Ich stand gerade am Küchenfenster, genoss den aufkommenden Frühling und sah den Nachbarskindern fröhlich dabei zu, wie sie die Tragfähigkeit des noch gefrorenen Teichs überschätzten, als plötzlich mein Handy klingelte. Ich kannte die Nummer nicht, also entschied ich mich dazu, mich höflich mit „WHAASUUUUUP?!“ zu melden.
„Schönen guten Tag, Müller, Künstlersozialkasse“, sagte eine Frau und ich wiederholte:
„WHAASUUUUP?!“
„Ich wollte Ihnen nur mitteilen, dass Ihr Beitrittsantrag genehmigt wurde.“
„Schön“, sagte ich, „Und was mach ich jetzt?“
„Sie melden sich einfach bei einer beliebigen Krankenkasse an und tragen als Arbeitsgeber ‚Künstlersozialkasse‘ ein.“
„Ok, und dann läuft das alles automatisch?“, fragte ich.
„Genau, sie können morgen anfangen. Machen Sie’s gut, ‘n schönen Tag noch.“
„Anfangen?“, fragte ich, aber mir antwortete nur noch das Freizeichen.
Ich lag noch im Bett, als es am nächsten Morgen wie üblich an der Tür klingelte. Statt mir einfach einen neuen Wecker zu kaufen, bestellte ich seit einigen Monaten täglich etwas bei Amazon und ließ mich vom Postboten wachklingeln. Verschlafen öffnete die Tür und wollte schon automatisch nach dem Plastikstift zum Unterschreiben greifen, als mich ein dünner Wasserstrahl direkt ins Gesicht traf.
„Ey!“, rief ich, während ich mir die Augen rieb, „Der König findet das gar nicht cool!“
„König?“, fragte eine Stimme, die nicht wie die des netten Paketmanns klang.
„König Kunde, man! Die Privatisierung war wohl zu viel für euren Verein, was?“
Ich blinzelte und je mehr ich meine Augen vom Wasser befreit hatte, erkannte ich vor mir einen ausgewachsenen Clown.
„Tag, Clown Pepito mein Name, Künstlersozialkasse, das hier ist mein Kolle–“
Ich sah in den Flur, ein goldgelockter Typ im Tweedjacket stand vor der Tür meiner Nachbarin und klingelte.
„Wir haben 100 Leute gefragt, nennen Sie etwas, das nicht zurückschlägt, wenn man dagegen tritt!“
„Kommst du vielleicht mal her, du Idiot?!“, rief Pepito ihm zu, „Darf ich vorstellen, mein Kollege Herr Palawer, seines Zeichens Quizmaster.“
„Tag“, sagte ich.
„Welches Tier hat elf Beine, a) Spinne b) ein pervers chirurgisch verunstalteter Elefant?“, rief Herr Palawar.
„Herr Herrmann, Sie sind heute Morgen nicht zum Dienst erschienen, ziehen Sie sich bitte an und kommen Sie mit.“
„Welcher Dienst?“, fragte ich.
„Quatschen Sie nicht so viel“, mahnte Pepito und zog ein Klemmbrett aus einem seiner riesigen Schuhe, „Hier steht sie haben sich kürzlich bei der KSK als Schriftsteller und Dompteur angemeldet, reichlich ungewöhnliche Kombination, finden Sie nicht?“
„Ich wollt mir halt ein paar Möglichkeiten offen halten“, sagte ich.
„Wie dem auch sei, ziehen Sie sich an, wir bringen Sie in die Kaserne.“
Die viereckigen Räder des winzigen Clownautos machten die Fahrt nicht gerade angenehm. Wir holperten durch die Innenstadt, niemanden auf der Straße schien es zu wundern, das das Auto gerade einmal fünfzig Zentimeter groß war und trotzdem drei ausgewachsene Männer fassen konnte. Als wir auf dem Innenstadtring waren reichte mir Pepito eine Schachtel Roth-Händle ohne Filter.
„Los, rauchen Sie! Wir wollen doch nicht, dass die Leute einen falschen Eindruck von unseren Schriftstellern bekommen. Das ist zwar ein Firmenwagen, aber bei Schriftstellern steht das Gequarze halt fest im Vertrag.“
Am Markt hielten wir plötzlich an.
„Was ist los?“, fragte ich, aber bekam keine Antwort.
Pepito drückte einen riesigen roten Knopf auf dem Armaturenbrett, langsam hob sich eine Ecke des Marktplatzes und wir rauschten in die Tiefe.
„Ist das der City-Tunnel?“, fragte ich, während ich die riesigen Betonröhren betrachtete.
