfilm empfehlen, angefangen heute mit Martyrs aus dem Jahr 2008.

Achtung, nachfolgend Spoiler und Bilder, die manche feine Seele beunruhigen könnten.
Ein junges Mädchen namens Lucie flieht aus einem verlassenen Fabrikgebäude, sein Körper ist übersäht mit Wunden von Misshandlungen. Lucie kommt in ein Pflegeheim, wo sie langsam Vertrauen zu Anna fast. In einem Video erklärt ein Mann, Lucie wäre lange in dem Fabrikgebäude gefangen gehalten und gefoltert worden. Nun, im Pflegeheim, wird Lucie von Verfolgungswahn geplagt und Anna findet sie in ihrem gemeinsamen Zimmer, nachdem Lucie sich mehrfach selbst geschnitten hat und muss ihr schwören, niemandem davon zu erzählen.
15 Jahre später sieht man eine Familie beim morgendlichen Frühstück. Alles scheint gut, bis es an der Haustür klingelt. Der Vater öffnet die Tür, davor steht Lucie, ganz in schwarz, mit einer Schrotflinte in der Hand und drückt ab. Danach erschießt sie die Mutter, beim Sohn zögert sie kurz und fragt, ob er wisse, was seine Eltern getan hätten, dann erschießt sie auch ihn und seine Schwester. Nachdem sie nahe einem Nervenzusammenbruch ist, ruft Lucie Anna an. Während sie wartet, überkommt sie wieder ihr Verfolgungswahn und eine seltsam verunstaltete Kreatur taucht im Haus auf, die Lucie angreift und stark verletzt. Lucie beteuert der Kreatur gegenüber, dass sie die Familie umgebracht habe und nun alles gut sei, aber es bringt nichts. Als Anna eintrifft, ist sie schockiert über Lucies Blutbad und fragt, ob Lucie sicher sei, dass es die richtige Familie gewesen sei. Nachts beginnt Anna, die Toten vor dem Haus zu vergraben und bemerkt, dass die Mutter noch lebt. Sie versucht sie aus dem Haus zu schmuggeln, aber Lucie bemerkt es und erschlägt die Mutter mit einem Hammer. Bald darauf erscheint auch die Kreatur wieder und greift Lucie an, obgleich sie wieder beteuert, die Mutter sei tot und es sei nun alles gut.
Lucie ist völlig fertig, die Kreatur, nun mehr und mehr als verunstaltetes Mädchen erkennbar, kriecht zu ihr heran. Anna bemerkt, dass nur Lucie allein die Kreatur sehen kann und sieht, wie Lucie sich selbst schneidet, obgleich Lucie in Form einer Halluzination erlebt, wie sie von der Kreatur geschnitten wird. In einem Rückblick sieht man, dass das malträtierte Mädchen im gleichen Fabrikgebäude wie Lucie misshandelt worden ist und Lucie sie, als sie die Möglichkeit zu fliehen und das Mädchen zu befreien hatte, hilflos zurück ließ. Nun, seit Jahren verfolgt von der Halluzination des Mädchens, schneidet sich Lucie in den Hals und stirbt.
Als Anna Lucies Körper am nächsten Morgen säubert, mit ihrer vorwurfsvollen Mutter telefoniert und versucht, das Haus in Ordnung zu bringen, bemerkt sie ein Loch in der Wohnzimmerschrankwand. Dahinter findet sich einen Gang, der in eine Art Bunker führt, an dessen steril wirkenden Wänden Bilder von verunstalteten und gefolterten Menschen hängen. Am Ende des Ganges findet sie eine Klappe, durch sie mit einer Leiter weiter in die Tiefe steigt. Dort findet sie ein verängstigtes, zutiefst malträtiertes und angekettetes Mädchen, das sie mit nach oben nimmt.

