Ein paar Tage später saß Petersen beim Interview. Zuvor hatte man ausgiebig Fotos vor Petersens Haus, am Zaun und in der Einfahrt gemacht. Jetzt saß er mit dem Reporter auf der weißen Ledercouch im Wohnzimmer und seine Frau brachte Kaffee.
“Wie kommt es, dass sich keiner Ihrer Mitstreiter öffentlich zu seiner Meinung bekennt?”, fragte der Reporter, “Gibt es überhaupt noch Mitstreiter?”
“Natürlich gibt es die!”, sagte Petersen, verzog die Augenbrauen und machte eine kleine Kunstpause, “Nur wie sie sich vorstellen können, gibt es unter meinen Unterstützern so manche Personen von gesellschaftlichem Rang, die nicht umsonst Privates und Geschäftliches zu trennen versuchen.”
“Sie meinen, weil sie mancher schon antisozialer Einstellungen beschuldigt?”
“Wer sagt denn so etwas?”, rief Petersen, “Das ist ja eine Frechheit!”
“Na zum Beispiel ihre Nachbarin, Frau Wöller, nachdem sie den Brief bekam, was sagen Sie überhaupt dazu? Geht da nicht jemand zu weit?”
“Was denn für ein Brief? Und wieso darf Frau Wöller so etwas über mich verbreiten?”, rief Petersen. Er sprang auf, rannte zur Terrassentür und sah hinüber zum Kindergarten.
“Herr Petersen, sie wussten davon nichts?”
“Wovon wusste ich nichts? Natürlich wusste ich davon nichts. Ich weiß ja nicht einmal jetzt, wovon Sie sprechen, verdammt! Was versuchen Sie hier denn eigentlich heraus zu finden?”
“Es wäre nur interessant gewesen, eine eventuelle Verbindung herstellen zu können.”
“Was denn für eine Verbindung?”, schrie Petersen.
“Frau Wöller hat uns und die Polizei vorgestern darüber informiert, dass sie im Kindergarten ein Kuvert erreichte, das eine Fotomontage von einem brennenden Kindergarten enthielt.”
“Und was hat das mit mir zu tun?”, brüllte Petersen weiter.
“Interessant dabei war nur, dass genau einen Tag später jemand aus ihrem Bürgerbüro in unserer Redaktion anrief und um eine Berichterstattung bezüglich der Lärmbelästigung durch den Kindergarten bat.”
“Raus!”, schrie Petersen und stampfte durch das Wohnzimmer auf den Reporter zu, “So etwas lasse ich mir doch nicht unterstellen, verschwinden Sie!”
“Aber ich beschuldige Sie doch gar nicht”, versuchte es der Reporter.
Petersen packte ihn am Kragen und schob ihn vor sich her in Richtung Tür, “Hauen Sie ab!”
Aus der Küche sah ihn seine Frau verwirrt an, sagte jedoch nichts. Petersen schob den Reporter weiter, riss die Haustür auf und schubste ihn nach draußen, dann schlug er mit aller Kraft die Tür zu.
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In den kommenden Tagen tat Petersen nichts, als weiterhin jeden Tag kurz vor 12 Uhr auf seiner Terrasse zu stehen und die tobenden Kinder zu dokumentieren, denen die Kindergärtnerinnen seit neustem absichtlich etwas mehr Zeit zu geben schienen, ehe sie sie zum Mittagessen riefen. Seine Frau hatte ihm geraten, jetzt am Besten erst einmal ruhig zu bleiben und die Sache mit dem Reporter zu vergessen. Sie genoss die Ruhe, die sich eingestellt hatte und war beruhigt zu sehen, wie der Argwohn ihres Mannes von Tag zu Tag abzunehmen schien. Als sie eine Woche nach dem Interview auf der Terrasse saßen und Kaffee tranken, klingelte es an der Haustür, Petersen ging sie zu öffnen.
“Was glauben Sie eigentlich, was Sie sind?”, vor der Tür stand Frau Wöllner, mit der rechten Hand hielt sie Petersen einen Stein entgegen.
“Was?”
“Das kann ja wohl nicht ihr ernst sein!”, schrie sie, “Erst die neue Klage, dann die Bilder vom brennenden Kindergarten!”
“Und sie glauben, das war ich? Wie dumm, glauben Sie eigentlich, bin ich?”, rief Petersen.
“Dumm genug jedenfalls, sich anders nicht länger zu helfen zu wissen, als letzte Nacht den Stein hier durch unsere Terrassentür zu schmeißen!”
“Warum sollte ich denn so etwas tun?”
“Das müssen Sie gerade fragen, nach ihren Hetzkampagnen gegen uns!”
“Hetzkampagne? Und was ist das, was sie gerade hier machen?”
“Alleiniger Kläger, sage ich nur!”
“Die ganze Straße ist doch gegen ihren Kindergarten, liebe Frau Wöllner!”
“Und genau weil Sie dieser Ansicht sind und sich nicht mehr anders zu helfen wissen, schmeißen Sie uns die Scheibe ein?”, schrie Frau Wöllner.