„Der Fachterminus ist zweckentfremdete Zufahrtsstraße zur Künstlersozialkaserne“, berichtigte mich Pepito.
Irgendwann kamen wir auf ein offenes Gelände, in der Ferne erkannte ich ein großes, eingezäuntes Gebiet, aus dem mehrere hohe Türme heraus ragten, sowie einige Flachbauten.
Wir fuhren vor ein schweres Eisentor, das von einem Mann mit Zylinder bewacht wurde. Grüßend hob der Mann seinen Hut, dann wirbelte er ihn vor Pepitos Gesicht herum.
„Schauen Sie, mein Hut ist leer und nun, simsalabim!“
Er drehte den Hut noch einmal, griff hinein und zog eine miauende Katze hervor.
„Ganz recht, meine Herren, eine wunderschöne Taube!“
„Stehst nicht umsonst hier an der Wache, mein Freund“, murmelte Pepito, der Zauberer zog einen Stab aus seiner Tasche, betätigte einen Knopf wir fuhren durch das Tor aufs Gelände.
Langsam kurvten wir durch eine Betonstadt, keine Menschenseele war zu sehen, nichts von alledem kam mir bekannt vor. Irgendwann hielten wir vor einem langen Flachbau, Pepito und Herr Palawer nickten mir zu und wir stiegen aus. In dem Haus befand sich monströses Großraumbüro, fast alle Plätze waren besetzt und niemand schaute auf, als wir durch die schmalen Gänge trotteten.
Pepito und Herr Palawer begleiteten mich zu einem freien Arbeitsplatz.
„So, und jetzt assoziieren Sie mal schön, Herr Herrmann“, sagte Pepito, „Feierabend ist 18 Uhr, den Ausdruck geben sie dort ab, Zigaretten und Kaffee gibt’s da vorne gratis. Und jetzt entschuldigen Sie uns bitte, Herr Palawer muss jetzt wieder zu Sat 1 und ich hab nachher noch einen Kindergeburtstag zu besuchen. Viel Erfolg!“
Ich setze mich auf meinen Stuhl, vor mir standen Aschenbecher und ein Laptop. Überall klackerten die Tastaturen, kein Wort war zu hören. Ich sah mich um, nicht weit von mir sah ich Clemens Meyer und etwas weiter hinten saß tatsächlich Juli Zeh! Nachdem ich mich eine Weile umgeschaut hatte, hatte ich auch Hertha Müller, Günther Grass und viele andere große Namen entdeckt.
Mit einem Mal wurde die Tür aufgestoßen und zwei Ballett-Tänzer schwebten in den Raum. Zielsicher tanzten sie zu einem der Arbeitsplätze, traten dem dort Sitzenden den Stuhl weg und zerrten ihn wortlos nach draußen.
„Was war das?“, fragte ich meinen Nachbarn, der kein Geringerer als Maxim Biller war.
„Wahrscheinlich ‘ne Totgeburt geschrieben“, grummelte er, „Kommt öfter vor, der fliegt jetzt sicher raus und wird Maurer.“
Mein Gott, dachte ich, so hatte ich mir das Künstlerdasein nicht vorgestellt. Vorsichtig tippte ich ein paar Sätze, aber mir fiel nichts ein. Verzweifelt starrte ich an die Decke, was würden sie wohl mit mir machen, wenn ich es nicht fertig brächte, einen großen Roman zu schreiben?
Hinter dem Laptop erkannte ich einen kleinen Knopf, auf dem in winzigen Buchstaben Blockade stand, ich zögerte einen Moment, dann drückte ich ihn. Sofort öffnete sich unter mir eine Luke und ich fiel nach unten, alles war dunkel, aber ich spürte, wie ich durch ein verschlungenes Labyrinth rutschte. Plötzlich öffnete sich vor mir eine Wand und ich flog in hohem Bogen auf einen freien Platz.
Ich sah mich um, kein Mensch war auf der Straße, aber irgendwie hatte ich das Gefühl, das in allen Häusern um mich herum fleißig gearbeitet wurde. Jemand tippte mir auf die Schulter, ich drehte mich um und Pepito stand mit traurigem Clownsgesicht vor mir.
„Na, Herr Herrmann, gleich mal den großen Dramatiker gegeben, was?“
„Was soll das?“, fragte ich, „Wieso sitzen dort drin Hunderte bekannter Schriftsteller und schreiben im Akkord?“
„So läuft’s halt!“, lachte Pepito, „Was haben Sie denn gedacht? Dass die Märchen stimmen, selbstbestimmtes Leben und solches Zeug? Pennen bis Mittag, jede Woche ‘ne neue Tussi, das erste Bier nach dem Aufstehen und ab und zu mal dem Roman eine Zeile geopfert? Haben Sie ernsthaft geglaubt, so ‘ne schmeichelnde Beschreibung ist ohne harte Arbeit entstanden?“
„Ich weiß nicht, ob ich so schreiben kann“, sagte ich.
