Nach vierzig Jahren Ehe hat sich der über Siebzigjährige Alfie, den panische Angst vor dem Altsein zu ständigem Sport antreibt, von seiner Frau Helena getrennt. Er kauft sich einen Sportwagen, lebt fortan in einer stylischen Junggesellenwohnung, doch so richtig will sich das junge wilde Leben nicht wieder einstellen. Seine Ex-Frau Helena flüchtet sich derweil in die Esoterik, geht regelmäßig zur Mehr-oder-Minder-Wahrsagerin Cristal und lässt sich von dieser all ihre Sorgen genau auf jene Art und Weise erklären, wie sie ihr am meisten schmeicheln. Währenddessen steht es auch um die Ehe von Helenas und Alfies Tochter Sally nicht sonderlich gut. Sally will eigentlich nur ein Kind und arbeitet als Assistentin eines erfolgreichen Galeristen, ihr Mann Roy ist Schriftsteller und droht gerade daran zu scheitern, an seinen ersten erfolgreichen Roman anzuknüpfen. Beide haben, obwohl Roy studierter Arzt ohne Zulassung ist, so wenig Geld dass sie stets auf Helenas Unterstützung angewiesen sind, was diese wiederum zu ständigen Kurzbesuchen und Whiskyverkostungen in der Wohnung der beiden inspiriert.

Doch nicht nur für Helena finden sich schnell Erleichterung und Ablenkung. Sally, genervt von Roy, beginnt, sich in ihren Chef Greg zu vergucken und kann sich mehr und mehr vorstellen, eine Affäre mit ihm zu beginnen. Roy hingegen findet zunehmend Interesse an der Musikpromovendin Dia, die er durch sein und Sallys Schlafzimmerfenster sowohl beim Gitarrespielen, als auch beim Sich-Ausziehen beobachten kann und die er bald schon zum Essen einlädt. Auch Alfie hat bald eine Neue an seiner Seite, auch wenn es nur die Prostituierte Charmaine ist, der es ganz offensichtlich nur um Alfies immer weiter schwindendes Vermögen geht. Dass sich so eine Konstellation nicht lang halten wird, kann sich jeder ausmalen, und natürlich ergibt sich schnell für jede Figur eine neue Perspektive, doch nie scheinen sie mit dem zufrieden sein zu können, was sie gerade haben, immer ist das, was so unerreichbar scheint, weitaus verlockender.

Laut Wikipedia ist "Ich sehe den Mann deiner Träume" der mittlerweile einundvierzigste Film, bei dem Woody Allen Regie geführt hat. Ich kenne nur einen Bruchteil davon, aber zumindest kann ich sagen, dass sich auch dieser Film um eine typische Woody-Allen-Problematik dreht. Die Geschichte spielt wieder einmal in London, irgendwo in jenen Kreisen, in denen Geld gerade noch eine Rolle spielt, es aber eigentlich nicht müsste, und das Leben prinzipiell ziemlich gut sein könnte, wäre da nicht das Ego eines jeden. Einerseits scheint jede Figur genau zu wissen, was sie will (auch wenn es zyklisch immer etwas Anderes ist), andererseits scheinen sie nur allzu unfähig, es zu erreichen. Der Erzähler aus dem Off fasst dieses Auf und Ab, dieses Hin und Her gut zusammen, indem er auf Shakespeare zurück greift: "Life's [...] a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing." Das sollte natürlich die Frage danach aufkommen lassen, ob denn dann das Ziel von Beginn an das richtige gewesen ist, aber, das zeigt der Film sehr gut, man kann sich auch gut davon abhalten, indem man einfach einer neuen Illusion hinterher rennt oder andauernd Whisky, wahlweise Sherry, trinkt.

Für mich persönlich reicht "Ich sehe den Mann deiner Träume" zwar nicht einen Film wie "Match Point" heran, bzw. kann sich in puncto Pointenreichtum und Zynismus nicht mit "Whatever Works" messen (dafür fehlt ihm ganz einfach auch ein Hauptdarsteller wie Larry David), obwohl so manche Figuren auch überaus lustig geschrieben und gespielt sind, so z.B. Charmaine oder Helena. Der Film zeigt wunderbar das Dilemma, dass einem immer genau das nicht genügen mag, was man hat, das Leben der Anderen immer so viel aufregender und toller erscheint – doch als Quintessenz des Films (Achtung Spoiler!) könnte man noch anfügen – es aber nicht per se ist. Es genügt nicht, vor seinen Problemen davon zu laufen, wenn man sie im Endeffekt doch nur hinter sich her zieht, indem man immer dieselben Fehler begeht. Denn wenn man Roy am Ende des Films durch Dias Fenster in sein altes Schlafzimmerfenster blicken sieht, weiß man genau, worauf Herr Allen eigentlich hinaus wollte. Darauf nämlich, dass es manchmal leichter sein könnte, zu erkennen, was man hat und was es kostet, dies aufzugeben. Auf jeden Fall eine Empfehlung, wenn einem die großen Fortsetzungsfilme des Dezembers à la Harry Potter und Narnia nicht so recht genügen wollen. Denn dass das 'normale' Leben schon skurril genug ist, das kann der Film mehr als deutlich machen.

Ich sehe den Mann deiner Träume
USA, Spanien 2010
Regie: Woody Allen
Buch: Woody Allen
Kamera: Vilmos Zsigmond
Mit: Naomi Watts, Josh Brolin, Gemma Jones, Anthony Hopkins, Lucy Punch, Antonio Banderas, Freida Pinto
98 Minuten

Und weil's so schön ist, noch zwei weitere Plakate zum Film:

 

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