Ein grauhaariger Mann, der wie ein alter Seefahrer aussieht, mit dunkelblauem Mantel, weißem Bart und kerbiger Haut, geht den Gang des ICEs auf und ab. Immer wieder, auf und ab. Er stört sich nicht an den Gesichtern der Mitreisenden, die immer grimmiger werden, je öfter er sie passiert. Er streicht gelangweilt die ein oder andere Lehne, tappt geruhsam umher, starrt auf den Boden.
Der Zug hat die kritische Halbsitzplatzverteilung erreicht. Das heißt, jedes Paar von Sitzen ist von jeweils einem Menschen und einer Tasche besetzt, der Zug ist voll, hat aber noch Kapazitäten, wenn man davon ausgeht, dass die Taschen noch durch weitere Reisende ersetzt werden könnten. Die Frage ist nur, wann der Erste nachgibt, seine Tasche in die Gepäckablage verbannt und so wieder einen freien Sitz schafft. Keiner will der Erste sein, der seine Intimssphäre aufgibt, wie im Bus.
Neben mir sitzt ein junger Typ, der, wie seinen überlauten Telefonaten zu entnehmen ist, von Casting zu Casting fährt, bis er groß rauskommt. Momentan scheint sich alles jedoch noch auf einem Level zu bewegen, das ihn dazu zwingt, immer wieder um die Fahrtkosten feilschen zu müssen.
Der Seemann tappt vorbei und mustert die sechs Menschen, die Tasche des dicken Mannes gegenüber und mich, die wir uns an den BahnComfort-Tischen niedergelassen haben. Sein Blick sagt: Dies ist eine Parade, keiner kann so tun, als würde er nicht wenigstens mitbekommen, dass dies hier eine Parade ist.
Mein Rucksack liegt in der Gepäckablage und schunkelt vor sich hin. Neben mir: "Natürlich habe ich noch keine Sedcard!"
Der dicke Mann gegenüber gibt sich einen Ruck, wuchtet seine Tasche nach oben und beschließt seine generöse Tat mit einem verständnisvollen Blick in den Rücken des Seemanns. Der dreht sich um, nickt, tappt zum freien Sitzplatz und lässt sich unter einen Stöhnen herab, das schon jetzt Schwierigkeiten beim Wieder-Aufstehen verspricht.
Jetzt arbeitet es in ihm, er will etwas sagen, aber der Gestus des Anderen, Film auf dem Briefmarkenschirm des iPhones und in bester Sprich-Nicht-Mit-Mir-Manier die Kopfhörer im Ohr, sagt eigentlich alles. Er blickt in die Runde, verzieht das Gesicht beim Anblick des Castingjungens, schaut sicher auch auf mich, aber wird auch hier enttäuscht, denn offiziell schlafe ich.
"Kommen Sie aus Westfalen?", platzt es schließlich aus ihm heraus, er meint den dicken Mann neben sich.
Der reagiert nicht, ist versunken im Land des winzigen Bildschirms, also nochmal.
"Kommen Sie aus Westfalen?"
Man bedenke, wir befinden uns auf der Strecke Leipzig-Berlin. Der Seemann verlangt also entweder gerade zu nach einem Nein oder hat in jahrelanger Beobachtungsarbeit einem Ornitologen gleich verschiedenste Verhaltens- und Aussehenskriterien ermittelt, die bei der Herkunft eines Menschen ohne Zweifel auf Westfalen schließen lassen.
"Kommen Sie aus Westfalen!", schreit der Seemann, mehr Aussage als Frage, aber der iPhone-Mann soll schließlich auch reagieren und tut dies nun endlich auch etwas verdutzt.
"Wie meinen?"
"Kommen Sie aus Westfalen?"
"Nein, ich komme aus dem Rheinland."
Diesen erstaunten Blick muss die Bundeskanzlerin jeden Morgen haben, wenn Sie in den Spiegel schaut und nicht davon ausgehen kann, im falschen Körper erwacht zu sein. Hat sich der Seemann in seinen zoologischen Kriterien geirrt oder ist er einfach auf Gut-Glück-Suche gegangen und eben, wie zu erwarten war, damit gescheitert?
"Sie lügen doch!"
"Warum sollte ich?"
"Ach, hören Sie doch auf, Sie lügen doch!"
"Ich bitte Sie…"
Niemand versucht es sich anmerken zu lassen, aber spätestens jetzt ist der gesamte Zug ganz Ohr. Man starrt besinnungslos minutenlang auf ein und dieselbe Stelle, um Tranigkeit zu suggerieren, ist im Kopf doch aber ganz beim Seemann und seinem Opfer.
"Natürlich sind Sie Westfale!"
"Ich sage es Ihnen, ich komme aus dem schönen Rheinland!", und er bemüht sich sichtlich darum, wie ein Rheinländer auszusehen.
"Sie lügen doch!", ruft aufgebracht der Seemann. In seinen Augen wilde Entschlossenheit, wie man sie braucht, will man gegen Atlantikstürme angehen, nicht aber, um von Leipzig nach Berlin zu kommen.
"Ich werde jetzt einfach meinen Film weiter schauen, ok?"
"Ja, und werden Sie sich mal klar, wo sie eigentlich herkommen!"
"Alles klar!", sagt der dicke Mann, indem er sich wieder die Kopfhörer ins Ohr steckt.
Eine Minute ist es ruhig, wie es immer ruhig ist, bevor der Riesenkranken aus der Tiefsee an die Oberfläche schießt, um ein unschuldiges Schiff voller Seemänner in die Dunkelheit des Meeres hinab zu reißen und dabei nichts aus weinende Witwen an Land zu hinterlassen.
"Lassen Sie mich mal durch!", sagt der Seemann und schubst dabei das iPhone des dicken Mannes um. Beim Aufstehen fällt sein Blick auf den Casting-Jungen. Er reißt die Augen auf und brüllt: "Und wenn Sie so nah am Gang sitzen, da passen Sie mal auf, dass Sie nicht aus dem Zug gesaugt werden! Schon bei der Jungerfernfahrt des ICEs ging einfach so eine Tür auf. Sind Sie denn Ihres Lebens müde?"
Der Junge erschrickt und scheint von der Größe des Seemanns vor sich mehr als beeindruckt.
"Was soll denn das? Wenn Sie einfach auf die Gleise geschleudert werden, was ist dann?", ruft er weiter.
Der Junge ist blass, das kann ich nicht sehen, aber es passt dramaturgisch sehr gut. Hier geht es um Ehre und all das, Coolness und Eitelkeit. Darum schiebt er sich die Dior-Brille in die Stirn und sagt in so angewidert klingendem Ton, wie er nur kann: "Gehen Sie doch bitte einfach!"
Aber der Seemann lacht nur. Er lacht so schallend, wie man es nur aus Trickfilmen kennt und eigentlich fehlt dabei nur die Geste der auf dem kugelrunden Bauch verschränkten Arme. Doch sein Bauch ist flach und straff. Er drückt sich auf die Lehne seines Sitzes und verzieht das Gesicht vor Schmerz.
Dann reißt er die Arme in die Luft, wischt sich eine Träne aus dem Auge und ruft quer durch den Waggon: "Und jetzt alle im Chor, auf drei, eins zwei, drei: Haaaaalt die Fresse! Haaaaalt die Fresse! Haaaaalt die Fresse!"
Der ganze Waggon lacht. Nicht über den Seemann.


aepfehlchen
31. März 2010
Genial! Auch ich musste mit/über den Seemann lachen!