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Wie mich die Gesellschaft als Punching-Ball missbraucht

Man sollte nicht nachts um 1 Uhr noch auf die Idee kommen, zwei Kannen Kaffee trinken, das wissen Steffen und ich spätestens jetzt ganz genau, da wir nach der Lesung in dem kleinen Backstagekabuff sitzen und gegen die Müdigkeit ankämpfen. Wie wir den Slam am Abend überstehen sollen steht in den Sternen.
«Wollen wir uns noch ein wenig die Messe angucken?», frage ich.
«Ja.», sagt Steffen.
Ohne jede Bewegung bleiben wir sitzen.

«Feuer bekämpft man am besten mit Feuer!», wirft Tom ein, der als Einziger quicklebendig aussieht, «Ihr müsst einfach weiter Kaffee trinken!».
Und so machen wir uns auf zu einem der Imbiss- und Getränkestände an den Hallenenden, um uns erneut mit jenem Brodem zu versorgen, der uns die vorangegangene Nacht und nicht zuletzt auch den bisherigen Tag entschieden versaut hat.

«Habt ihr auch Milch?», will Tom von der dicken Verkäuferin wissen, die in puncto Freundlichkeit wahrscheinlich aus Berlin importiert worden ist und deren rechte Augenbraue immerfort wahnsinnig vor sich hin zuckt, so als würde sie gleich hinter der Theke vorspringen und mit einem mitgebrachten MG das Feuer auf das Laufpublikum eröffnen.
«Hinter Ihnen!», mault sie.
Tom dreht sich um und schaut mir direkt in die Augen.
«Ach! Ich habt sogar eine eigene Kuh!»
«Jaha, wir haben sogar eine eigene Kuh…», äfft die dicke Frau ihn nach.
«Aber den kenn’ ich.», erklärt Tom, «Das ist keine Kuh, sondern ein Bulle. Bei dem kommen immer nur Spritzer!»
Die restlichen Thekenmenschen beginnen, mich auszulachen, während Tom wild gestikulierend seine Erkenntnis dazustellen versucht.
«Und das flockt auch immer so im Kaffee!»

Geplatzte Bockwürste und bayrischer Kartoffelsalat, der eigentlich warm sein müsste, aber eiskalt ist, als das zusammengehalten von preislich horrenden 7 Euro.
«Ist doch scheiße hier!», muckiert sich Steffen, der vergessen hat, seine CDs mitzubringen, um so die ein oder andere gegen ein Mittagessen eintauschen zu können.
Wir kauen gelangweilt auf unserem Essen und starren versteinert auf die vorbei flanierenden Besucher.
«Alt oder bekloppt!», fasst Tom zusammen, «Entweder du bist hier über 50, trägst beigefarbene Jacken, karierte Schiebermütze und hast eine Frau mit roter Emobrille, die so fette Furchen im Gesicht hat, dass Getreide darin wachsen könnte oder du bist gerade erst 12 geworden, bist verrückt und hast keine Freunde, die dich davon abhalten würden, dich hier lächerlich zu machen.»
Irgendwann hält er wahllos ein paar Jugendliche an, die bunte Stirnbänder mit gravierten Metallplatten an der Stirn, ausladende Kimonos und kiloweise Babyspeck mit sich herumtragen:
«Hey! Hey! Hey! Wo haben die euch denn rausgelassen?»
«Wir sind in Halle 2!», erklären sie.
«Halle 2, soso! Das ist die mit den gepolsterten Wänden, oder?»
Aber die Cosplay-Kumpanen verstehen nicht und gehen irritiert weiter.
«Ich will in Halle 2!», kreischt Tom und rennt davon.

Hallo 2 also. Wäre ich religiös, denke ich, würde ich mir so das Tor zu Hölle vorstellen. Erst Bildungsbücher und dann schließlich Mangas. Dabei sind es gar nicht die Mangas, die mich wie einen Zombie mit herunter gelassener Kinnlade durch die die Gänge wanken lassen, sondern vielmehr die Heerscharen von Mangafans, die sich inmitten der Halle auf einer kleinen Insel niedergelassen haben und sich im Blitzlicht der halb amüsierten, halb erschreckten Besucher aalen.
«Gucke, gucke, gucke!», ruft Tom immer wieder begeistert und kommt nicht mehr von seiner Kamera los, «Guck da!» und «Oh mein Gott!»
Und so Unrecht hat er nicht. Etwa dreißig dickliche Dreizehnjährige hocken da in ihren Kostümen, mal absolut lächerlich, mal gar nicht so schlecht, wenn man zum Beispiel das Lila-Sack-Mädchen nimmt, so habe ich es getauft, das, wie der Name schon sagt, in einem unförmigen, lilafarbenen Sack herumläuft und damit wenigstens ihrer Figur restlos Buße tut.

