Klick.
Petersen nahm das Auge vom Sucher, stieg vom Hocker und notierte sich gewissenhaft Datum und Uhrzeit in einem dicken Heft. Penibel führte er schon seit längerem schon genaue Aufzeichnungen. Er änderte ISO-Wert und Weißabgleich, stieg wieder auf den bereitgestellten Hocker, führte die schwere Kamera ans Auge und richtete sie über den hölzernen Sichtschutz auf das Nachbargrundstück. Vorsichtig hielt er Balance, seine Beine zitterten und seine Augen brauchten einige Sekunden, um sich der veränderten Tiefe des Zooms anzupassen. Als er endlich Halt gefunden hatte und die Kamera stabil halten konnte holte er tief Luft und hielt inne.
Im Garten des Nachbarhauses lief der Rasensprenger und durch die hin und her schwenkenden Wasserfäden rannten unzählige Kinder. Die Vögel zwitscherten, der Himmel war blau, die Kinder lachten und sprangen umher, schrien und kreischten, wenn sie die dünnen Wasserstrahlen trafen. Auf einer Bank saß eine junge Frau im Sommerkleid und las weiteren Kindern langsam und betont aus einem buntem Buch vor. Hin und wieder reckte sie den Hals, um nach denen zu sehen, die nur in Unterwäsche oder gänzlich nackt auf dem Rasen umher tobten, dann wendete sie sich wieder ihrer Zuhöreren zu.
Klick.
Petersen wischte sich den Schweiß von der Stirn und besah sich die Aufnahme, zählte die umher laufenden Kinder und notierte sich anschließend die Zahl in seinem Heft. Der Rasensprenger schwenkte um und traf für ein paar Sekunden den Sandkasten, sodass die darin spielenden Kinder aufsprangen und ihre Plastikeimer umwarfen, eines begann zu weinen.
Klick.
“Kommt ihr bitte?”, rief vom Hintereingang eine weitere Frau nach draußen, “Es ist zwölf, das Essen ist gerade gekommen. Susanne, kommt ihr rein?”
Klick.
“Ja, ich bin gleich fertig”, rief die Frau von der Bank und streichelte den Kopf eines blonden Jungen, der gebannt neben ihr saß, dann reckte sie wieder den Hals: “Habt ihr gehört, Allemann wieder rein, es gibt Mittagessen!”
Die Kinder stöhnten und rannten umso wilder durch den Garten, als Susanne nach ihren kleinen Armen zu greifen begann. Sie brauchte eine Weile, ehe sie auch die letzte Kindern eingefangen und ins Haus bugsiert hatte. In dem Moment, da die Tür ins Schloss fiel, kehrte sofortige Ruhe ein, nur der Rasensprenger summte leise.
Klick.
“Übertreibst du nicht ein bisschen?”, kam es aus Petersens Haus und zwischen den großen Flügeltüren trat seine Frau auf die Terrasse. Sie trug eine ausgebeulte Hose aus weißen Segeltuch, dazu eine luftige Bluse und eine fast rahmenlose Brille, ihre fast gänzlich weißen, aber noch immer vollen, langen Haare hatte sie zu einem Zopf gebunden.
“Zwölf Uhr”, rief Petersen und rückte sich seinen Fischerhut zurecht, “Elsbeth, zwölf Uhr hat der Richter festgelegt, ab dann haben die im Haus zu sein mit ihrem Zirkus!”
“Ist ja auch richtig”, sagte seine Frau, “Sie halten sich ja auch daran, hör doch mal hin, keiner mehr da!”
Sie griff nach der Zeitung und ließ sich auf einen der schweren Kirschholzstühle nieder.
“Gleich ist halb eins, Elsbeth, irgendwo muss auch mal eine Grenze sein und die soll eingehalten werden!”, rief Petersen und fechelte sich Luft zu. Sein Kopf war rot und Schweiß stand ihm auf der Stirn.
“Du hast denen doch schon genug zugesetzt. Gib dich doch einmal mit dem zufrieden, was du ohnehin schon erreicht hast.”
Petersen schnaubte laut, griff sein Notizheft und ging ins Haus. Er setzte sich an den Schreibtisch seines Arbeitszimmers und zog einen der vielen Aktenordner mit der Aufschrift “Kita Maikäfer” aus einem mächtigen Regal. Der Ordnen war voll mit Bildern von spielenden Kindern, dazu Notizen mit Datum und Uhrzeit, und solchen, die Autos zeigten, die vor dem Nachbarhaus und Petersens eigenem Haus parkten, auch diese hatte er kleinlich mit Datum und Uhrzeit versehen.
Petersen fuhr den Computer hoch und machte ein paar weitere Notizen in seinem Heft.
“Elsbeth”, rief er, “Ich muss die Fotos ausdrucken, hilf mir mal, das Ding hier an den Computer anzustecken!”
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“Ich habe doch nicht mein ganzes Leben lang gearbeitet, um mir meine wohl verdiente Ruhe jetzt zunichte machen zu lassen!”, schrie Petersen, “Jeden Abend dasselbe Theater. Ich kann nicht einmal mehr mein Auto aus der Garage fahren, weil ihre komischen Eltern jeden Tag meine Ausfahrt zuparken.”
“Als ob sie jemals irgendwohin fahren würden. Sie sind doch viel zu sehr damit beschäftigt, jeden Tag entweder über ihrem Zaun zu hängen und Fotos von unseren Kindern zu machen oder genau den Zeitpunkt abzupassen, wenn sie abgeholt werden”, rief die Leiterin des Kindergartens, riss sich mit einem Ruck ihr helles Kleid und ordnete hastig ihre sonst so exakte Frisur, die über ihrer Wut in Unordnung geraten war.
Petersen stand im Anzug im Büro seines Nachbarhauses, die Fotos in seinen Händen vibrierten vor Anspannung.