“Ich fass’ es nicht!”, rief Petersen, “Wenn Sie glauben, dass Sie jetzt noch irgendeine Chance haben, ihren Verein hier zu halten!”
“Sie werden sich noch wundern, Petersen!”
“Da bin ich aber mal gespannt!”
Frau Wöllner ging aufgeregt zurück ins Nachbarhaus, Petersen blickte ihr kopfschüttelnd nach, dann krachte die Eingangstür ins Schloss.
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Als Petersen am übernächsten Morgen die Zeitung aus dem Briefkasten holte, stockte er. Die Titelseite des Lokalteils zeigte ihn mit der Kamera über den Sichtschutz seines Gartens gelehnt und den Finger am Auslöser. “Aufstand des Antisozialen Alten” stand in großen schwarzen Buchstaben über dem Bild, im zugehörigen Artikel wurde berichtet, wie Petersen auf ekelhafteste Art und Weise jeden Tag die spielenden Kinder überwache und per Gericht dafür gesorgt habe, dass diese nur noch bis zum Mittagessen im Garten spielen dürften. Die zitierte Frau Wöllner sprach von zutiefst antisozialem Verhalten, das den Sinn für die eigenen Nachkommen im Rausch des eigenen Wohlstands zu vergessen schien. Petersens Bemühungen im Bürgerbüro wurden als Aufhetzen der Nachbarn beschrieben, seinem eigenen Willen Folge zu leisten, dem jedoch kein Anwohner nachgekommen sei. Neben der Beschreibung der neusten Angriffe auf den Kindergarten waren die Fotomontagen des brennenden Kindergartens, Drohbriefe und ein Bild der zerschmetterten Terrassenscheibe abgedruckt. Der zuerst noch völlig überzogene, aber wenigstens körperlich friedfertige Konflikt habe eine neue Ebene erreicht, in der sich die verzweifelte Wut des Kinderhassers Petersen in völlig neuem Licht zeige.
Petersen wurde bleich. Er trottete ins Haus und ließ die Zeitung auf der Anrichte neben der Haustür liegen. Er wusste nicht, was er jetzt tun sollte, sich wehren, natürlich, aber das, was da gerade über ihn herein brach, war jenseits dessen, was er je für möglich gehalten hatte. Er hatte nicht einen der Briefe zuvor gesehen, geschweige irgendetwas mit den Bildern oder dem Steinwurf zu tun gehabt, nur war er dumm genug gewesen, als einziger öffentlich zu seiner Meinung den Kindergarten betreffend zu stehen, zwar eine relativ große Gruppe von Unterstützern hinter sich wissend, aber eben nur eine große Gruppe Namenloser.
Kurze Zeit später klingelte es. Wie Petersen von den Polizeibeamten erfuhr, hatte Frau Wöllner Anzeige gegen ihn erstattet. Noch an der Tür beteuerte Petersen mehrmals, er habe nichts das Geringste mit dem zu tun, was ihm außerhalb seiner legalen Mittel möglich sei, aber die Polizisten kümmerte es nicht. Mit der Müdigkeit ihrer täglichen Arbeit gaben sie ihm einen Termin zur Vorladung und sagten, er müsse sich kaum Sorgen machen, wenn er wisse, nicht sicher damit in Verbindung gebracht werden zu können.
Am Nachmittag saß Petersen wieder in seinem Wohnzimmer. Obwohl er nur da saß und überlegte, stand ihm der Schweiß auf der Stirn und seine Finger krallten sich immer wieder in die Armlehne der Ledercouch. Das dürfe alles nicht wahr sein, dachte er. Seine Frau hatte sich der Meinung der Polizisten angeschlossen und hinzugefügt, er solle eine Richtigstellung seitens der Zeitung und den Rückzug der Anzeige seitens von Frau Wöllner fordern, damit wäre wenigstens dafür gesorgt, dass er in nicht allzu schlechtem Licht da stünde. Aber das, was da in der Zeitung stand, stand nun erst einmal da.
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Am darauf folgenden Morgen ging Petersen wieder nach draußen, um die Zeitung zu holen. Am Briefkasten blieb er stehen und blickte hinüber zum Kindergarten. Vor der Tür stand ein Polizeiwagen, zwei Polizisten befragten eine in Tränen aufgelöste Frau Wöllner vor den zerbrochenen Scheiben der ehemals komplett verglasten Eingangsfront. Frau Wöllner sah zu ihm herüber, ihr Blick sprach Verständnislosigkeit. Einer der Polizisten nickte Petersen zu, als würde er ihn grüßen. Petersen dreht sich um und ging zurück in sein Haus. Auf der Couch versuchte er sich zu sortieren.
