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Nach 12 sitzen sie alle nur noch herum. Nicht, dass es vorher anders gewesen wäre, aber die zeitliche Zäsur macht es gut klingen. Manchmal wechseln die Gruppierung, je nachdem, was sich gerade ergeben hat, wer gerade wen hasst, liebt oder mit Getränken bekleckert hat. Ein paar Leute spielen Jenga. Einer präsentiert seine mitgebrachte Feuerzange.

“Ja, war auch alles ganz schön mit ihr und geküsst haben wir uns auch, nur sie hat halt einen Freund, aber der wohnt in Wuppertal”, sagt er, der dazu seinen Kopf abwechselnd auf die linke und rechte Schulter pendeln lässt.
“Ja”, sagt sie, die das irgendwie nicht allzu sehr zu interessieren scheint und zieht die Hand von seinem Knie, denn immerhin ist sie ja selbst eine Frau, augenscheinlich nicht liiert oder wenn doch, dann wohnt ihr Freund wenigstens weit genug weg.
“34 Ebenen ist Rekord!”, sagt jemand von hinten.

“Ich weiß ja auch nicht”, sagt er weiter, als er das Wegziehen bemerkt, “Da war schon schön, aber jetzt haben wir uns schon zwei Wochen nicht gesprochen und das ist ja schon so eine Art Zeichen.”
“Ja”, sagt sie und zögert, der Hand wegen, ob sie nun zurück aufs Knie soll oder nicht und behält sie dann doch lieber erst einmal bei sich.
“Schau mal bei YouTube!”
Irgendwo weint ein Mädchen, weil eine Andere gerade ihre Beuteziel für heute Abend mit zu sich nach Hause nimmt.
“Jetzt ist sie erst einmal nach Hause gefahren, vielleicht spricht sie sich ja dann mit ihm aus”, sagt er und pendelt kurzzeitig mal nach vorn und hinten.
“Ja”, sagt sie, ringt sich ein Grinsen ab und man sieht, wie die Verbalklinge geschmeidig in ihr Herz gleitet. Jetzt kommt die Hand garantiert nicht wieder.
“Einfach YouTube, Jenga World Record oder so”, ruft jemand.
“Wobei, das kann ja auch heißen, dass sie zusammen bleiben”, sagt er, als er das Spiel mit der Hand endlich bemerkt und aufgehört hat, mit dem Kopf zu wackeln.
“Ja”, sagt sie und wird wieder lebendig, lächelt fast ein bisschen. Silvester ist kein Tag, andem man zu viel Selbstwertgefühl mit sich herum tragen sollte.
“Da kann man dann auch nichts machen”, sagt er, “Das muss man respektieren!”
“Ja”, sagt sie und schon liegt die Hand wieder auf dem Knie, befreit von all dem ehrvollen Ballast, den sie heute ganz sicher nicht an sich trägt.
“Oder mach Mila Superstar. Real! Mila Superstar real.”***, ruft jemand von hinten.
“Hör’ doch mal auf mit der Scheiße”, sagt er und meint den Mila-Mann damit.
“Ja”, sagt sie energisch, drückt sein Knie zur Bestätigung.
Aber es ist Jahreswechsel, das Diktum der Fröhlichkeit obliegt und deshalb schickt er ein Lächeln hinterher. Das Diktum des Abschusses obliegt sowieso, das weiß der Gelockte, als er sich dazu setzt und ihn mit der Zigarette anstupst.
“Hey”, sagt er und hält sich die Hand, “Das tut weh!”
“Ja”, sagt der Andere und drückt die Kippe in den Aschenbecher, “Kann ich mir vorstellen.”
“Hey”, sagt sie, “Wir unterhalten uns hier!”
“Aha”, sagt er und tritt gegen den Jenga-Turm.
“Hey”, sagen die Restlichen.
“Hey”, sagt der Andere und winkt ein bisschen, “Hey” sagt er nochmal, drückt die Brust raus und entleert seinen Magen mit Brunftschreien geziert auf ihren Wickelrock. Immerhin studiert er am Literaturinstitut.
“Iiih”, sagen die Restlichen.
“Ey!”, sagt er.
“Das kommt auf YouTube!”, ruft jemand von hinten.

*** Eine 11-teilige TV-Adaption der Anime-Serie “Mila Superstar” gibt es wirklich, siehe hier als Playlist.

Und weil es so schön ist, das “Attack No. 1″-Titellied:

Mein erstes eBook ist da!
Es heißt Bitterfeld hat auch schöne Ecken und beinhaltet 10 Geschichten aus meiner Reihe "Sehr gute Texte". Kaufen darf man es bei Amazon oder xinxii (epub) für 99 Cent.

Mehr Infos zum Buch gibt es hier.

Ein Kommentar!

udo-neisse
2. Januar 2010

“Eine mit Freund in Wuppertal küssen!” scheint mir ein gutes Vorhaben für das neue Jahr…

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