“Zweiundzwanzig Kinder!”, schrie er, “Zweiundzwanzig! Und ich hab Beweise, dass sie mehr als die erlaubten zweiundzwanzig hier beherbergen!”
Die Leiterin setzte sich an ihren Schreibtisch und begann, sich die Schläfen zu massieren.
“Wenn Sie Ihre Kraft sinnvoller einsetzen würden, hätten wir beide weniger Ärger am Hals!”
“Ich habe ein Recht auf meine Ruhe, das ist hier ein geschützer Wohnbereich!”, brüllte Petersen, “Und da bin ich nicht der Einzige hier in der Nachbarschaft!”
“Es sind Kinder, was soll ich denn mit ihnen machen? Soll ich sie den ganzen Tag lang hier im Haus einsperren, bis sie alt genug sind, arbeiten zu gehen und ihnen ihre Rente zu bezahlen?”
“Das ist ist doch nicht Problem, Frau Wöller, warum eröffnen sie auch hier Kindergärten, wo gesittete Menschen nichts Anderes wollen, als Abstand von dem ganzen Hickhack in der Innenstadt?”
“Da fragen sie mal die ganzen Eltern hier aus der Gegend”, sagt Frau Wöller, “Fragen sie doch die, die ihre Kinder zu uns bringen! Oder fragen sie die Stadt, die händeringend nach privaten Trägern sucht und sich freut, wenn sich jemand der Unterversorgung mit Kindergartenplätzen annimmt!”
“Gehen sie doch dahin, wo die Leute nichts Anderes zu tun haben, als Kinder zu bekommen, aber belästigen sie nicht hart arbeitende Leute, die auch mal frische Luft atmen wollen, ohne dabei das ständige Geplärre ertragen zu müssen!”
“Es kann einem ja fast schon so vorkommen, als hätten sie nur darauf gewartet, dass endlich jemand in die Villa neben ihnen zieht, damit sie ihn spaßeshalber verklagen können. Ziehen sie doch einfach weg, dann haben wir beide Ruhe.”
“Wertminderung!”, schrie Petersen und riss die Arme in die Luft, “Dank Ihrem Verein kann ich mein Haus ja nicht einmal zum Normalpreis verkaufen, weil sich das niemand antun will, neben so einem Zirkus vor sich hin zu vegetieren!”
“Beschweren Sie sich doch bei der Stadt, wenn Sie unbedingt jemanden brauchen, den sie anfeinden können.”
“Das werd’ ich tun, Frau Wöller, das werden Sie sehen, und morgen sind die Fotos von meiner Ausfahrt beim Verwaltungsgericht!”
Petersen stürmte aus dem Büro und schlug die Tür hinter sich zu, dass die Glasscheibe darin zitterte. Draußen schien ihm die Sonne ins Gesicht und auf den schwarzen Anzug, sodass er noch mehr als ohnehin schon zu schwitzen begann. Er schäumte vor Wut und atmetete mehrere Male tief durch, dann verstaute er säuberlich die Fotos in seiner Aktentasche, entdeckelte das Objektiv seiner Kamera und begann, ein Auto zu fotografieren, das gegenüber seiner Einfahrt parkte.
Als Petersen gerade versuchte, das Nummernschild gänzlich ins Bild zu rücken, hörte er hinter sich Schritte. Ein junger Mann in Sakko und ein kleiner Junge kamen näher.
“Was machen Sie denn da?”, fragte der Mann mit hochgezogenem Kinn.
“Ich dokumentiere einen Falschparker”, sagte Petersen, “Ist das ihres?”
“Natürlich ist das meins, ich hole meine Sohn aus dem Kindergarten ab.”
“Und parken mir deshalb die Einfahrt zu”, unkte Petersen.
“Was soll denn das? Sie sehen doch selbst, dass es hier keine Parkplätze gibt, sie haben doch massenhaft Platz, aus ihrer Garage zu fahren.”
“Genau wie sie massenhaft Platz haben, vor einer anderen Einfahrt zu parken und deren Eigentümer zu belästigen.”
Der Mann fuhr sich durch die Haare, drückte eine kleine Fernbedienung an seinem Schlüsselbund und mit einem Klacken öffnete sich die Zentralverriegelung.
“Steig schonmal ein, Justus”, sagte er, “Papa hat noch was zu klären.”
Petersen machte ein weiteres Bild und ging langsam in Richtung seines Hauses.
“Hey”, rief der Mann, “Was glauben Sie eigentlich, was sie hier sind, der viertelseigene Sherrif, oder wie?”
“Ich bestehe nur auf meinem Recht”, sagte Petersen.
Der Mann begann zu rennen, überholte Petersen und baute sich vor ihm auf. Dann begann er ganz langsam: “Sie löschen jetzt die Bilder.”
“Und ob”, sagte Petersen und versuchte, sich an dem Mann vorbei zu schieben, der aber griff nach der Kamera und hielt sie am Umhängegurt.
“Ich sag’s ihnen noch einmal.”
“Lassen Sie meine Kamera los!”, schrie Petersen und zerrte an der Kamera, der Mann aber ließ nicht los. Petersen riss mit aller Kraft und versuchte sich gleichsam umzudrehen, doch der Mann, der mit der einen Hand noch immer fest den Gurt umklammert hielt, schlug mit der anderen darauf und die Kamera knallte auf den Bordstein.
“Die werden Sie bezahlen!”, schrie Petersen, indem er sich bückte und die Splitter der Kamera zu einem Haufen zusammen schob, “Ich hab ihr Kennzeichen!”
“Das haben sie doch bis zur Haustür eh wieder vergessen, alter Mann!”
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Weiter geht’s hier (teil 2) und hier (Teil 3).