«Diese… armen… Kinder…», stammelt Steffen immer wieder. Steffen weiß, wie sie sich fühlen. Kurz zuvor hat er uns mit Tränen in den Augen gestanden, früher selbst bei der ein oder anderen Star-Trek-Convention gewesen zu sein. «Aber ohne Kostüm!», hatte er immer wieder betont. Er sei ja schon viel gewohnt, habe schon viel gesehen, damals, in dieser schweren Zeit, erklärte er uns anschließend, aber gegen charakterschwache Teenies in mäßig geschneiderten, durchgehend viel zu eng geschnittenen Klamotten stünde selbst ein einwandfreier Klingone noch wie ein Spießbürger par excellence da.
«Das kommt aber nur daher…», widerspricht Tom, «Das kommt nur daher, dass Star Trek im Laufe der Zeit gesellschaftlich akzeptiert worden ist. So wie Prostitution in bestimmten Ecken. Überhaupt ist Prostitution gar nicht so weit von Cosplay entfernt. Beides macht dich kaputt, beides ist erniedrigend und beides bietet meist einen guten Einstieg in den stickigen Sumpf aus Drogen und Kriminalität.«
Steffen aber wiegelt ab, «Aus mir ist doch auch etwas geworden!».
«Jaaa, damals war die Toleranz auch noch nicht so groß! Heute kommst du ins Fernsehen, wenn du nur bekloppt genug bist! Sei froh, dass es damals noch kein RTL 2 gab, mein Lieber!», konstatiert Tom und zeigt im Vorbeigehen beiläufig auf den anliegenden RTL 2-Stand.

Halle 2 hat mich traurig werden lassen. Etwas wehmütig stehe ich in der Eingangshalle und schaue von einer Brücken hinab auf die Fressmeile, auf der sich hunderte Besucher gerade genüsslich allerlei Würste und Bouletten in die Hälse schieben. Warum muss immer alles so schwer sein? Die Welt könnte so ein schöner Ort sein. Aber überall gibt es Leid, überall Krieg, überall Hunger und als ob das nicht schon genug wäre gibt es nun auch noch Cosplay.
Aber während ich versuche, die Nummer der Telefonseelsorge herauszubekommen, hängt Tom schon halb über dem Geländer und sondiert das Gelände. Dann plötzlich lässt er sich mit einem Ruck zurück in die Aufrechte reißen, wirbelt wie ein Irrer seine sperrige Papiertasche durch Luft, schleudert sie mit aller Kraft mitten in die Menge der Essenden und schreit dabei unüberhörbar:
«Für Allaaah!»
Nach etwa 5 Sekunden ist die Fressmeile leer.
«Siehst du?», stupst er mich an, «Keiner mehr da. Hätten wir mal bei den Mangamenschen machen sollen, da wären viele hier dankbar gewesen!»

Aber dankbar ist man uns wenig:
«So. Sie haben jetzt Hausverbot. Das heißt, dass für sie die Messe vorbei ist!», erklärt uns ein dürrer Typ mit einem werbebekleisterten T-Shirt, nachdem uns einige bullige Security-Gorillas zum Ausgang geschleift haben, sehr zur Freude Steffens, der ihre Existenz fast schon nicht mehr für möglich gehalten hatte. «Bitte kommen Sie nicht wieder hierher.»
Er will uns unsere Karten abnehmen und guckt etwas irritiert, als er die Worte Special Visitor darauf entdeckt.
«Wie, sie machen hier mit?», fragt er.
«Na, aber selbstverfreilich!», grinst Tom.
«Warum veranstalten Sie dann solch einen Unsinn? Nur weil Sie Künstler sind?», er hat Künstler gesagt, denke ich und muss grinsen, womit ich sogleich ungewollt seine Aufmerksamkeit auf mich ziehe, «S-S-S-Sie können froh sein, dass… Sind sie jetzt die ganze Messe über hier? Machen Sie so etwas nicht noch einmal, hören Sie mich?»
Wir verabschieden uns mit Handkuss.
«Und für morgen rühren wir uns einen großen Topf mit falscher Kotze an!», freut sich Tom im Auto.

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