"Schön, dass es jetzt Sommer ist", sagte sie.
"Es ist nicht Sommer", sagte ich, "Es ist Frühling."
Eine Sekunde lang blickte sie stumm. "Es fühlt sich an wie Sommer."
"Einundzwanzig, einundzwanzig, dreiundzwanzig, einundzwanzig, noch lange kein Sommer", sagte ich.
"Ja ja."
Und trotzdem fühlte sich mein Gesicht bereits an, als würde es leise schwelen und diesen Geruch von gebratenem Fleisch verbreiten, den man immer nur den Geruch von gebratenem Fleisch nennen konnte. Jede Pore brannte und ich dachte, mein Kopf würde anschwellen, rot glänzend und ich diesem Gefühl nur noch durch wochenlangen Schlaf entrinnen können, so wie es in jedem Sommer so oft vorkam. Die Sonne schien und gleichzeitig schien all das Wasser, das als Regen aus den dichten Wolken hatte herunterfallen sollen, in winzigen Tröpchen in der Luft zu stehen. Man fühlte keine Tropfen, sie machten keine Töne, aber man spürte den Wasserfilm, wenn man sich über die Jacke strich. Es gab auch keinen Regenbogen und das machte es ein wenig leichter.
Wir waren gefühlt durch die ganze Stadt gelaufen, in Wirklichkeit gerade einmal durch die Innenstadt bis zum Kreuz, wo die Demo stattfinden sollte, hatten ein paar Freunde auf dem Weg gesehen, solche, die Eisessen als Beschäftigung ansahen und an denen man auch allein mit einem Gruß vorbei gehen konnte. Die Läden hatten wieder einmal gewechselt ich hatte nur noch wenige erkannt, aber die Cafés waren dicht besetzt gewesen und auch die Idee, die Stühle in mehreren Reihen vor den Läden aufzustellen und so die Straße selbst zur Attraktion zu machen, schien bereits wie in jedem Jahr funktioniert zu haben. Vielleicht hatte es an den ganzen neuen Schaufenstern gelegen, dass es sich nicht sehr heimisch anfühlte.
Ein wenig verspätet am Kreuz angekommen, war niemand zu sehen gewesen und wir hatten gerätselt, ob es sich um niemanden mehr oder noch niemanden dabei handelte. Es hatten keine Flaschen herumgelegen, auch wenn sie bald von den Sammlern aufgelesen worden wären, so schnell hatten sie nicht weg sein können. Es hatte keinen Demowagen gegeben, keine Demonstranten, keine Leute, die gespalten zwischen Ängstlichkeit und Neugierde auf Kissen gelehnt aus ihren Fenster blickten. Nicht einmal mehr abgesperrt war der Platz gewesen, keine Polizeiautos hatten herum gestanden, mit sich langweilenden Polizisten darin, nahe bei den abgebauten Straßenbahnhaltestellen, mit dem Unterschied, dass sie eben nicht abgebaut und sogar die Straßenbahnen noch im Dienst gewesen waren.
Also saßen wir wenig später am Fluß und sahen den Enten dabei zu, wie sie näher und näher an uns heran rückten, je länger wir dort blieben, so als würden wir mehr und mehr zu dem gehören, was sie zu sehen gewohnt waren. Ein Weibchen saß direkt neben meinem rechten Schuh, den Kopf in ihren Federn versenkt und schlief, sodass der Wind sie hin und her schaukeln und manchmal fast das Gummi meiner Sohle berühren ließ. Der zugehörige Erpel patroullierte gemütlich auf dem Bordstein.
"Manchmal glaube ich, die Welt macht einen Bogen um mich", sagte ich.
"Wie das?", fragte sie.
"Genau so", sagte ich.
"Versteh' ich nicht."
"Genau so macht sie es."
Vor dem Gericht stand ein einziger Streifenwagen, der womöglich immer dort stand. Ein Job, um den man niemanden beneiden konnte. Ab und zu schien es den Polizisten erlaubt, eine Runde zu fahren, einmal um den Block alle Viertelstunde, also insgesamt 8 Runden lang für uns.
"Schreibst du darüber etwas?", fragte sie irgendwann, "Dann würd ich's gern lesen, wenn ich darin vorkomme."
"Nein", sagte ich.
"Du schreibst nichts oder ich komme nicht darin vor?"
"Nicht so egoistisch sein", sagte ich und biss mir auf die Lippe, weil ich vor Beklemmung schon wieder die Personalpronomen verlor.
"Wenn man das alles liest, könnte man manchmal sonstwas denken."
"Einfach aufhören, sich in alles hineinzulesen."
"Denk dir noch einfach was aus!"
"Mal drüber nachdenken, ob ich das nicht schon immer mache."

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