„Aber Sie haben doch schon Texte geschrieben, oder?“, raunte Pepito.
„Ja, aber mehr so Vorlesesachen für die Lesebühne oder für Slams.“
Abrupt hielt Pepito inne, seine riesigen Schuhe wippten quietschend vor sich hin.
„Dachte ich’s mir doch!“, schrie er, „Sie sind auch nur so ein verkappter Slam-Idiot, der sich bei uns einen künstlerischen Deckmantel erschleichen will! Sowas haben wir gerne, was glauben Sie überhaupt, wie bescheuert wir sind? Als ob wir nicht selbst schon drauf gekommen wären, eine Poetry-Slam-Kategorie in unsere Anmeldung einzubauen, wenn wir Lust auf diesen Quatsch hätten?! Aber wollen wir solche Leute hier haben? Nein!“
„Also, eh, ich dachte, ich verdien ja auch Geld damit und Schreiben ist doch Schreiben.“
„Ist es nicht!“, schrie Pepito, „Keine zusammenhängenden fünf Seiten könnt ihr Spinner schreiben, höchstens ein paar lächerlich-gefuhlsduselige Gedichte, mit denen ihr gerade mal labile Vierzehnjährige beeindrucken könnt, oder irgendwelche schlampig dahingeworfenen Witzesammlungen!“
„Aber ich will ja auch Romane schreiben“, sagte ich.
„Und warum haben Sie dann erst mit diesem Slam-Mist angefangen? Das führt doch zu nichts! Wer Romane schreiben will, soll Romane schreiben, gottverdammt!“
Pepito räusperte sich.
„Also“, seine Stimme hatte sich wieder beruhigt, „Machen wir’s kurz und diplomatisch. Jetzt, da sie enttarnt sind, ist das Einzige, was ich noch für Sie tun kann, sie in irgendeinem anderen Ressort unterzubringen.“
Er legte mir den Arm über die Schulter und zog mich mit sich: „Spielen Sie Gitarre?“
„Ja, so ein bisschen, eher E-Gitarre.“
„Na wir woll’n mal nicht übertreiben“, lachte er, „Rockstars können selbst wir aus euch Slam-Stümpern nicht machen. Aber hier“, er deutete auf einen freistehenden Turm, um dessen Spitze die Krähen kreisten, schiefe Gesänge und Gitarrengeschrammel war zu hören.
„Das ist der Kabarettisten- und Liedermacher-Turm. Ich könnte Ihnen eine schöne Zelle anbieten, in der sie dann ein paar simple Lieder über irgendwelche Wortwitze oder lustige Gegenstände beschreiben können, das finden Sie doch sicher witzig, oder?“
„Nee“, sagte ich, „Das meiste vom Kabarett finde ich zu plump.“
„Hah!“, rief Pepito, „Sagt der Poetry-Slammer!“
„Witzig!“, sagte ich.
„Und Comedy? Ich weiß, das hören Sie nicht so gern, aber Comedy ist doch gar nicht so weit weg, hätten Sie darauf Lust? Wir haben da ein schönes Comedy-Verlies, Appelt, Mittermeier, Engelcke, alle da!“
„Da käme ich mir auch schäbig vor, glaube ich. Gibt’s vielleicht so eine Art Blogger-Haus?“
„Jetzt machen Sie ja doch Comedy!“, grinste Pepito, „Nene, da seh ich schwarz für Sie, Herr Herrmann, und fragen Sie bitte nicht nach einem Aphoristiker-Tempel oder sowas.“
„Vielleicht ist das ja wirklich nichts für mich“, sagte ich resigniert.
Pepito nickte: „Ja, sowas muss man sich manchmal eingestehen.“
„Kann ich jetzt gehen?“, fragte ich.
„Nee, so einfach ist das auch wieder nicht.“
Wir kamen an einem extra eingezäunten Platz vorbei, auf dem einige Männer, die in ein altertümliches Joch eingespannt waren, traurig ihre Runden drehten. Etwas abseits schlug ein maskierter Folterknecht unablässig auf einen Mann ein, der sich im Näherkommen als Mario Barth heraus stellte.