In der Badewanne befreit sie es von ihren Metallplatinen, die mit Stiften im Kopf befestigt sind. Als sie das Mädchen kurz allein lässt, befreit es sich aus der Badewanne und versucht, sich selbst die Pulsadern aufzuschneiden. Anna versucht es davon abzuhalten, da wird das Mädchen plötzlich erschossen. Ins Haus kommt eine Gruppe von Menschen, die Anna fesseln und erklären, dass sie auf der Suche nach so genannten Martyrs, sprich Märtyrern, seien. Solche Menschen würden auch in größter körperlicher Not keine psychischen Alternativerklärung für die ihnen angetane Gewalt erspinnen, wie z.B. Lucie, die sich das sie verletztende Mädchen in Form eines psychischen Schutzmechanismus' nur nur eingebildet hatte. Märtyrer aber blieben die ganze über klar und könnten alles ertragen, ohne eine Psychose zu entwickeln. Beim Höhepunkt ihrer Not und kurz vor ihrem Tod, würden solche Märtyrer kurzzeitig eine Art göttlichen Zustand erreichen, irgendwo zwischen Leben und Tod, der es ihnen erlaubte, noch zu leben, aber gleichzeitig ins Jenseits schauen zu können. Das Interesse der Gesellschaft bestünde genau darin, Märtyrer mittels Folter ausfindig zu machen und so etwas über das Jenseits in Erfahrung zu bringen. Nachdem Anna all das erklärt wurde, macht man sie bewusstlos und sie erwacht in Ketten in einem dunklen Raum. (Wer mehr Handlung haben will, hier gibt es alles.)

Martyrs ist sicher kein Film für die Zartbesaitetsten, aber nichtsdestotrotz empfehlenswert. Die Story schlägt so oft um, dass man mehrmals das Gefühl hat, den Film verstanden zu haben, dann aber kurze Zeit später feststellen muss, gar nichts verstanden zu haben. Natürlich kommen viele Body-Horror-Elemente vor, es geht schließlich auch um auf Grund extremer Gewalt traumatisierte Menschen. Trotzdem hat man nicht das Gefühl, dass der Film allein von der dargestellten Gewalt, bzw. den dargestellen Extremen abhängt, so wie bspw. The Descent, der noch dazu völlig überbewertet ist. All das dient vorrangig der Illustration der Geschichte, die alles umschließt. So kommt zu dem mulmigen Gefühl, das einen überfällt, wenn man sieht, wie Anna die Metallstifte aus dem Kopf des geretteten Mädchen entfernt, immer auch eine gewisse Tragik hinzu, die den Film vom dem bloßen Ekelfilm abhebt. Außerdem bleibt man von Übernatürlichem (mal davon abgesehen, ob es Martyrs nun wirklich gibt) glücklicherweise verschont und es gibt nicht einfach nur einen quasi-unsterblichen Killer, der 90 Minuten lang Menschen abschlachtet, sondern immer auch eine mehr oder minder rationale Erklärung für das, was passiert. Damit könnte man Martyrs fast schon ein wenig den Horrorcharakter absprechen, aber egal. Im Endeffekt ist nicht nur das natürlich Geschmackssache, ich persönlich bin nur seit langem genervt davon, dass Horrorfilme praktisch nur noch aus Plattitüden bestehen, insofern bin ich sehr froh, dass Filme wie Martyrs endlich wieder ein bisschen Leben (naja, oder eben nicht) ins Genre bringen, ganz ohne sich an gängige Genreklischees anzulehnen oder andere Filme zu imitieren. Dass solche Filme gleichzeitig dabei das Genre verändern, warum sollten man es ihnen verdenken? Hauptsache nicht schon wieder Zombies.

Martyrs
2008, 99 Minuten
Regie: Pascal Laugier
Drehbuch: Pascal Laugier
Mit: Morjana Alaoui, Mylène Jampanoï and Catherine Bégin


glam
7. Februar 2011
freue mich auf weitere empfehlungen und empfehle selbst “eden lake”. hammer.
André Herrmann
30. März 2011
Oh, den hatte ich ganz vergessen, danke! Ich hol’s bald nach :)