Die Anzeige von Frau Wöllner würde keinen Erfolg haben, da ihm nichts nachzuweisen sei, warum auch. Ebenso die von der Polizei eingesehen Fotos auf Petersens Kamera bewiesen nichts als das Vorhaben, sein Recht durchsetzen zu wollen. Entweder Petersen habe also mit seiner Vorreiterrolle im Bürgerbüro anderen unbewusst den Freiraum gelassen, sich hinter seinem schützenden Rücken auszutoben, oder der Kindergarten selbst nutzte den für ihn günstigen Moment aus, seine Position im Viertel dadurch zu festigen, dass er sich selbst in eine bemitleidenswerte Position manövrierte.
Noch am selben Tag saß Petersen wieder auf seiner Terrasse und manövrierte seine Kamera in Position. Die Kinder waren längst wieder im Haus, niemand lief länger im Garten umher.
“Und was machst du jetzt?”, fragte Petersens Frau.
“Ich warte”, antwortete er.
“Und worauf wartest du?”
“Darauf, dass es etwas passiert.”
Dabei beließ sie es. Petersen so beschäftigt zu sehen, war ihr ohnehin lieber, als ihn tagelang im Wohnzimmer sitzen zu haben, vor sich hin grübelnd und sich Schreckensszenarien ausmalend.
Den ganzen Tag lang saß er auf Terrasse und hielt die Kamera im Anschlag. Schon am nächste Morgen war seine Richtigstellung in der Zeitung zu lesen. Er hatte beschlossen, keine neue Versammlung im Bürgerbüro einzuberufen, sondern sogar das laufende Verfahren auf sich beruhen zu lassen, bis er Frau Wöllner deutlich machen konnte, dass er nichts mit jenen Auswüchsen zu tun habe, die gerade den Kindergarten heim suchten, eine Rehablitation seines Rufes hätte von ganz allein dafür sorgen können, dass der Träger den Kindergarten in ein anderes Viertel verlegen würde.
Petersens Augen tränten. Bis spät in den Abend hinein hatte er ausgeharrt und genau darauf geachtet, wann das Licht im Büro der Leiterin Frau Wöllner ausging, wann sie das Haus verließ und ob sie nicht vielleicht noch einmal zurück kehren würde. Die Abzüge des Falschparkers waren perfekt wiederhergestellt worden, er bräuchte nur einen Beweis und die ganze Situation könnte sich mit einem Mal wenden und den Verdacht von sich abbringen. Den ganzen Morgen über hatten verschiedene Eltern ihre Kinder am Kindergarten abgeliefert, bald müsste das Frühstück vorbei sein und die Kinder bis zum Mittagessen im Garten spielen. Petersen dachte an den Zeitungsartikel und die Drohbriefe. Die eingeworfenen Scheiben waren notdürftigt mit blauen Plastiksäcken abgeklebt, bis der Glaser sie ersetzen würde. Von drinnen drang das dumpfe Rufen der Kinder nach draußen. Dann hörte er den Schließmechanismus und die Terrassentür öffnete sich. Petersen setzt sein Auge an den Sucher und wartete darauf, irgendetwas verdächtiges vor die Linse zu bekommen. Ein paar Kinder rannten die Terrasse herunter in den Garten, aufgeregt schrien sie und versuchten einander schon direkt bei der Tür zu fangen. Ein kleiner Junge wurde angetippt, blieb stehen und versuchte, den schnellsten Weg auszumachen, ein anderes Kind zu fangen. Er rannte los und auf die Rasenfläche in Richtung des Sandkastens. Petersen hörte ein lautes “Pling!”, er drückte den Auslöser.
Klick.
Den Jungen riss von den Füßen in die Waagerechte, seine Augen waren aufgerissen.
Klick.
Im Licht sah Petersen einen dünnen Draht, der zwischen seinem und dem wiederum an das nächste Haus angrenzenden Gartezaun direkt auf Halshöhe eines Kindes, gespannt war.
Klick.
Die übrigen Kinder standen still, an der Terrassentür erkannte Petersen eine der Kindergärtnerinnen, jetzt sah sie auch Petersen.
Klick.
Als der Junge auf den Boden schlug, konnte Petersen eine rote Linie an seinem Hals erkennen, die sich, genau in dem Moment, als sich der Körper des Jungen entspannte, weitete.
Klick.
Sofort war das T-Shirt des kleinen Jungen blutrot. Petersen stand der Mund offen, die Kinder schrien, nur der kleine Junge lag leblos auf dem Boden, aus seinem Hals drückte sich Welle um Welle Blut.
Petersen riss sich los, die Kindergärtnerin stand noch immer an der provisorisch abgedeckten Terrassentür und rührte sich nicht. Petersen rannte ins Haus und rief den Notdienst. Als er aus der Ferne sich in Interferenzen leiser und wieder lauter werdende Sirenen hörte, kam seine Frau dazu.
“Was ist denn passiert?”, fragte sie.
Petersen tippte aufgeregt auf seiner Kamera herum, mehrmals musste er neu beginnen, ehe er alle Bilder von der Speicherkarte gelöscht hatte. Er überlegte, ob er die Kamera auf den Boden werfen sollte, dann glitt sie ihm ganz von selbst aus der Hand.
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Teil 1 gibt’s hier, Teil 2 hier.