„Ja, gucken Sie ruhig! Den versuchen wir zum Beispiel schon seit Ewigkeiten loszuwerden, aber der sträubt sich, findet’s wahrscheinlich geil oder sowas. Und die Leute finden Ihn klasse, ich sag’s Ihnen, Kunst ist manchmal ein echtes Scheißgewerbe!“
„Wie ist das mit dieser Insel, auf der die angeblich toten Rockstars leben, gibt’s die?“
„Natürlich“, sagte Pepito, „Aber das ist keine Insel, sondern ein Neubaublock in Grünau. Dort weiß eh keiner, wer Kurt Cobain oder Jimmy Hendrix ist, dort können die ganz unerkannt leben, herrlich, sag ich Ihnen.“
„Und? Kann ich da nicht hin?“
„Ich hab’s Ihnen doch schonmal gesagt, Sie sind kein Rockstar und aus Ihnen wird auch keiner! Die lachen Sie aus, wenn wir Sie da hinschicken! Webdesign hätte ich noch.“
„Nee, das ist doch keine Kunst“, sagte ich.
„Nicht frech werden! Aber warten Sie, ich hab da gerade eine Idee. Vielleicht können wir das so machen.“
Am darauf folgenden Morgen wurde ich von einem Klingeln geweckt. Ich öffnete die Augen und sah mich um. Ich lag in meinem Bett, alles schien normal. War das alles nur ein Traum gewesen? Ich öffnete die Wohnungstür, der Paketmann hielt mir wortlos ein Amazon-Päckchen entgegen, ich nahm es und unterschrieb, aber er machte keine Anstalten, zu gehen.
„Ist irgendetwas?“
„Haben Sie denn schon gehört, was passiert ist?“, fragte er mit aufgerissenen Augen.
„Was denn?“
„André Herrmann ist tot!“
Verdutzt machte ich einen Schritt nach vorn und sah auf das Klingelschild neben der Tür, Kaluschniczek stand dort.
Der Paketmann kramte in seiner Hosentasche und zog einen Zeitungsausschnitt hervor: „Hier, steht alles in der Zeitung!“
Ich nahm den Ausriss uns las voller Erstaunen die Schlagzeile: „Die Literaturwelt trauert: Bestsellerautor André Herrmann mit nur 24 Jahren verstorben.“
Sprachlos drehte ich mich um, schloss die Tür und tappte benommen ins Wohnzimmer. Auf der Couch saß eine wasserstoffblonde Frau in Unterwäsche und schaute Frühstücksfernsehen, während sie missmutig Zigaretten stopfte.
„Was macht’n du hier?“, brüllte sie, „Ich dachte du wärst langst auf der Baustelle? Mach dich fort, Junge, deine Bemmen liegen in der Küche!“
Ich nickte. In meinem Zimmer fand ich einen gelben Schutzhelm, mein Schreibtisch war verschwunden und durch einen riesigen Plasmafernseher samt XBox ersetzt worden, davor lag eine blaue Latzhose, die ich anzog. Unten vorm Haus wartete schon ein VW-Transporter. Als ich einstieg, bekam ich ein Bier in die Hand gedrückt. Schon in der Mittagspause schmerzten meine Knochen, es war ein echtes Gefühl. Es war gut. Und vielleicht könnte ich das ja alles einmal aufschreiben, so ganz ohne Druck.


André
17. März 2011
Für alle Nicht-Leipziger:
Der City-Tunnel ist sowas wie das Leipziger U-Bahn-Netz, das gerade gebaut und in tausend Jahren sicher auch fertig sein wird.
Grünau ist ein Plattenbau-Stadtteil im Westen Leipzigs, nicht gerade wunderschön, aber eben eines der großen DDR-Ballungsgebiete der Stadt.
Maikel Jay (via facebook)
17. März 2011
Schriftsteller und Dompteur. Reichlich ungewöhnliche Kombination – i love it.
Pepito
17. März 2011
Herrmann!
NOCH SO EIN DING UND WIR REAKTIVIEREN UNSER TWITTER-GULAG! Sie denken doch wohl nicht etwa, dass unser Facebook-Kerker das schlimmste ist, was wir im Angebot haben?! Neee, mein Bester! Und wenn wir wollen, und wir wollen, auch wenn wir nicht sollen, verschärfen wir das Ganze noch ein bisschen und richten Ihnen ein Blog bei LVZ-Online ein!
Also! Hömma!
Nele Kock (via facebook)
17. März 2011
Das ist ganz groß, André!
André Herrmann (via facebook)
17. März 2011
Dankeschön :-)
T.
18. März 2011
Herzlich gelacht!
Kenne aehnliche Geschichten von meiner Mutter, die bei der Ksk arbeitet!